Der Kult um Rekorde

Nicht alle körperlichen Aktivitäten, nicht alle Formen der physischen Ertüchtigung sind zwangsläufig sportlicher Natur, und nicht jeder Sport ist gleichbedeutend mit Wettkampf. Ihn als Alleinstellungsmerkmal der europäischen Kultur zu bezeichnen, wäre übertrieben – doch hat diese dem sportlichen Kräftemessen seit jeher einen hohen Stellenwert zugemessen. Solche Wettkämpfe unterliegen einem agonistischen Prinzip und wurden bereits in der Antike von dem Gedanken der Ehre, die der Sieg über die Mitstreiter bringt, als wesentlicher Motivation beherrscht.

Diese Ehre wiederum ist untrennbar verbunden mit dem „Siegespreis“. Das altgriechische Wort dafür war athlon, ein mit dem Maskulinum athlos, „Prüfung“ (daher auch die Bezeichnung „Dodekathlos“ für die zwölf Aufgaben des Herkules) verwandtes Neutrum, von dem sich das gesamte Vokabular der „Athletik“ herleitet. Derselbe Begriff wurde für die Dichterwettbewerbe verwendet, deren Sieger gleichfalls mit einem Preis ausgezeichnet wurden.

Mitunter hat man Krieg als Sport betrachtet (und mitunter dient Sport als Vorbereitung auf den Krieg), doch ein sportlicher Wettkampf ist keine kriegerische Handlung. Seinen Wert erhält er dadurch, daß er zwischen Kontrahenten ausgetragen wird, denen man im voraus prinzipiell gleiche Chancen auf den Sieg einräumt. Die Konfrontation dient dazu, die Besten unter Gleichen zu ermitteln und schafft zugleich mehr Solidarität zwischen den Teilnehmern. Der Sport lehrt, daß Kampf gut ist und Sieg ein Selbstzweck – aber auch, daß der Gegner kein Feind ist.

Den heutigen Sport würden die alten Griechen kaum wiedererkennen, und nicht zuletzt daher rührt die Kritik, die immer wieder gegen ihn vorgebracht wird. Freilich ist derlei Kritik unberechtigt, wo sie sich gegen Erscheinungen wie die Professionalisierung, die Bezahlung von Sportlern oder den Charakter des Spektakels vieler Sportveranstaltungen richtet. Hier sind lediglich Exzesse oder Entgleisungen zu verdammen.

Manchen Gegnern des Sports mißfällt augenscheinlich seine ungeheure Popularität – die Begeisterung des Volkes für sportliche Wettkämpfe, die alles andere als eine moderne Erscheinung und um so weniger verwunderlich ist, als es kaum noch Gelegenheit hat, sich für anderes zu begeistern. Der Ruhm des Siegers aber läßt sich nicht von dem Stolz der Gruppe trennen, der er angehört und die sich in ihm wiedererkennt: Sportlicher Wettkampf setzt eine gemeinsame Welt und gemeinsame Werte voraus. Noch weniger Berechtigung haben Einwände, die sich gegen den Gedanken des Wettkampfes (des „sportlichen Elitismus“) richten, wenn darin lediglich das alte christliche Mißtrauen gegen den Körper neue Gestalt annimmt.

Kritik, die eine Affinität zwischen Sport als gesellschaftlicher Institution und dem industriellen Kapitalismus sieht, trifft den Kern des Problems schon eher. Für eine solche Affinität sprechen nicht nur die Geldsummen, die dabei heute im Spiel sind. Im Laufe der Geschichte ging ökonomische und kommerzielle Produktivität einher mit dem systematischen Streben nach quantifizierter Leistung.

Das Christentum achtete den Körper gering, die Kirchenväter verdammten den Sport als heidnische Verehrung der Lebenskraft und gottloses Vergnügen. In der Aufklärung kam dem Körper als Werkzeug im Dienst der entstehenden Technologie insofern Wert zu, als sich die Machthaber der „gleichzeitigen Steigerung seiner Nützlichkeit und seiner Gefügigkeit“ (Michel Foucault) widmeten. Entsprechend wird der Körper in der Schule, in der Werkstatt, der Fabrik und der Kaserne den Erfordernissen des herrschenden Systems angepaßt.

Zudem wird er zwecks Steigerung seiner Rentabilität ständig quantitativen Messungen unterworfen. Somit setzt sich zunehmend ein biomechanisches Menschenbild durch. Der Körper wird zur Maschine, einem Gegenstand, den man beherrscht, um daraus größtmöglichen Gewinn zu ziehen. In Jacques Elluls Worten hat sich der Körper damit zu jener „vervollkommneten Technik körperlicher Leistung“ entwickelt, die wie die wirtschaftliche Produktion einzig und allein nach Profitmaximierung trachtet.

Der Sport hat ein doppeltes Antlitz: Es geht entweder darum, den Besten zu ermitteln, oder darum, Rekorde aufzustellen. Wohlgemerkt sind dies zwei unterschiedliche Ziele. Sieger wird, wer qualitativ eine bessere Leistung erbringt als die anderen. Rekorde dagegen sind rein quantitativer Natur. Der Sieger ist ein Lebewesen, der Rekord eine abstrakte Messung. Die Griechen krönten Sieger mit Lorbeerkränzen, wie weit er den Speer geworfen hatte oder wie schnell er gelaufen war, interessierte jedoch niemanden. Der Sieg bestand darin, die Konkurrenten zu schlagen, echte Menschen aus Fleisch und Blut, nicht aber einen Rekord zu brechen, also eine Zahl durch eine andere zu ersetzen. Im Stadion wurden weder Distanzen noch Zeiten gemessen. Im neuzeitlichen Sport mißt man alles. Rekord bedeutet Leistung. Beim Sieg dagegen geht es nicht um ein Mehr, sondern um ein Besser.

Antiker Körperbegriff ist endlich 

Über ihren Körperbegriff war die antike Sportkultur nicht nur eng an Ästhetik und Religion gekoppelt, sondern auch an eine Metaphysik der Endlichkeit. Eben deshalb war ihr die Vorstellung des Rekords als Steigerung ins Unendliche unbekannt. Insofern besteht eine offensichtliche Affinität zwischen dem Kult um den Rekord – der von Geschwindigkeitswahn ebenso wie Meßwut zeugt – und der Fortschrittsideologie. Der moderne Mensch glaubt sich von allen Gesetzen der Natur frei und hält eine unendliche Überwindung auch seiner eigenen physischen Grenzen für möglich. Er träumt von einer Art ewiger körperlicher Steigerungsfähigkeit. Nach dem Vorbild des Fortschrittsgedankens resultiert der Rekordkult aus dem Streben nach einem Immer-mehr, nach einer linearen und aufsteigenden Entwicklung, die immer weiter getrieben wird. Der Rekordfetisch geht Hand in Hand mit dem Marktfetisch und dem Wachstumsfetisch. Die zugrunde liegende Idee ist die des unmöglichen Limits, des Triumphs der Grenzenlosigkeit.

Selbst unter Doping stößt der Körper jedoch unweigerlich an biologische Grenzen. Je mehr Rekorde „gebrochen“ werden, desto flacher wird die Kurve, desto mehr nähert sich ihr Anstiegswinkel der Horizontalen. Was soll das, einen Rekord um einen Zentimeter, um ein Tausendstel einer Sekunde zu schlagen? Gewiß haben sich sportliche Leistungen im Laufe der Geschichte verbessert, doch kann dies nicht unendlich weitergehen: Niemand wird jemals mit bloßen Händen zehn Tonnen stemmen oder die hundert Meter in weniger als drei Sekunden laufen!

„Tugend und Weisheit entspringen dem Körper, und ohne Körper gibt es weder Tugend noch Weisheit“, schrieb Mao Tse-tung 1917 in einem Aufsatz „Über die sportliche Erziehung“, seine Version der Sentenz „Mens sana in corpore sano“ des römischen Satirendichters Juvenal. Inzwischen haben wir den Körper einerseits „befreit“ und andererseits „verdinglicht“, rehabilitiert und versklavt, überfordert und mit Medikamenten gefüttert. Er bleibt gefangen zwischen dem Ideal künstlicher Schönheit oder ewiger Jugend und den neuen hygienistischen Normen der Biopolitik. Der Körper ist nicht mehr nur naturgegeben, sondern auch ein gesellschaftliches Produkt.

Auch der Sport selber läßt sich weder von den gesellschaftlichen Bedingungen noch vom historischen Wandel getrennt betrachten. „Der Sport ist so, wie die Sitten sind“, sagte der französische Schriftsteller Henry de Montherlant (1895-1972). „Der Sport wird dann reformiert, wenn die Gesellschaft reformiert wird.“ Ein großes Vorhaben.

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