Mittelalterlicher Revisionismus

Das Klischee vom finsteren Mittelalter scheint unausrottbar. In breiten Kreisen gilt das Mittelalter immer noch als eine Epoche der Unwissenheit, Angst und Stagnation. Sofern es Ansätze zu Wissenschaft und Fortschritt gab, seien diese stets von einer dogmatisch erstarrten Kirche unterdrückt worden. Der Bau der himmelstrebenden gotischen Kathedralen wird zwar als künstlerische Meisterleistung anerkannt, doch werden diese vor dem Hintergrund des irdischen Jammertales als Symbole einer Weltflucht und übersteigerten Jenseitsorientierung gesehen. Erst die diesseitige Renaissance und später die emanzipatorische Aufklärung habe – gegen die Macht der katholischen Kirche – die eigentliche europäische Zivilisation entstehen lassen, so das gängige, seit dem 18. Jahrhundert kolportierte Bild. Dabei erlebten zwei immer mit dem Mittelalter in Verbindung gebrachte Phänomene, nämlich die Inquisition und die Hexenverfolgung, ihre Auswüchse lange nach Ende des Mittelalters, was man gewöhnlich bis etwa 1450 periodisiert. Gegen den Unsinn vom absolut finsteren Mittelalter hat der amerikanische Historiker und Bestsellerautor Thomas E. Woods ein im besten Sinne revisionistisches Buch mit dem Titel „How the Catholic Church Built Western Civilization“ geschrieben, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Hier erstrahlt das Mittelalter als eine Epoche höchster kultureller Blüte, die von katholischen Bestrebungen in Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und sozialem Dienst getragen war. Woods, Geschichtsprofessor an einem New Yorker College, schöpft für seine Darstellung aus einer Fülle von neueren und älteren Untersuchungen, die jedoch vornehmlich an ein historisches Fachpublikum gerichtet waren und daher bislang noch kaum ins Bewußtsein der breiteren Masse gedrungen sind. Die Darstellung beginnt mit dem Ende der spätrömischen Antike in den Wirren der Völkerwanderungszeit. In dieser Zeit des zivilisatorischen Zusammenbruchs waren es Mönche, die in einer tatsächlich dunklen Phase der europäischen Geschichte in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends das Licht der Zivilisation vor dem völligen Erlöschen bewahrten. Die Klöster blieben Inseln eines geordneten Lebens und Arbeitens, pflegten die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens und retteten durch Abschriften wichtige literarische, philosophische und theologische Klassiker. Darüber hinaus waren besonders die Benediktiner große Lehrmeister praktischen Wirtschaftens. Seit der karolingischen Zeit festigte sich das neue christliche Europa als eine eigenständige Kultur. Woods hebt die Bedeutung katholischer Zentren der Gelehrsamkeit hervor, aus denen die frühesten Universitäten wie Paris, Bologna, Oxford und Cambridge hervorgingen. Weit davon entfernt, das vernunftgeleitete, freie Forschen und Lehren aus bibelgläubiger Engstirnigkeit zu behindern, waren diese katholischen Schulen dafür bekannt, einen rigoros kritischen Diskurs zu führen. Strikt rationales Denken war Pflichtübung für jeden Studenten, der an den Debatten der großen Scholastiker wie Anselm von Canterbury oder Thomas von Aquin teilnehmen wollte. „Wenn das Mittelalter tatsächlich eine Zeit gewesen wäre, in der alle Fragen durch den bloßen Hinweis auf bestehende Autoritäten gelöst wurden, dann ergäbe dieses eifrige Studium der formalen Logik keinen Sinn“, schreibt Woods. Höchst aufschlußreich ist das Kapitel zu Kirche und Wissenschaft. Ausführlich geht Woods dabei auf den Fall des Galileo Galilei (1564-1642) ein.Dessen Aussagen zum heliozentrischen Weltbild, die wie auch die Untersuchungen Kopernikus‘ (Commentariolus, 1509) bereits in der frühen Neuzeit anzusiedeln sind, haben mit der mittelalterlichen Welt nur mehr bedingt zu tun. Erst in dieser Zeit (1633) verurteilte und zensurierte die katholische Kirche Galileis Theorien als Häresie, nachdem sie seine Forschung zuvor jahrelang förderte und feierte. Abgesehen von diesem unrühmlichen Fall, der so prominent wurde und bis heute als Beleg für eine wissenschaftsfeindliche Einstellung der Kirche gilt, sind die Namen der vielen hundert fleißigen katholischen Forscher, die mit dem Segen ihrer Kirche bahnbrechende Arbeiten in naturwissenschaftlichen Disziplinen vorlegten, kaum bekannt. Woods führt zahlreiche große Gelehrte aus den Reihen des Klerus und der Orden an, die auf so verschiedenen Gebieten wie der Mathematik, Geometrie, Optik, Biologie, Astronomie, Geologie, Seismologie und vielen anderen wissenschaftliche Marksteine setzten. Letztlich, so Woods‘ überzeugend dargelegte These, legten vom katholischen Glauben durchdrungene Männer lange vor der Neuzeit die Grundlagen für die wissenschaftliche Revolution der westlichen Zivilisation. Sie waren geleitet von der Überzeugung, daß Gott sein Universum vernunftgemäß geschaffen habe, worin „alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ sei, so heißt es im alttestamentarischen „Buch der Weisheit“. Die von Gott festgelegten Gesetzmäßigkeiten der Natur galt es zu entdecken und zu verkünden. Schon im Mittelalter war damit die christliche Kultur für rationale Erklärungen der Welt aufgeschlossen – anders die orthodoxe islamische Kultur, die von einem allmächtigen, aber auch willkürlichen, also der menschlichen Vernunft unzugänglichen Schöpfer ausgeht und damit naturwissenschaftliche Forschung als Anmaßung erachtete. Die subtilen theologischen und philosophischen Erörterungen Woods‘ in seinem wissenschaftshistorischen Kapitel gehören zu den besten Teilen des Buchs. Neben den naturwissenschaftlichen sind auch die sozialwissenschaftlichen Beiträge katholischer Denker hervorzuheben, die zur Entstehung eines modernen Rechts und einer modernen Ökonomie führten. Die Spätscholastiker an der Universität von Salamanca gingen hier in erstaunlicher Weise voraus. Ihre naturrechtlich geprägte Kritik an der spanischen Kolonialpolitik gegenüber den Ureinwohnern Amerikas enthielt Ansätze eines modernen Individual- und Völkerrechts. In der Wirtschaftswissenschaft waren es neue Einsichten zur Geldtheorie und die bis heute grundlegende subjektive Wertlehre, auf der das marktwirtschaftliche Denken bis hin zur Österreichischen Schule aufbaut. Insgesamt hat Woods eine beeindruckende Sammlung von Fakten zu den Leistungen der katholischen Kirche zur Entstehung der modernen westlichen Welt zusammengetragen. Bei aller Komplexität der Materie trägt er sie in spannender und leicht verständlicher Weise vor. So ist sein Buch jedem zu empfehlen, der das gängige Bild vom Mittelalter einer radikalen Prüfung unterziehen möchte. Thomas E. Woods jr.: Sternstunden statt dunkles Mittelalter. Die katholische Kirche und der Aufbau der abendländischen Zivilisation. MM-Verlag, Aachen 2006, gebunden, 304 Seiten, 22 Euro Foto: Bau einer Stadt, französische Buchmalerei um 1350: Gegen den Unsinn vom absolut finsteren Mittelalter

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