Joachim Kuhs

 

Das Große im kleinen

Von Gilbert Keith Chesterton (1874—1936) wird berichtet, er habe nie diktiert, ohne mit seiner Zigarre zuvor ein diskretes Kreuzzeichen zu schlagen. Dieses steht also über seinem schriftstellerischen Werk, insbesondere über seinen etwa 4.000 Essays. Eine der bekanntesten Essaysammlungen liegt nun erstmals in vollständiger Übersetzung vor: die „Tremendous trifles“ aus dem Jahr 1909. Chesterton schaut die Ereignisse des Alltags aus ungewohntem Blickwinkel an und fragt nach dem Wesen der Dinge. Man könnte von Existenzphilosophie sprechen, wenn all dies nicht so locker-leicht daherkäme. So geht er dem Problem von Ursache und Wirkung nach am Beispiel vom Wind und den Bäumen. Dabei stellt er auch die Frage nach der letzten Ursache und zieht das Fazit: „Wer sich nicht unablässig in Demut und Dankbarkeit übt, verliert die wahre Bedeutung des Himmels immer mehr aus den Augen.“ Egal ob Chesterton mit dem Zug fährt, still unter einem Baum sitzt oder seine Hosentaschen ausleert, immer entdeckt er im kleinen das ganz Große. Der tief im christlichen Glauben verankerte und 1922 zur katholischen Kirche Konvertierte verteidigt auch die Notwendigkeit von Dogmen: „Viele Menschen fragen sich, warum die Welt der Moderne keine typische Architektur mehr hervorgebracht hat, so wie beispielsweise den Impressionismus in der Malerei. Offensichtlich rührt das von einem Mangel an Dogmen her; wir ertragen es einfach nicht, wenn etwas Dauerhaftes und Beständiges in den Himmel aufragt.“ Vehement verurteilt er auch eine „Neue Theologie“, die keinen Unterschied zwischen Gut und Böse mehr kennt. Dabei führt Chesterton mit seinem nicht theologisch gebildeten Friseur ein Gespräch, das sich oberflächlich um das Rasieren, auf einer tieferen Ebene aber um theologische Fragen dreht. Da der Friseur instinktiv die progressistischen Ideen klar ablehnt, zeigt sich, wie weltfremd auch eine modernistische Theologie ist. Der Leser dieser Essays wird jedesmal auch das mit der Zigarre geschlagene Kreuzzeichen erkennen können. Es wird verständlich, warum Papst Pius XI. dem verstorbenen Gilbert Keith Chesterton 1936 den Titel „Defensor fidei“ (Verteidiger des Glaubens) verliehen hat. Gilbert Keith Chesterton: Vom Wind und den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten. Betrachtungen und Skizzen, Elsinor Verlag, Coesfeld 2008, broschiert, 204 Seiten, 16,80 Euro

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