Joachim Kuhs

 

Bunt wie die Farben des Herbstlaubes

Wenn der 2003 von den „neocons“ inszenierte Irakkrieg doch noch „gut“ ausgehen sollte, fragt keiner mehr nach den Hintergründen des blutigen Spektakels. Daß die lange Vorgeschichte mit Winston Churchill einsetzt, auf dessen Drängen als Kriegsminister die englische Regierung aus den Ruinen des Osmanischen Reiches ein Staatsgebilde  „Iraq“  zusammenstückelte, ist einer amerikanischen Enzyklopädie zu entnehmen: „Zwei unverträgliche Kulturen (arabisch und kurdisch) und zwei feindliche Linien des Islam (sunnitisch und schiitisch) wurden so in einem Land nebeneinandergesetzt, um es als britisches ‚Mandat‘ von einem aus Jordanien gebürtigen König Feisal regieren zu lassen“, schreibt zum Thema „Iraq War“ John Zmirak, Mitherausgeber der Zeitschrift The American Conservative.

Im Eintrag „Intercollegiate Studies Institute“ verrät Zmirak die Herkunft des vorliegenden Werkes: ISI sei „one of the leading intellectual conservative organizations in America“.  Gleichrangig mit dem American Enterprise Institute und der Heritage Foundation geht diese Bastion der US-Konservativen auf den „libertären“ Journalisten Frank Chodorov zurück, der 1953 die „Intercollegiate Society of Individualists“ gründete.

Hatten Franklin D. Roosevelt und die vom Keynes’schen „deficit spending“ inspirierten New Dealer den Verteidigern des alten Laissez-faire-Liberalismus das Etikett „conservatives“ angehängt, so galten diesen die „liberals“, das heißt alle Verfechter des Staatsinterventionismus als „collectivists“ und verkappte Sozialisten. Chodorov trat mit „A Fifty-Year-Project to Combat Socialism on the Campus“ hervor.

Zum jüdischen Glauben zurückgekehrt, hielt er Distanz zum exaltiert marktradikalen „Objektivismus“ der Romanautorin Ayn Rand, der Kultfigur libertärer Nonkonformisten. In dem Katholiken und Ölmillionärssohn William F. Buckley Jr., der 1951 seine Anklage gegen den unchristlichen Geist an der Yale University erhoben hatte, fand Chodorov einen wortmächtigen Mitstreiter.

Buckley, dem die von den „liberals“ betriebene antisowjetische „Eindämmungspolitik“ als „zu weich“ erschien, der den „Kommunistenjäger“ Joseph McCarthy verteidigte und gar in „Up from Liberalism“ (1959) der auf Rassensegregation gegründeten Lebensform des Südens gegen die aufkommende Bürgerrechtsbewegung Symphatien abgewann, avancierte bei den Liberalen zur bestgehaßten Leitfigur der Konservativen.

<---newpage---> Mit Reagan kam der Durchbruch

Buckley gelang es allerdings, ab 1955 im National Review „Konservative“ unterschiedlicher Couleur zusammenzubringen. Zu den Autoren zählten der liberal-konservative Traditionsverfechter Russell Kirk („The Conservative Mind“, 1953) oder Protagonisten der reinen Lehre des freien Marktes wie Murray Rothbard, dazu der Ex-Trotzkist James Burnham – als CIA-Planer fädelte er 1953 den Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh ein -, sowie Emigranten wie Thomas Molnar und William S. Schlamm, in den sechziger Jahren als Ex-Kommunist und „Kalter Krieger“ Haßobjekt deutscher Linker. Atheisten wie Ayn Rand und Max Eastman trennten sich jedoch von Buckley, der sowohl libertäre als auch traditionalistische Ansichten propagierte.

Mit dem republikanischen Kandidaten Barry Goldwater erlitten die Konservativen um Buckley 1964 ein politisches Desaster, mit dem Aufstieg des Ex-Demokraten Ronald Reagan erlebten sie 1980 den triumphalen Durchbruch. Mit Bush Jr. scheint der konservative Höhenflug im liberalen Amerika vorerst beendet.

Was gilt in Amerika als konservativ? Vordergründig geht es um die in Beiträgen über Neokonservatismus (John Ehrman) und Palaeokonservatismus (Paul Gottfried) markierte Bruchlinie zwischen den „neocons“, den oft in der Tradition des New Deal stehenden Verfechtern des Demokratieexports und den meist vom Wirtschaftsliberalismus der Republikaner geprägten „palaeocons“, die, einst unerbittliche Antikommunisten, außenpolitisch Zurückhaltung empfehlen.

Eine spezifische Spaltung im konservativen Lager begegnet uns in der Schülerschaft des oft als Neocon-Ahnherr verdächtigten Leo Strauss. Die Ostküsten-Straussianer teilen mit Strauss die Skepsis gegenüber der „offenbarten Wahrheit“ und bevorzugen in dem von ihm konstatierten unaufhebbaren  Spannungsverhältnis in der  abendländischen Tradition, zwischen „Jerusalem“ und „Athen“, dessen Parteinahme für Athen, die Geburtsstätte der sokratischen Vernunft.

Die von Harry Jaffa angeführte „weniger philosophische und mehr politische“ Westküsten-Schule betrachtet, in der Tradition des amerikanischen Sendungsbewußtseins, die USA als universell herausragendes Modell einer liberalen Demokratie, gegründet auf das Naturrecht, die „selbst­evidenten Wahrheiten“ der Unabhängigkeitserklärung sowie das Ethos eines Abraham Lincoln.

<---newpage---> Tradition des Christentums schwindet im Westen

Die Analyse des „Straussianismus“ stammt von dem ISI-Redakteur Mark C. Henrie. Zusammen mit Beiträgen des Herausgebers Bruce Frohnen tritt  in Henries Artikeln das tiefere Begriffsdilemma hervor: Wie verträgt sich eine historisch-relativierende Sichtweise mit dem Verlangen nach Kontinuität und Traditionsbewahrung? Wie läßt sich aus der Aufklärung eine „konservative“ Traditionslinie destillieren? Wie lassen sich eine historische Denkweise, orientiert an Edmund Burke, und, im Gefolge von Adam Smith, die Abstraktionen der ökonomischen Analyse vereinbaren?

Vor dem Hintergrund „linker“ Attacken gegen den „Neoliberalismus“ und konservativer Besorgnis über die Globalisierung vermitteln die Beiträge über die Austrian School of Economics sowie „Keynesian economics“, über Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises, Gottfried Haberler sowie über „monetarist economics“ und Milton Friedman einen Begriff der Neoklassik. Ihre Doktrinen bescherten dem „alten“ Wirtschaftsliberalismus eine Renaissance und reichen längst über den wirtschaftsliberal geprägten „Konservativismus“ hinaus.

Von den Traditionen des Westens sei das Christentum verschwunden, konstatiert Henrie. Übriggeblieben sei die im Universalismus der Aufklärung begründete „Zivilisation des Liberalismus“. Von der Verteidigung des „Westens“ gegen „die alte Bedrohung aus dem Osten – Islam“ sei im „Krieg gegen den Terror“ von den Neokonservativen wenig zu hören.

Die Lagerbegriffe „links“ und „rechts“, die viele Beiträge durchziehen, fehlen als Stichworte. Kein Zufall hingegen, daß als Eintrag der einstige neomarxistische Historiker Eugene Genovese und als Autorin dessen Gattin Elizabeth Genovese-Fox, die den Beitrag „feminism“ verfaßte, zu finden sind. Unter den Europäern vermißt der Rezensent Montesquieu, hinter „community“ wäre ein Beitrag zum  „communitarianism“ sinnvoll. Neben dem neo-orthodoxen Protestanten Reinhold Niebuhr wäre ein Eintrag zu dem ex-marxistischen Katholiken Charles Taylor angebracht gewesen, neben den großen Südstaatlern William Faulkner und Flannery O’Connor ein Verweis auf Julien Green.

In summa bietet die Enzyklopädie – aus erkennbar katholischer Perspektive – einen vorzüglichen Zugang zur amerikanischen Kultur und Geschichte. Es vermittelt zudem (etwa in „modernity“ and „postmodernity“) einen Begriff von den Paradoxien menschlicher Existenz.

Bruce Frohnen, Jeremy Beer, Jeffrey O. Nelson (Hrsg.): American Conservatism. An Encyclopedia. ISI Books, Wilmington / Delaware 2006, gebunden, 979 Seiten, 28,90 Euro

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