Der dritte Weg ist nicht erkennbar

In doppelter Hinsicht durchlitt der Bürger Roms den Niedergang seines Imperiums. Zum einen mußte er erleben, wie seine Kraft nicht mehr ausreichte, die Pax Romana zu sichern. Geburtenreiche Völkerschaften, hun­grig, rotblond und fremd, überschritten in immer größerer Zahl die nördlichen Grenzen seines Reichs. Zum anderen wurde er aber auch gewahr, wie die Kultur, die er als den höchsten Ausdruck von Zivilisation empfand, schwach und dekadent geworden war. Unfähig zu integrieren, Fremde zu Römern zu machen, half sie am Ende lediglich zur Selbsttäuschung. Zuschauer seiner selbst geworden, ohnmächtig an Leib und Seele, erlebte der Römer den eigenen Untergang. Eine Beschreibung, die man auch auf das Europa der Gegenwart anwenden könnte. Entchristet, vergreisend, unfähig zu neuen, sozialen Ideen — so präsentieren sich heute die Völker Europas. Und dasjenige, was seit seiner Entstehung mehrfach nach Europa griff und immer wieder zurückgeworfen wurde, strömt nun nahezu ungehindert hinein. Man spricht von „Multikulturalismus“ und meint in Wirklichkeit nur die massenhafte Ansiedlung und Vermehrung muslimisch geprägter Völkerschaften. Denen wiederum kann man nicht verübeln, wenn sie sich mit Abscheu von der europäischen Kultur abwenden, die, so scheint es, Merkzeichen des Verfalls trägt. Europa, der sterbende Kontinent? Eine nihilistische Diagnose, gegen die der amerikanische Religionswissenschaftler Philip Jenkins anschreibt. In einer umfassenden Analyse der religiösen Verfaßtheit Europas will dieser alternative Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen, die den „Untergang des Abendlandes“ keineswegs so unausweichlich erscheinen lassen. Dabei konzentriert sich der Professor für Geschichte und Religion an der Pennsylvania State University auch auf den sogenannten „youth bulge“, also den massiven demographischen Überhang von Jugendlichen, die Wissenschaftler wie der Soziologe Gunnar Heinsohn als den Triebmotor muslimischer Expansion begreifen (JF 49/06). Zwar bemüht sich Jenkins, der im englischen Cambridge studierte, um eine differenzierte Betrachtungsweise der europäischen Verhältnisse. Doch gerade an diesem Thema wird ersichtlich, wie sich der ursprünglich auf Kriminologie spezialisierte Akademiker in dem reichhaltig angeführten empirischen Material häufiger verzettelt. Beispielsweise legt er zwar richtig dar, daß in den meisten muslimischen Ländern die Fertilität der Frau im Sinken begriffen ist. Daraus zieht Jenkins den Schluß auf einen schwindenden Migrationsdruck in naher Zukunft: „In dieser Situation müßte Europa noch südlichere afrikanische Staaten berücksichtigen, um ein Arbeitskräftepotential aufzutun; je weiter es dabei in den Süden vordringt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, auf ebenso viele Christen wie Muslime zu stoßen.“ Diese neuen christlichen Einwanderer bilden in Jenkins Augen zukünftig ein mögliches Gegengewicht zu den Muslimen, auch was die Form der Frömmigkeit betrifft: So „haben christliche Kirchen aus dem Süden normalerweise einen kräftigen charismatischen Zug“. Auch aus diesem Grund wirft Jenkins einen optimistischen Blick in die Zukunft: „In den kommenden Jahrzehnten werden die Christen Europas keine Alternative dazu haben, einen genauen Blick auf den Islam zu werfen, und sie werden dabei viel Vertrautes und Inspirierendes ausmachen.“ Dabei plädiert Jenkins für einen Königsweg der Auseinandersetzung, der sich zwischen rigoroser Ablehnung und völliger Hingabe der europäischen Christenheit an den Islam bewegt. „Falls es eine dritte Möglichkeit gibt“, fragt Jenkins allerdings zweifelnd, „so ist sie noch nicht erkennbar.“ Trotz vieler anregender Hinweise ist jedenfalls eine gewisse Lebensfremde Jenkins gegenüber den europäischen Verhältnissen erkennbar. Warum Europa ein „Arbeitskräftepotential“ in Entwicklungsländern erschließen muß, bleibt dem Leser verborgen. Jenkins blendet völlig aus, daß dieser Kontinent keine unqualifizierten Einwanderer benötigt, weil diese bereits jetzt in einem bei weitem ausreichenden Maß zur Verfügung stehen. Hier ist übrigens auch die Geburtenrate unverändert hoch, da sie durch Sozialhilfesysteme zum Familieneinkommen beiträgt und dieses nicht schmälert, wie es in den muslimischen Ländern mit sinkender Geburtenrate der Fall ist. Eine weitere „Afrikanisierung“ Europas durch Masseneinwanderung schwarzer Christen würde vor diesem Hintergrund nur zum Import weiterer afrikanischer Probleme führen. Keinesfalls könnte sie eine Lösung für Europas Probleme bedeuten. Philip Jenkins: Gottes Kontinent? Über die religiöse Krise Europas und die Zukunft von Islam und Christentum. Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2008, gebunden, 399 Seiten, 24,95 Euro

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