Klischeebruch

Ronald Schill kann einem leid tun. Erst stürzte er als Hamburger Innensenator im Sommer 2003 über Roger Kusch, als er diesen ohne justitiable Beweise bezichtigte, eine angebliche Liaison mit Bürgermeister Ole von Beust zu privater Vorteilnahme zu mißbrauchen. Jetzt muß er auch noch mit ansehen, wie der einstige Koalitionskollege, nun selbst des Regierungsamtes verlustig gegangen, parteipolitisch in seine Fußstapfen zu treten versucht. Roger Kusch interpretiert nämlich seine Entlassung im Zuge der sogenannten „Protokoll-Affäre“ selbstbewußt als eine weltanschauliche Grundsatzentscheidung von Beusts gegen die Konservativen, die nun nicht mehr durch die CDU repräsentiert würden. Ein Viertel, wenn nicht gar ein Drittel der Hamburger Wähler sei aufgrund dieses Linksrucks der Union politisch heimatlos geworden. Um diesen Menschen gegenüber nicht als Fahnenflüchtiger dazustehen, gebe es für ihn gar keine andere Alternative, als sich an die Spitze einer frischen Kraft zu stellen, die das neue Niemandsland rechts von der Mitte besetzt. Auf die Exzentrik der Hamburger vertrauend, die sich in der Vergangenheit schon wiederholt den Spaß erlaubten, forsch auftretende Splittergruppen in ihr Landesparlament zu wählen, will Kusch den Wirkungskreis seiner Partei auf die Hansestadt beschränken. Dennoch ist seiner Initiative zumindest unter einem Aspekt eine bundespolitische Relevanz nicht abzusprechen: Obwohl die Union immer weniger Raum für konservatives Wohlgefühl bietet, ist seit längerem eine gewisse Abspaltungs- und Neugründungsmüdigkeit eingekehrt. Nicht einmal der Fall Hohmann wirkte hier belebend. Dieses Phlegma könnte nun durchbrochen sein. Allerdings handelt es sich bei Roger Kusch wohl um eine Ausnahmepersönlichkeit: Dank seiner sexuellen Präferenz vermag er es, einer breiten Öffentlichkeit wie bislang nur der Niederländer Pim Fortuyn glaubwürdig zu signalisieren, daß er nicht den Klischeevorstellungen von einem „Rechten“ entspricht. Um dieses Kapital zu nutzen, müßte er sich lediglich noch ein wenig mehr Glamour aneignen. Programmatisch verkörpert er bereits eine neue Generation von Rechtspopulismus: Sein Plädoyer für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe und die Abschaffung des Jugendstrafrechts findet keine Vorbilder im bislang handelsüblichen Konservatismus. Ihm einen Etikettenschwindel vorzuwerfen, wäre dennoch unstatthaft. Gerade rechte Modernitätsverlierer sollten dafür dankbar sein, wenn sie überhaupt jemand in die Zukunft mitnehmen will.

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