Tanzen, spielen, rauchen, zechen

Die Staatliche Kunsthalle in Karlsruhe, eine der renommiertesten Adressen für Kunstliebhaber, hat in der Vergangenheit durch sensationelle Ausstellungen von sich reden gemacht. Nach Chardin und Delacroix widmet sich derzeit eine Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg mit dem Thema „Alltag und Vergnügen in Flandern“ David Teniers dem Jüngeren. Die erste monographische Schau zu Ehren von Teniers in Deutschland zeigt fast hundert Gemälde und Zeichnungen eines der bekanntesten flämischen Bauernmaler. Dazu kommen Bilder von Jan Brueghel, Pieter Brueghel dem Jüngeren, Adriaen Brouwer und den Gebrüdern Saftleven, die zur Lehrergeneration von Teniers gehören. Viele weitere Exponate veranschaulichen die nachhaltige Wirkung von Teniers bis zu Wilhelm Busch. David Teniers der Jüngere stammt aus einer alten Malerfamilie, in der fünf Generationen gemalt haben. Der Sohn und Schüler von David Teniers dem Älteren wurde 1610 in Antwerpen geboren. Er lebte in glänzenden Verhältnissen mit einem weltläufigen Hintergrund: 1632 trat er in die angesehene Antwerpener Lukasgilde ein, deren Dekan er später wurde. Zu den leidenschaftlichen Bewunderern seiner Kunst zählte Erzherzog Leopold von Österreich, ein kunstbegeisterter Fürst und Mäzen, der als Statthalter der österreichischen Niederlande in Brüssel mit viel Kunstsinn und Stilgefühl eine aufwendige Hofhaltung führte und eine rege Sammeltätigkeit entwickelte. Teniers zog 1651 nach Brüssel, um dem Hof nahe zu sein, und wurde alsbald in den Rang eines Hofmalers und Kunstberaters des Erzherzogs Mitglied des Hofstaates erhoben. Die Kontakte, die er von hier aus zu den besten Häusern Europas und den Potentaten der Zeit herstellen konnte, wußte er sich in hohem Maße dienstbar zu machen. So gelangte er zu höchstem Ansehen und Wohlstand. Teniers malte Gestalten aus dem einfachen Volk Teniers‘ Schaffen fällt in die Zeit des Barock, aber die Zeit der hochbarocken Malerei mit ihrer Übersteigerung von Handlung, Bewegung und Gestik ist vorbei. Das Barock malte keine realen Personen und Orte, sondern klassische Landschaften als Kulisse für Helden und Götter. Bei der nun einsetzenden Genremalerei werden die Figuren nicht mehr nach den schablonenhaften Vorgaben und mit dem überspannten emotionalen Gehalt der barocken religiösen Malerei gemalt. Teniers malt Gestalten aus dem einfachen Volk in Wirtshäusern, Scheunen, Baderstuben, auf dem Dorfanger und der Landstraße und widmet sich der Wiedergabe des Alltags und des schlichten Vergnügens. Dabei wird diese Genremalerei, wie sie neben Teniers vor allem auch für Jan Stehen, Gerard Terborch, Pieter de Hooch, Jan Vermeer und die Malerfamilie Brueghel typisch ist, lange vorher von Hieronymus Bosch vorbereitet: Religiöse Szenen gestaltete er nach dem Leben der Zeit auch als Milieuschilderungen, die uns den törichten Lauf der Welt zeigen – eine allegorische Lesart, die auch bei Teniers angebracht ist. Pieter Brueghel der Ältere hatte dann als erster die pittoreske Vielgestaltigkeit des Bauernlebens mit seiner derben Unmittelbarkeit entdeckt; mit seiner zutiefst pessimistischen, gleichwohl satirischen Darstellung von Bauern, Bettlern, Krüppeln, Kindern und der verschlüsselten Thematik hinter den Schroffheiten und Widerwärtigkeiten und dem Abstoßenden des menschlichen Daseins öffnet sich die Malerei den niedrigsten Formen des gesellschaftlichen Schauspiels und damit einer rein innerweltlichen Ausdeutung der menschlichen Existenz. Die holländische Malerei hat sich damit von der religiösen Thematik und den italienischen Meistern gelöst. Zustände friedlicher, behaglicher Stimmung So entsteht mit der Wende zum 16. Jahrhundert das flämische Sittenbild: Darstellungen von Volksbelustigungen, Musikanten, Marktfrauen, Kaufleuten, Wucherern, Chirurgen, Quacksalbern oder Blumen- und Küchenstücken. David Teniers malt zunächst Kneipen- und Wirtshausszenen in der Manier von Adriaen Brouwer: dämmrig-bäuerliche Interieurs mit dem urwüchsig polternden Treiben einer ungebärdigen Gesellschaft in leicht romantisch-poetischem Licht. Aber während Brouwer eher dramatische Situationen schildert – die Prügeleien einer verrufenen Gesellschaft oder die Grimassen beim chirurgischen Ein- oder Mißgriff eines Baders oder Quacksalbers, schließlich lärmende Zügellosigkeiten bei Suff und Kartenspiel -, finden wir bei Teniers vor allem Zustände friedlicher, behaglicher Stimmung, ein harmonisches Zusammensein von Mensch und Tier. Tiefe Heimatverbundenheit drücken seine lebendigen Schilderungen des Volkes an Kirmes- und Feiertagen, bei Zechereien oder Völlereien in ländlichen Wirtshäusern oder Scheunen aus: Tanzende, Schmausende, Rauchende, Würfelnde, Kartenspieler, Zecher, Liebende und Betrunkene im dörflichen Variationenreichtum begegnen uns da, aber auch gutsituierte Städter, die sich dem ländlichen Vergnügen nähern und amüsiert zuschauen. Das bäuerliche Leben hatte viele Reize, gerade auch für Patrizier oder Adelige, die nach steifer Etikette am Hof leben mußten. Und so fanden gerade die großen Dorfbilder von Teniers bei reichen Leuten Käufer, die der brüchigen Welt des Barock mit ihrem verbildeten Wirklichkeitsverhältnis überdrüssig waren. Es ist die alte schwärmerische Sehnsucht nach dem idyllischen Landleben, nach Arkadien, wo man einfacher, ursprünglicher und natürlicher lebt, die sich in solchen Bildern ausdrückt. Hier kommen Übereinstimmungen mit unserer Gegenwart und jüngsten Vergangenheit zum Vorschein, in der die Rückkehr zur Natur und die Wiederbelebung alter Volkstümer als Erwiderung auf die morschen Konstruktionen einer modernen Zivilisation proklamiert wurden. Im Bauerngenre von Teniers zeigt sich die intensive Wirkung von Pieter, insbesondere aber Jan Brueghel, denn als Schwiegersohn des letzteren – Peter Paul Rubens war sein Trauzeuge bei der Heirat mit Anna Brueghel – kam er per Erbschaft in den Besitz zahlloser Werke der Malerfamilie Brueghel. Als Bewahrer des Brueghelschen Erbes übernimmt er in seinen Werken Motive und Anlagen seiner Vorbilder, etwa den Gesamteindruck der unmittelbaren Beteiligung des Betrachters am dargestellten Geschehen oder die bunten Tupfer in Staffage und Landschaft, statt der starken Ballung von Farbe wie bei seinem Lehrer Rubens. Vor allem aber ist da die Komposi-tion der gegeneinander gesetzten Gründe, die sich im L-förmigen Aufbau der Bilder zeigt: Da ist zunächst links oder rechts im Bild ein bühnenartiger Vordergrund, der nach hinten durch eine Wand oder einen Lattenzaun begrenzt wird; auf der anderen Seite erstreckt sich der Raum in die Tiefe, die bei Innenräumen meist dunkel gehalten ist, bei den Dorfansichten sich in die Landschaft weitet. Faszinierend ist Teniers auch als Stilllebenmaler. Kannen, Kessel, Töpfe, Zuber, Flaschen, Gläser, Fässer, allerlei Gerümpel, Viktualien, Gerätschaften aus Messing, Holz, Glas, alles liegt achtlos herum, ist aber mit äußerster Sorgfalt gemalt und stoffartig genau wiedergegeben. Ein tieferer Sinn hinter der äußeren Darstellung David Teniers lieferte auch die zeichnerischen Vorlagen für die Teppichweber der großen Gobelins, die in spanischen und österreichischen Schlössern und in den Patrizierhäusern der Barockzeit hingen. Auch solche üppigen Wandteppiche mit Darstellungen von Bauernbelustigungen, Tanzvergnügen und Gasthausszenerien nach der Art von David Teniers zeigt die Karlsruher Kunsthalle. Die Gobelins, die ursprünglich im Mannheimer Schloß hingen, kamen nach 1918 als privater Besitz des Hauses Baden ins Neue Schloß zu Baden-Baden. Als im Oktober 1995 dort die Sammlung der Markgrafen und Großherzöge versteigert wurde, war es ganz selbstverständlich, daß das Land Baden-Württemberg dieses landesgeschichtlich bedeutsame Gut erwarb. Die Gobelins wurden in den vergangenen Jahren gereinigt und sollen nach dem Ende der Ausstellung wieder ins Mannheimer Schloß zurückkommen. Bei aller Lebensfreude, der Teniers in seinen Bilder Ausdruck gibt, soll man das Ende des Lebens nicht vergessen. So steckt hinter der äußeren Darstellung auch immer ein tieferer Sinn, eine moralische Unterweisung, eine Erinnerung an die Vanitas. In den lockeren Alltagsszenen erscheint verschlüsselt ein ernstes Thema, ein mahnendes Sprichwort, ganz besonders in den Affen- und Katzenbildern von Teniers. Seine Tierparodien auf das eitle Treiben der Menschen stehen in der Tradition der mittelalterlichen Tierfabeln. So enthalten die Bilder von David Teniers d. J. auch die ganze Symbolik und Emblematik des 16. und 17. Jahrhunderts. Wilhelm Busch, der der flämischen Bauernmalerei zugetan war, eignet sich gut zur Interpretation der Bilder von Teniers, wenn er sagt: „Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.“ David Teniers starb am 25. April 1690. Bei ihm trifft zu, wie Martin Heidegger sagt, daß „aus dem Boden der Heimat ein Werk der Kunst gediehen ist“. David Teniers d.J., „Dorffest“ (Öl auf Leinwand, 1648): Das ländliche Leben hatte viele Reize, gerade auch für Patrizier oder Adlige David Teniers d.J., „Selbstbildnis“, Ausschnitt, 1630er Jahre Die Ausstellung ist bis zum 19. Februar täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Str. 2-6, zu sehen. Tel.: 07 21 / 9 26 33 59

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