Pankraz, Heinrich VIII. und das Zu-spät-Kommen

Das ist wahrscheinlich der kürzeste Witz, der je erzählt wurde. Ein Skelett kommt zum Arzt, und der sagt: "Na, Sie kommen aber reichlich spät." Wobei die Qualität nicht nur in der Kürze liegt, sondern zusätzlich noch in der Keßheit, mittels derer hier mit Entsetzen Scherz getrieben wird. Ein Skelett kann bekanntlich nicht mehr laufen, folglich auch nicht kommen, es befindet sich jenseits von Kommen und Gehen, ist ein Bild des Todes, dem kein Arzt mehr aufhelfen kann. Der Witz ignoriert das souverän.

Zu-spät-Kommen ist an sich eine ernste Angelegenheit. Wer zu spät kommt, der bringt sich nicht nur um jegliche Hilfe, sondern er kann auch keine Hilfe mehr leisten, kann nicht mehr tätig in einen Zusammenhang eingreifen, alle seine Handlungen laufen ins Leere oder richten Unheil an. Besonders bitter, wenn man zu spät zu einem endgültigen Abschied kommt, wenn eine Liebste schon gestorben ist, der man doch noch so viel sagen wollte, der man liebend über die dunkle Schwelle hinweghelfen wollte.

In solchem Falle versagt auch das Epochensprichwort "Potius sero, quam nunquam" (besser spät als nie), mit dem man sich seit Livius‘ Tagen über das Ärgernis notorischer Spätkommer hinwegtrösten wollte. Denn das "sero" wird beim Zuspätkommen mit dem "nunquam" identisch, spät und nie fallen zusammen, eine Läßlichkeit bleckt plötzlich grimmig die Zähne und enthüllt sich als hier auf Erden nicht mehr gutzumachendes Versäumnis. Wohl dem, der dann noch Witze machen kann, wie Shakespeare im "König Heinrich VIII.": "Dies Trösten kommt zu spät, / ’s ist wie Begnad’gen nach der Hinrichtung".

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, wissen wir spätestens seit Michail Gorbatschow. Doch seit Helmut Kohl wissen wir auch von der Gnade der späten Geburt. Unzählige deutsche Jungen im Zweiten Weltkrieg fürchteten, für Heldentaten à la Mölders und Rommel zu spät zu kommen, und meldeten sich deshalb so früh wie möglich für die vorderste Front, zur Waffen-SS, zu den Jagdfliegern, zu den U-Boot-Fahrern. Erst später merkten sie, daß ihnen eine ungeheure Gnade widerfahren war, daß sie nicht nur dem allzu frühen Tod von der Schippe gesprungen, sondern auch um angeblich "untilgbare Schuld" herumgekommen waren, die ihr ganzes ferneres Leben überschattet hätte.

Bei weitem nicht immer liegt die Schuld fürs Zu-spät-Kommen bei dem, der zu spät kommt. Oft, vielleicht sogar meistens, sind es die Taten der Vorfahren, die bei nachwachsenden Generationen oder zumindest bei deren tatendurstigem Teil das Gefühl auslösen, zu spät gekommen zu sein. "Weh uns, daß wir Nachgeborene sind!" Dieser Klageruf hallt (oder hallte) seit Jahrhunderten durch die Künstlerwerkstätten und Schreibstuben kreativer Jünglinge, die den Eindruck haben (hatten), daß alles Wesentliche schon getan sei und für sie nur noch nach Nachmachen und ewiges Wiederholen übrig bleibe.

Meistens bezog man sich da auf unmittelbar voraufgegangene "klassische" bzw. "goldene" Epochen, im Vergleich zu denen man bestenfalls noch "Silber", wenn nicht gar bloß "Eisen" abliefern könne. Pankraz hat oft über diese Konstellation nachgedacht. Es will ihm scheinen, daß auch hier zuviel Gorbatschow und zuwenig Kohl reflektiert wird, will sagen: daß der Karat der Klassizität überschätzt und die Gnade der späten Geburt zu wenig wahrgenommen wird.

Späte Geburt, silbernes Zeitalter, Alexandrinertum – die Chancen, die darin liegen, sind doch gewaltig! Oder vielleicht nicht? Man wird – um im Stil moderner Konsumwerbung zu sprechen – mit einer Fülle von Angeboten konfrontiert, die einen möglicherweise ablenken, verwirren, nicht zum Eigenen kommen lassen, auch entmutigen. Die Tatenlust wird geschwächt, der Zug zum bloßen Verbrauchertum über Gebühr angestachelt.

Ist dergleichen aber denn notwendig, unabwendbares Schicksal? Das darf man bezweifeln. "Es gibt kein Schicksal außer uns selbst", sagte Nietzsche, und er hatte zumindest insofern recht, als es für den einzelnen gar nicht so viele grobe äußere Zwänge gibt, dafür aber um so mehr Versuchungen, bei denen Außen und Innen sich gleichsam gegenseitig die Bälle zuspielen. So viel Gutgelungenes ist da, warum nicht einfach nachahmen, variieren, modulieren, ausdifferenzieren? Man kommt dabei, sofern einigermaßen begabt, sehr gut über die Runden, darf des Beifalls der Anpasser sicher sein, eckt nirgends an und gilt trotzdem als kühner Neuerer.

Klar und knapp gesagt: Die Klage über Zu-spät-Kommen ist bei schöpferischen Tätern sehr oft nichts weiter als Ausfluß geistiger Bequemlichkeit, Feigheit und Indolenz. Auch der Fall des Günter Grass mit seinem Eingeständnis, bei der Waffen-SS gewesen zu sein, gehört auf vertrackte Weise hierher. Grass tat vor sich selber (und tut nun auch in seinem Buch) so, als habe ihn die "Scham" über die "Schuld" daran gehindert, seine SS-Zugehörigkeit früher ins intellektuelle und politische Spiel zu bringen. In Wirklichkeit war es für ihn über all die Jahre hinweg einfach bequemer, das Ding zu ignorieren. Er konnte sich so besser als "engagierter" Literat, als Bußprediger, SPD-Trommler und Gewissen der Nation profilieren. Mit irgendeiner Zeit, mit spät oder allzu spät, hatte das nichts zu tun, nur mit Indolenz.

Wenn es eine Lehre aus diesem trostlosen Fall gibt, so die, daß man als jemand, der etwas Dauerhaftes auf die Beine stellen und dabei nicht von der Geschichte blamiert werden will, weder vor klassischen Epochen noch vor apokalyptischen Zusammenbrüchen in die Knie gehen darf. Unverändert gilt: Man kann in unserer zeitlich begrenzten, sterblichen Welt natürlich zu spät kommen, und dies ist dann stets eine Bitternis und manchmal eine Beschädigung der Seele oder wenigstens des Renommees. Aber hingerichtet wird deshalb keiner. Und vor der Ewigkeit kann keiner zu spät kommen, selbst jenes Skelett beim Doktor nicht.

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