Pankraz, R. von Weizsäcker und die Liebe zu Berlin

Fast mußte man in Tränen ausbrechen. "Berlin wurde nie geliebt" lautete der Titel eines Interviews, das Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker dieser Tage in Spiegel Online gab, und das Tremolo seiner Rede entsprach voll und ganz der Überschrift. Berlin, die neu-alte Hauptstadt Deutschlands – ein Waisenkind unter den Metropolen. Verlassen von sämtlichen namhaften Firmen, ohne "Speckgürtel" im Umland, faktisch ohne direkte Flugverbindungen zum Ausland, so krebst es schier hoffnungslos vor sich hin und wird immer schmaler. Und nach wie vor nicht geliebt!

Pankraz fragt dagegen, wo denn in der großen, weiten Welt eine Hauptstadt von den dazugehörigen Nichthauptstädtern je "geliebt" worden wäre. Hauptstädte wurden und werden (manchmal) wegen ihrer Glitzerei oder wegen der von ihnen verkörperten Macht bewundert, doch meistens werden sie nur beneidet, beargwöhnt, ja sogar gehaßt. Sie neigen ab einer gewissen Größe dazu, das übrige Land auszusaugen, gewaltsam zu provinzialisieren, unwichtig zu machen. Wer will sich sowas schon gefallen lassen?

Dabei bekommt den meisten neuzeitlichen Hauptstädten ihr rapides Wachstum gar nicht gut. Man werfe einen Blick auf solche in ihren jeweiligen Ländern drückend dominierenden Metropolen wie Kairo, Lagos, Mexiko-Stadt, Kuala Lumpur, auch Paris! Die paar Regierungsgebäude und Prachtboulevards im Inneren werden regelrecht erdrückt von den Schlammwalzen der wuchernden Außenbezirke, vom aggressiven Stumpfsinn der "Banlieues". Dort zu leben, ist an sich Höchststrafe; trotzdem ziehen immer mehr Leute hin, um dem marodierten "flachen Land" zu entgehen. Grauenhaft!

Berlin hat, bei all seinem speziellen historischen Unglück, noch Glück gehabt. Seine vergleichsweise adretten Vorstädte verlieren sich in herrlicher Landschaft. Und es sieht sich einer Konkurrenz vergleichbarer inländischer Metropolen ausgesetzt, die alle eifersüchtig ihre eigenen verbrieften Rechte und Privilegien hüten, ihre eigene "Lebensqualität" herausstellen und dadurch die Hauptstadt unentwegt zu Wettbewerb und Selbstkritik herausfordern. Dergleichen kann auf Dauer gewiß nicht schaden.

Man muß nur die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Mehr Geld vom Bund zu fordern, ist natürlich nicht verkehrt, genügt jedoch nicht. Wichtig ist vor allem, daß das Geld nicht verläppert, nicht per Gießkanne über Fleißige wie Faule ausgegossen wird oder gar in "dunkle Kanäle" abfließt. Die städtischen Eliten und die zuziehenden Aufsteiger müssen klar vom Willen zu gediegener nationaler Repräsentanz erfüllt und entschlossen genug sein, diesen Willen auch durchzusetzen. Speziell daran fehlt es zur Zeit in Berlin.

Jeder Besucher merkt das schnell und wundert sich darüber und ist bald auch verstimmt. Er muß schon bei der ersten Stadtrundfahrt zahlreiche Geßlerhüte grüßen, allzu viele. Statt nationaler Repräsentanz gibt es in Berlin eine Stein und Bild gewordene "Erinnerungskultur", und was – faktisch an allen Ecken und Enden – erinnert wird, sind durchweg Tage der Schande und der Niederlage. Andere Hauptstädte (siehe Paris, siehe Moskau) verstecken ihre historischen Schändlichkeiten und Niederlagen eher, Berlin weist sie ausdrücklich vor, gibt damit an.

Längst wäre es an der Zeit, den Gedenkhorizont auch einmal aufzuhellen, glückliche Tage und gelungene historische Strecken in die kommunale Erinnerung zu rufen, wirkliche Denkmale (und nicht nur "Mahnmale") aufzurichten. Aber was passiert, ist genau das Gegenteil. Der Mahnmale werden nicht nur immer mehr, sondern jetzt werden sie auch noch von eigens dafür bezahlten Fachleuten miteinander "vernetzt", der Besucher soll gleichsam automatisch von einem zum anderen weitergereicht werden. So schafft man sich keine Sympathien bei den Landsleuten, nicht einmal bei neugierigen ausländischen Touristen.

Wie sagte ein geschockter Berlin-Besucher aus Rom zu Pankraz? "Was die hier beweihräuchern, ist genau das Gegenteil von dem, was sie im Eigeninteresse eigentlich beweihräuchern müßten." So verhält es sich auch mit der von den Medien vielbejubelten "neuen Jugendkultur" in Mitte, Friedrichshain, Prenzlauer Berg, mit all den Kreativbolzen, Design-Artisten, Casting-Sternchen, Themenerfindern, Chief Editors, Consulting-Fritzen. Alle diese Leute halten sich für wahnsinnig hauptstädtisch und erzählen das auch. Ob man es ihnen abnimmt, ist eine andere Sache.

Talentsucher kommen bei ihnen nicht auf ihre Kosten. Je mehr Lärm sie machen, um so weniger kommt bei ihnen heraus. Es hat schon seinen traurigen Grund, daß die großen Unternehmen, von Siemens bis Deutsche Bank, nicht an ihre alten Stammsitze in Berlin zurückkehren. Was sie dort (vorerst) vorfinden, ist nichts weniger als hauptstädtische Exzellenz. All die Kreativbolzen von "Prenzelberg" und den Hackeschen Höfen spielen nur Hauptstadt. Ihr Treiben ist nicht minder gespenstisch als das Netzwerk der Berlin-offiziellen Erinnerungskultur.

Symbol für die Misere ist das Hickhack um den Abriß des "Palastes der Republik" und die Rekonstruktion des einstigen Stadtschlosses. Während die Moskauer nach der Wende im Nu ihre mächtige Erlöserkathedrale, die die Bolschewiken hatten sprengen lassen, wiederaufbauten, während inzwischen auch die Dresdener ihre Frauenkirche zurückhaben und darüber glücklich sind, leistet sich Berlin einen jahrzehntelangen Krieg der Wörter auf unterstem Niveau, und noch weiß niemand, ob und wie und wann dieser Wortschwall je in Taten einmünden wird.

Natürlich muß das nicht immer so bleiben. Vorläufig gilt aber wohl: Solange sie in Berlin nur "erinnern" und "casten", wird sich die Liebe zur Hauptstadt in ziemlich engen Grenzen halten.

Pankraz

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