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Politikferne Ikone

Anders als die Totalitarismen jüngeren Datums verfügte der politische Liberalismus nie über eine Weltanschauung, die man einheitlich nennen konnte. Da seine Ideologie also regelrecht zu zerlaufen scheint, ist es entsprechend schwer, auf Anhieb einen liberalen Theoretiker zu nennen, der auch nur annähernd mit der prägenden Kraft etwa eines Karl Marx konkurrieren könnte. Dabei muß Deutschland, das sich neuerdings in teuren Werbefeldzügen als „Land der Ideen“ verkauft, nicht hinten anstehen, wenn es gilt, den Marx des Liberalismus aus dem Hut zu ziehen. Es ist der preußische Bildungspolitiker, Diplomat und Schöngeist Wilhelm von Humboldt, geboren 1767 zu Potsdam, gestorben 1835 im Schloß Tegel vor den Toren Berlins. „Kommunistisches Manifest“ und „Kapital“ in einem Stück lieferte Humboldt mit seiner Jugendschrift „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“ von 1792. Zu seinen Lebzeiten ist dieser Essay freilich nie vollständig veröffentlicht worden. Damit hatte er zunächst selbst verhindert, als „Vordenker“ des Liberalismus überhaupt wahrgenommen zu werden. Als die Arbeit 1851 erschien, drei Jahre nach dem Debakel von 1848, zu Beginn der „reaktionären Ära“ in Preußen, fiel sie auf unfruchtbaren Boden. Rudolf Haym, selbst als rechtsliberaler Publizist für die kleindeutsche Reichseinheit fechtend, fand deshalb in seiner Humboldt-Biographie von 1856 kaum Argumente, seinen Helden ausgerechnet als politischen Kopf zu empfehlen. Bei dieser Einschätzung blieb es im wilhelminischen Zeitalter, als ihn Eduard Spranger zur politikfernen Ikone des Bildungsidealismus formte. Siegfried August Kaehler hat dann 1927, ungeachtet seines „jungkonservativen“ Furors, Anleihen bei der Psychoanalyse nicht verschmäht und Humboldt als staatsfernen, egozentrischen Ästheten präsentiert. Nach 1933 wurde ihm schließlich noch, wieder einmal zeitgeistgerecht, in Wilhelm Graus „Wilhelm von Humboldt und das Problem des Juden“ (1935) sein günstigstenfalls als politische Naivität zu wertendes Engagement für die Judenemanzipation in Preußen aufs Schuldkonto geschrieben. Emigranten oder Neutrale wie der Schweizer Ernst Howald („Wilhelm von Humboldt“, Zürich 1944) bereiteten dann die Rezeptionswende vor, die sich in der westdeutschen Demokratie vollzog, als Humboldt seinen Platz in der Ahnengalerie des politischen Liberalismus erhielt und sein „Versuch“ von 1792 als Reclamheft auch Gymnasiasten zu Lektüre locken sollte – pünktlich 1967, als für die Ideologie des Liberalismus in Westeuropa schon wieder dunkle Wolken aufzogen. Die neuerliche „Kehre“ von 1989 brachte keine Rückbesinnung mehr auf den politischen Theoretiker, weil dieser Funktion inzwischen von zahllosen angelsächsischen Predigern der Freiheitsreligion besetzt war. Dietrich Spitta, der 1962 in München mit einer Dissertation über die „Ideen“-Schrift promoviert wurde, will sich mit diesem Versinken in museale Vergessenheit nicht abfinden. In seiner umfangreichen Untersuchung über „Die Staatsidee Wilhelm von Humboldts“ ist er um den Nachweis einer in sich geschlossenen politischen Philosophie, einer Einheit und „wunderbaren Kontinuität“ von staatstheoretischem Denken und praktisch-politischer Wirksamkeit bemüht. Das liest sich wie eine verspätete Antwort auf Kaehler, der Humboldt ja für einen unsystematischen Kopf hielt, der nicht nur nicht begriffen habe, was der Staat sei, sondern der als praktischer Politiker, während seiner kurzen, aber folgenreichen Tätigkeit als Bildungsreformer exakt die Grenzen des Staates erweiterte, die er ihm als Theoretiker sehr eng gezogen hatte. Wo Kaehler Widersprüche und Inkonsequenzen aufwies, vermag Spitta indes nur Folgerichtigkeiten wahrzunehmen. Wie Spitta zutreffend analysiert, weist die „Ideen“-Schrift zwei weltanschauliche Fixpunkte auf: den absoluten Wert des Individuums und den relativen Wert des Staates. Damit das Individuum in Freiheit leben und sich zur „Persönlichkeit“ ausbilden kann, muß der Staat, wie Liberale heute sagen würden, auf seine „Kernkompetenzen“ reduziert werden, inneren Frieden und äußere Sicherheit zu garantieren. Von dieser Linie sei Humboldt auch keineswegs abgewichen, als er 1809 die Kultus- und Unterrichts-Sektion im preußischen Innenministerium übernahm. Zwar habe er nun eine Politik staatlicher Einmischung in eine Sphäre betrieben, die er zuvor als „privat“ dem sich hier nur „despotisch“ auswirkenden Staat entziehen wollte, doch Spitta interpretiert dies als unvermeidlichen Sachzwang. Humboldt mußte staatliche Macht nur „zunächst“ einsetzen, um Preußens Schulen und Universitäten, die er zudem wirtschaftlich auf eigene Füße stellen wollte, zur „inneren Bildung“ ihrer Zöglinge zu befähigen. Langfristig habe er, konsequent nach Maßgabe seiner „Ideen“-Schrift, das gesamte Geistesleben vom Staat befreien wollen. Nur seine Nachfolger hätten diese von ihm aufgebaute und auf Selbstauflösung angelegte Verwaltung bürokratisch perfektioniert und so den staatlichen Einfluß leider verstärkt. Das klingt plausibel und entlastet den politischen Humboldt von jenen Widersprüchen, die stets als Rezeptionshemmnisse wirkten. Aber die von Spitta auch um den Preis vieler Wiederholungen gestiftete, nahezu monolithische neue Einheitlichkeit bestätigt höchst unfreiwillig Kaehlers Bild vom letztlich apolitischen „Staatsverneiner“. Humboldt sei es, wie Spitta, manch irritierenden Bezug zum Schamanen Rudolf Steiner einflechtend, noch anhand ephemerer Denkschriften und Briefpassagen in ermüdender Penetranz demonstriert, stets um den „idealen Menschen“ gegangen. Das inhaltlich nie definierte „Ideal der freien allseitigen und harmonischen Bildung“ habe den Staat daher zu dessen „Funktion“ herabgedrückt. Folglich habe – was Spitta positiv wertet, ohne darin einen Mangel an politischem Bewußtsein zu erkennen – Humboldt nie von einem deutschen Einheitsstaat als europäischen Machtfaktor geträumt. Selbst der Deutsche Bund sollte, ganz im Sinne der „Ideen“ von 1792, ein exemplarischer „Nachtwächterstaat“ bleiben, sollte nie den Grad an Staatlichkeit gewinnen, der das europäische Gleichgewicht nur gestört hätte. Deutsche Kleinstaatlichkeit und Machtlosigkeit waren für Humboldt das ideale Umfeld für den eigentlichen „Zweck des Menschen“: die „innere Bildung“. Der mehrfach beifällig zitierte, Spittas Deutung aber eigentlich konterkarierende berühmte Satz Humboldts, wonach Deutschland „frei und stark“ werden müsse, nicht um sich gegen diesen oder jenen Nachbarn zu verteidigen, sondern weil nur „eine nach außen hin starke Nation den Geist in sich bewahrt, aus dem auch alle Segnungen im Innern strömen“, steht wie ein Fremdkörper inmitten der sonst dominanten föderalistischen Apologetik der „Provinzialselbständigkeit“, für die Spitta Humboldt mit guten Gründen vereinnahmt. Daß aber eine Nation im Zentrum Europas mit großem ökonomischen Potential und demographischer Aufwärtstendenz im 19. Jahrhundert nicht dieser politischen Duodez -Philosophie gehorchen und sich auf die „beschauliche Pflege der Kleinvolk-Kulturwerte“ beschränken konnte, wie es sich für die Schweiz empfehlen mochte, ist offenkundig. Bei aller „Einheitlichkeit“, die Spittas Rekonstruktion des Staatsdenkers Humboldt zurückgewinnt, tritt also zugleich – ebenfalls wie aus einem Guß – zutage, daß der Großstaat der modernen Industriegesellschaft dessen „Ideen“ guten Gewissens hinter sich lassen durfte. Franz Krüger, Wilhelm von Humboldt (Zeichnung um 1835): Absoluter Wert des Individuums und relativer Wert des Staates Dietrich Spitta: Die Staatsidee Wilhelm von Humboldts. Duncker & Humblot, Berlin 2004, 330 Seiten, broschiert, 79,80 Euro

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