Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Synthi ade

Vielen wird John Waites Name auf den ersten Blick kein Begriff sein und seine früheren Rockbands, The Babys sowie die Supergroup Bad English (mit „Journey“-Gründungsmitgliedern Neal Schon und Jonathan Cain), allenfalls eine vage Erinnerung. Seine Kompositionen, insbesondere Radiostandards wie „Isn’t it Time“, „When I See You Smile“ oder „Missing You“, können sie dennoch mitsummen, haben sie sich ihnen doch schon zu Jugendzeiten in die Gehörgänge eingefräst. Dies gilt wohlbemerkt nur für Menschen, die ihre prägenden Jahre Ende der 1970er vor einem Radio verbrachten, das nur Rocksender empfing, oder aber stolze Besitzer einer „Greatest Rock-Hits“-Sammlung von damals sind. Noch besser hatte es mal wieder Amerika: Dort wird MTV schon seit 1981 ausgestrahlt, und auch die Videos zu jenen Megahits erfreuten sich einst großer Beliebtheit. Mit seinem neuesten Studioalbum „Downtown Journey of a Heart“ (Frontiers Records) kehrt Waite zu Klassikern aus jener Zeit zurück. Daneben sind zwei neue Stücke zu hören, eine hervorragende R&B-Coverversion von Bob Dylans „Highway 61“ sowie einige weniger bekannte Nummern aus Waites eigener Feder. Er verzichtet auf den einst unvermeidlichen Synthesizer-Sound zugunsten eines erfrischend entschnörkelten akustischen Stils, der dem Zuhörer unmißverständlich bedeutet, daß Waites musikalischen Wurzeln in der britischen Rock- und Bluesszene der späten sechziger Jahre liegen. Gitarre, Schlagzeug und Hammond-Orgel schmeicheln seiner bluesigen Stimme und lassen seine frühen Vorbilder The Faces, Humble Pie und Free mehr als nur anklingen. Der Opener „The Hard Way“ allerdings erinnert eher an Tom Petty: Ein übermütiger Gitarrenriff und ein Rebellenschrei bilden den Auftakt zu einem ansteckenden Rocker über die unzuverlässige Natur der Liebe irgendwo mitten in Amerika. Besser könnte keine Platte losgehen – auch deshalb hat sich Waite wohl entschlossen, das Titelstück seines Studioalbums von 2004 hier noch einmal aufzuwärmen. Danach aber wagt er sich in musikalisches Neuland vor und liefert mit den akustischen Interpretationen sattsam bekannter Hits einige durchaus erfreuliche Überraschungen. „Missing You“, 1984 für seine damalige Frau geschrieben und womöglich der bekannteste Nummer-eins-Hit seiner dreißigjährigen Laufbahn, wird hier ohne Synthi-Pop-Zinnober als ordentliches Country-Duett präsentiert, das selbst in Nashville salonfähig wäre. Ähnlich countryfiziert wurde auch „When I See You Smile“, das Bad English als pompöses Orchesterstück zu spielen pflegte. Allein die Pop-Hymne „Isn’t It Time“, mit der The Babys 1977 in den USA unter die Top Twenty kamen, erschallt 29 Jahre später bis auf die fehlende Hornsektion fast unverändert – und klingt gerade deshalb veraltet und schwunglos. Ansonsten bietet „Downtown Journey of a Heart“ eine nette Mischung intimer Pop-Balladen, die – fast ließe der Albumtitel es vermuten – einfache Liebesgeschichtchen vor allem aus New York erzählen („N.Y.C. Girl“, „St. Patrick’s Day“), und bluesig-melodischer Rocknummern („Keys To Your Heart“, „Headfirst“). Den Höhepunkt indes bildet „Downtown“ von Waites 1995er Platte „Temple Bar“, der balladeske und rockige Elemente vereint. Beschwingtes Klavierspiel begleitet Waites wehmütige Stimme auf eine persönliche Reise voller Zukunftsängste und Sehnsüchte nach längst Vergangenem. Dann jedoch vermag ein Wirbel elektrischer Bluesgitarre alle bösen Geister zu vertreiben, und mir nichts, dir nichts erklingt eitel Sonnenschein und Hoffnung. Solche besteht im Überfluß für einen Musiker, der fest entschlossen scheint, in die Zukunft zu schauen, indem er seine Vergangenheit neu entdeckt.

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