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Frohlocket

Wer am Heiligen Abend erst dann stimmungsmäßig zur Höchstform aufläuft, wenn der Eröffnungschor des Bach­schen Weihnachtsoratoriums mit schwangeren Pauken, punktgenau strahlendem Blech und jauchzend frohlockenden Vokalballungen ertönt, dem konnte man von der ersten Aufnahme unter Nikolaus Harnoncourt eigentlich nur abraten. Diese Einspielung aus dem Jahr 1973 ist zwar ein Klassiker in der Diskographie des weihnachtlichen Kantatenzyklus – doch rührt dieser Status keineswegs daher, weil es Harnoncourt gelungen wäre, dem Festgeheimnis mittels einer quasi zeitlosen Interpretation in den Herzen der Hörer nachhaltig Widerhall zu verschaffen.

Der Rang dieser Aufnahme liegt, neben ihrer unbestrittenen musikalischen Qualität, vielmehr darin begründet, daß sie ein wichtiges Zeitdokument aus den Pioniertagen des Alte-Musik-Betriebes darstellt. Bereits die ersten knochentrockenen Paukenschläge verweisen auf einen rigiden Interpretationsansatz, der weit mehr Interesse in einem musikwissenschaftlichen Seminar wecken mag als Wärme im Familienkreis unterm Christbaum. Harnoncourt entrümpelte das Weihnachtsoratorium auch noch vom letzten Rest einer romantisch-symphonischen Aufführungstradition und setzte vor allem eine wichtige Wegmarke in der Diskussion um eine historisch angemessene Artikulation Bachscher Musik.

Seither hat sich der Dirigent immer wieder mit dem Werk auseinander gesetzt. Eine Neueinspielung, die im Rahmen von Konzertmitschnitten aus dem Wiener Musikverein entstanden ist, vereint nun, was weiland noch getrennte Wege ging: ein hochspannendes und in seiner Aufführungspraxis historisch hinreichend begründetes Musizieren auf der einen Seite, Wärme, Klanglichkeit, festliche, stimmungsmächtige und anrührende Momente auf der anderen.

Wie bereits in der früheren Aufnahme setzt Harnoncourt erneut auf die Orchestermitglieder des von ihm gegründeten Concentus Musicus Wien, greift aber diesmal nicht auf einen Knabenchor zurück, sondern auf den gemischten Arnold Schoenberg Chor, der weicher und homogener klingt als einst die jugendlichen Stimmen, es aber auch an Durchhörbarkeit nicht fehlen läßt. Harnoncourt hat bei Chor wie Orchester eingehend an der Artikulation gefeilt, was der Hörer in den besten Momenten bis in die Binnenstimmen hinein mitverfolgen kann.

Nicht ganz glücklich fällt hingegen die Wahl der weiblichen Solisten aus: Christine Schäfers eher instrumental geführter Sopran sagt man gerne eine engelgleiche Stimme nach. Böse Zungen befinden darob Schäfers Kunst auch als langweilig. Wie auch immer, in dieser Aufnahme klingt die Stimme gelegentlich etwas angestrengt. Nun ließe sich trefflich streiten, ob das zu bemäkeln ist, hätte die Sopranistin nicht bereits anderweitig ihr Können besser zum Besten gegeben. Doch auch Bernarda Fink hat schwache Momente, etwa bei der Arie "Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh" – der Mittelteil liegt der Altistin nicht wirklich in der Stimme. Rundweg besser weg kommen die Männer, angefangen bei Werner Güra, der einen klangschönen und runden Tenor ins Spiel bringt. Christian Gerhaher zeichnet einwandfrei für die letzten drei Kantaten verantwortlich, während Gerald Finley die ersten drei Teile übernommen hat und sich zum Beispiel atemberaubend bravourös durch die Prachtarie "Großer Herr, o starker König" schmettert.

Aber trotz kleiner Einschränkungen bei den Solisten gilt vor allem: Jetzt kann man auch mit Harnoncourt Weihnachten feiern. Jauchzet, frohlocket!

CD: Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium, Leitung: Nikolaus Harnoncourt, deutsche harmonia mundi 88697 11225 2

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