Sch steht für Schrottland

Die Ferien gehen zu Ende, die Schule fängt wieder an. Für viele der lieben Kleinen beginnt jetzt der Ernst des Lebens. Aber heuer sind sie nicht allein, nein, auch „Ritter Rost geht in die Schule“. Das wurde höchste Zeit! Schließlich erblickte Ritter Rost vor mehr als zehn Jahren das Licht der Kinderzimmer. Damals erlösten uns Felix Janosa und Jörg Hilbert aus der C-Dur-Ödnis der kindgerechten Klänge. Aus war’s mit der Schreckensherrschaft der tristen Terzen und den trostlosen Texten voll Sonnenkäfern und Krabbelschnecken. Vor langer, langer Zeit erfand Jörg Hilbert die erste Geschichte vom Ritter Rost. Der ist ein kindischer Held, meint es gut und macht es schlecht. Er ist eigensinnig, dumm und oft ein bißchen furchtsam – ein Kindskopf wie du und ich, möchte man sagen. Aber ein Kindskopf mit Charakter! Seine Abenteuer leben von der Lust am Nonsense und vom Spaß am Unfug. Hilbert will unterhalten. Seine witzigen Lieder profitieren davon, daß er seine Karriere nicht als Grundschullehrer begann, sondern als Werbetexter. Als Zeichner schuf er dazu eine bunte Welt aus Wellblech. Seinem Ritter schenkte er das Gesicht eines Peugeot 404 und den Bauch einer Registrierkasse. Zum Stammpersonal zählt die Burgfrau Bö, ein Mädchen aus Fleisch und Blut immerhin und keine Eiserne Jungfrau. Sie muß meistens geradebiegen, was der Ritter verbockt. Dabei stehen ihr zur Seite: ein sprechender Hut, dumm wie Stroh, und der anarchistische Drache Koks. Mit der Zeit gesellten sich noch König Bleifuß der Verbogene, der Hofschreiber Ratzefummel, Kehrlinde Freifrau von Putz- und Scheuermann oder der Werwolf Mies hinzu, nebst Vampiren, Bauchrednern und rappenden Raben. Hilberts Helden führten zunächst das berühmte Leben in der Schublade. Bis der Kabarettist, Komponist und Musikhochschuldozent Felix Janosa bei Hilbert um ein Libretto für ein Kindermusical anfragte. Wenn es etwas gibt wie Postmoderne in der Musik, dann ist Janosa ihr Prophet. Er klaut Altes, wo er kann – und schafft Neues wunderbar. Weder Bach-Kantate noch Werbejingle sind vor ihm sicher. Girlygroups und Rapper müssen seinen Spott ertragen. Janosa erweist Tom Waits seine Reverenz und fordert Herbert Grönemeyer im Wettstreit um die beste Pott-Ballade heraus. Von Anfang an ist die Reihe um den Ritter Rost im positiven Sinne professionell aufgezogen – Verdienst des Produzenten Janosa. Alle Rollen bleiben mit denselben Schauspielern besetzt: Fritz Stavenhagen als Erzähler, Patricia Prawit als Burgfrau Bö und Hans-Günther Dobzinski als Ritter Rost. Janosa läßt es sich nicht nehmen, den Drachen Koks zu spielen. Und für Hilbert bleibt immerhin der sprechende Hut. Nach den ersten drei pädagogik-freien Bänden („Ritter Rost“, „Ritter Rost und das Gespenst“, „Ritter Rost und die Hexe Verstexe“) folgt ein Abenteuer mit Tiefgang. In „Ritter Rost und Prinz Protz“ geht es vordergründig um die Liste der lästigen Pflichten im Haushalt: Aufräumen, Saubermachen, Zeitunglesen! Erst auf den zweiten Blick erkennt man die Satire auf das Idyll der Schrumpf-Familie: alleinerziehende Mutter mit geliebtem Sohn. Da wird Rücksichtslosigkeit mit Durchsetzungskraft verbrämt oder Grobheit mit Ehrlichkeit. Wenn es dem kleinen Prinzen doch so viel Freude macht! „Prinz Protz“ ist wunderbar. Da wird mit einem Fensterleder gescratcht, eine Girlygroup durch den Kakao gezogen, und Burgfrau Bö singt das Lied der tapferen Hausfrau. Aus der deutschen Sprache wird putztechnisch alles herausgeholt. Höhepunkt: das Raben-Trio. Diese schrägen Vögel können als wahre Chauvis sogar Walt Disneys Geierquartett Konkurrenz machen. 1999 wechselten Ritter Rost & Co. zum Terzio-Verlag. Seitdem hangelt sich der Ritter von Ereignis zu Ereignis. Er feiert Geburtstag („Ritter Rost hat Geburtstag“) oder Weihnachten („Ritter Rost feiert Weihnachten“) oder fährt in Urlaub („Ritter Rost macht Urlaub“). Der reine Nonsense nahm Zuflucht in der Reihe „Radio Schrottland“. Dort kann sich der Drache Koks – das charmante Endprodukt aller antiautoritären Erziehung – austoben. Damit ist die Welt des Ritter Rost aber nicht erschöpft. Er gibt Englischkurse, vertreibt Computerspiele, Aufführungsmaterial aller Art, Klavier- und Gitarrennoten. Es wurden Musikvideos für die Sendung mit der Maus produziert, und Ritter Rost durfte auch schon mal im Fernsehen Weihnachten feiern. Die Bildschirmpräsenz hat Hilberts bis dahin graulastigen Bildern eine neue Farbigkeit verliehen. Angenehm bei aller Marktnähe ist, daß bisher auf Merchandising-Produkte verzichtet wird. Erstaunlicherweise gibt es für Hilbert und Janosa ein Leben außerhalb Schrottlands. Sie haben schon einmal viel schöner mit dem „Schweinachtsmann“ Weihnachten gefeiert. Hübsch ist auch die Geschichte vom „Unverschämten Pianoforte“, welches einem Mädchen zuläuft und erst einmal im Klavierunterricht gezähmt werden muß. Die beiden können aber ohne einander. Hilbert hat unter anderem ein Schachprogramm für Kinder entwickelt („Fritz und Fertig“), und Janosa komponiert, produziert, verfaßt Klavierschulen und schreibt Glossen, die es in sich haben. In welche Abenteuer sie sich und den Ritter Rost also noch in Zukunft verstricken werden – Hauptsache, sie rosten nicht. Foto: Ritter Rost: Ein Kindskopf wie du und ich bringt den Spaß am Unfug in deutsche Familien

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