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Als die Guten noch schön aussahen

Obwohl sich mittlerweile die Anzahl der in Deutschland präsentierten Ausstellungen über Geschichte, Verbrechen und Nachwirkungen des Nationalsozialismus kaum noch beziffern läßt, fällt zugleich auf, daß nach wie vor Kunstwerke der NS-Epoche selbst zum Zwecke der Dokumentation nur sehr selten und dann auch nur in einem sehr engen Kontext gezeigt werden. Offensichtlich wird immer noch ihre Verführungsmacht gefürchtet, die der Dokumentarfilmer Ray Müller in seinem Riefenstahl-Porträt von 1993 als „Die Macht der Bilder“ betitelte. Wer es dennoch wagt, Kunst des NS-Staates in größerer Zahl im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren, muß nahezu zwangsläufig mit scharfen Reaktionen rechnen. Von der Großen Kunstausstellung in Weimar von 1993 über die 1995 geplante Präsentation „Hoffmann und Hitler“, die aufgrund von Drohungen aus dem linksextremistischen Spektrum im Berliner Deutschen Historischen Museum (DHM) nicht gezeigt werden konnte, bis zur ersten Werksausstellung nach 1945 über Arno Breker im vergangenen Jahr in Schwerin – bei all diesen Unternehmungen war von vermeintlichen „Tabubrüchen“ die Rede. Eine Ausnahme stellte die 1996 im DHM präsentierte Ausstellung „Kunst und Macht“ dar, deren Förderung der Europarat übernommen hatte. Allerdings beschränkte sich diese noch ausschließlich auf die Kunst der Diktaturen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zeigte diese in einer linearen zeitgeschichtlichen Abfolge der Entwicklungen im jeweiligen Nationalstaat. Ein konkreter Vergleich der Inhalte und Kunstrichtungen miteinander war so nur begrenzt möglich. In dieser Hinsicht stellt die jetzige Präsentation des DHM, „Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930 bis 1945“, die bis zum 29. April im Untergeschoß des Pei-Baus besichtigt werden kann, einen wesentlichen Fortschritt dar. Denn in ihr wird zum einen erstmals Kunst mit ähnlichen Propagandainhalten aus vier Systemen, die in dieser Zeit um eine Vormachtstellung in der Welt rangen, direkt und unmittelbar gegenübergestellt. Zum anderen findet neben dem Nationalsozialismus (Deutschland), dem Faschismus (Italien), dem Bolschewismus (Sowjetunion) auch ein demokratisches System (USA) in den Vergleich Aufnahme. Dies erscheint schon deshalb gerechtfertigt, da dort in den Jahren des New Deal unter Präsident Franklin Delano Roosevelt ebenfalls zahlreiche direkt von der Regierung geförderte Kunstwerke entstanden, die den Kriterien der Propagandakunst gleichfalls entsprechen. Die Ideale glichen sich, die USA hatten kein Feindbild Die in der Ausstellung in annähernd gleicher Stückzahl präsentierten Werke aus den vier Staaten (insgesamt über 400 Exponate) sind einander in vier Kategorien gegenübergestellt. In der ersten Abteilung werden Bilder der Staatsführer gezeigt. Diese bilden traditionell das symbolische Zentrum jeder politischen Ikonographie. Unter der Prämisse des Wettkampfes der Systeme wird das Bild des Herrschers nicht nur zu einer Demonstration der jeweiligen Staatsmacht und deren unmittelbarer Ansprüche, sondern zugleich auch zu einem wichtigen Vermittlungsinstrument nationaler Identität. In dieser Konsequenz ist leicht nachvollziehbar, warum alle vier Systeme die Herrscherporträts unter eine besonders strenge Kontrolle stellten und deren Verwendung sowie Reproduktion durch eine rigide Zensur prüfen ließen. Die zweite Abteilung der Ausstellung umfaßt Bilder von Mensch und Gesellschaft. In diesen Kunstwerken werden das Selbstverständnis und die ideologischen Grundlagen der politischen Systeme in weitaus umfassenderer Form als in den Führerporträts sichtbar. Der Darstellung des idealen Menschentyps, den diese Systeme plastisch wiederzugeben versuchten, stand stets auch sein Gegenstück – der „naturgegebene Feind“ der eigenen Ordnung – gegenüber. Im Gegensatz zum Idealbild des Menschen ergibt sich im Hinblick auf ein konkretes Feindbild – der rassisch Minderwertige, der Klassenfeind – hier ein deutlicher Unterschied zu den Vereinigten Staaten. Dort existierte (in der Vorkriegszeit) kein solches faßbares Bild. Selbst vergleichsweise stark polemische Darstellungen von politischen Gegenspielern tragen einen weitaus differenzierten Charakter. Im Mittelpunkt der dritten Abteilung – Bilder von Arbeit und Aufbau – steht die Darstellung städtebaulicher Großprojekte. Die Ideale der politischen Systeme sollten insbesondere in den Zentren der Macht eine charakteristische, unverkennbare Gestalt annehmen. Zugleich sollte mit baulichen Großprojekten nach der allgemeinen Depressionsphase bis zum Beginn der dreißiger Jahre die Bevölkerung von der (neuen) Politik der Regime begeistert und von den Leistungen der (neuen) Regierungen überzeugt werden. Allgemein fällt bei diesen Werken in allen Systemen die enorme Technikgläubigkeit auf, die stets mit dem Anspruch verknüpft ist, daß die ideale Beherrschung dieser Technik nur unter dem jeweiligen Regime möglich sowie an einen konkreten Menschentyp gebunden sei. Gleichzeitig wurde in allen vier Systemen der einfache, ländliche Mensch stark verehrt. NS-Propagandawerke lagern in Washington In der letzten Abteilung – Bilder vom Krieg – werden die Formen der Agitation gezeigt, mit denen die Systeme ihre kriegerischen Handlungen zu rechtfertigen versuchten und die Bevölkerung mobilisierten. Im Lob der Kriegsausrüstung erlebt die Technikbegeisterung der Vorkriegsphase einen Höhepunkt. Ebenso findet das Bild des Kämpfers eine weitere heroische Überhöhung. Zu den Pluspunkten der Ausstellung „Kunst und Propaganda“ zählt, daß die beiden Kuratoren Hans-Jörg Czech und Nikola Doll neben einigen Paradebeispielen vor allem Werke präsentieren, die bislang der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt sind. Ein Teil der zu sehenden NS-Propagandawerke befindet sich seit Kriegsende in den USA und bildet unter anderem einen Bestandteil der rund 450 Darstellungen umfassenden German War Art Collection. Sie werden im U.S. Army Center for Military History in Washington aufbewahrt. Die Ausstellungsmacher haben gezielt ein möglichst breites Spektrum künstlerischer Darstellungen einbezogen. Es umfaßt neben klassischen Gemälden, Skulpturen und Filmausschnitten Fotos, Bücher, Zeitschriften, Kalender, Plakate und Broschüren. So kann der Besucher sich ein umfassendes Bild von den Besonderheiten der Propagandakunst der verschiedenen Regime, ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten machen. Dieses dürfte genügend Anlaß zu weiteren Diskussionen und Kontroversen geben. Fotos: Ernesto Michahelles, „Der große Steuermann“, 1939; Richard Heymann, „Sonniges Leben“, 1939; Alexander N. Samochwalow, „Metrobauerin“, 1937 (v.l.n.r.): Nur Ideologie macht glücklich Die Ausstellung „Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930-1945“ ist bis zum 29. April im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Hinter dem Gießhaus 3, täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt beträgt 4 Euro. Ein reich bebilderter Katalog mit 536 Seiten kostet in der Ausstellung 34 Euro.

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