Immergrün

Bäume sind selten als Nationalsymbole. Sie haben eine uralte Bedeutung als religiöse Sinnbilder, spielten in der amerikanischen und der französischen Revolution eine Rolle als „Freiheitsbäume“, die man mit farbigen Bändern schmückte und mit der Jakobinermütze krönte, und neuerdings treten sie in der Propaganda „grüner“ Bewegungen auf, aber in Wappen und Fahnen von Ländern findet man sie kaum. Eine Ausnahme bildet die Zeder. Dieser schon im Alten Testament besungene Baum wurde nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zum Hoheitszeichen des Libanon. Die Staatssymbolik des Libanon unterscheidet sich damit deutlich von der des Nachbarn Israel mit seinen national-religiösen Abzeichen Davidstern und Menorah einerseits und von der seiner arabischen Nachbarn andererseits, die in verschiedenen Mustern die panarabischen Farben Schwarz-Weiß-Grün führen. Das hat seinen Grund in der bedeutenden Rolle, die die christlichen Maroniten für das Land spielen, das zwar eine künstliche Schöpfung ist, die aus der Aufteilung des Osmanischen Reiches durch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs hervorging, das aber nichtsdestotrotz einen eigenen Nationalismus hervorbrachte. Anders als die übrigen, verstreut siedelnden christlichen Minderheiten des Nahen Ostens hatten die Maroniten ein geographisches Zentrum, auf das sie sich beziehen konnten, das Gebirge des Libanon. Ihre Intelligenz nahm zwar teil an der „arabischen Renaissance“ des 19. Jahrhunderts, aber je enger die Verknüpfung von arabischer Bewegung und Islam wurde, desto weiter entfernte man sich und bestand auf Eigenständigkeit. Deren sichtbarer Ausdruck war die zuerst 1918 von den Maroniten gehißte Zedernflagge. Sie sollte eine zentrale Vorstellung der libanesischen Nationalbewegung zum Ausdruck bringen: Die Libanesen seien direkte Nachfahren der antiken Phönizier, die als Kaufleute und Handwerker berühmt waren – nicht zuletzt, weil sie mit Zedern Handel trieben und erstaunliche Bauwerke schufen, darunter den Tempel Salomons. Das heikle Verhältnis zwischen der allgemein-arabischen und einer besonderen libanesischen Identität kam darin zum Ausdruck, daß die Zedernflagge unter syrischem Druck sofort wieder verschwand, aber von den Franzosen nach Errichtung ihres Protektorats Grand Liban geduldet wurde; in der seit 1923 für das Schutzgebiet verwendeten Flagge stand das Symbol im weißen Feld der französischen Trikolore. Die Maroniten gingen ein informelles Bündnis mit der Kolonialmacht ein, was aber auch zur Folge hatte, daß die verschiedenen das Gebiet bewohnenden Gruppen nach dem französischen Abzug in ein heikles Verhältnis traten. Der „Kompromiß“ von 1943 betonte die „arabische“ Prägung des Landes, aber mit der Zeder in Wappen und Fahne (auf weißem Feld, zwischen zwei roten Streifen, geteilt im Verhältnis 1:2:1) war doch die Differenz markiert und letztlich die Dominanz der Maroniten symbolisch zum Ausdruck gebracht. Diese Vorherrschaft wurde erst mit der Destabilisierung des Nahen Ostens in den 1960er und 1970er Jahren nachhaltig in Frage gestellt. Die alten Begehrlichkeiten Syriens spielten dabei eine Rolle, aber auch der Aufstieg der palästinensischen Flüchtlinge zum politisch-religiösen Faktor. In dem Bürgerkrieg, der das Land seitdem heimsucht, schien die Zedernflagge immer weniger Symbol einer libanesischen Nation und immer mehr Parteiabzeichen der Maroniten bzw. ihrer Organisationen zu werden, wie etwa der „Kataib“ oder „Phalange“, die sie bevorzugt verwendeten und noch verwenden. Einen Umschwung bahnte erst die „Zedernrevolution“ vom Februar 2005 (so genannt nach den massenhaft gezeigten Nationalflaggen) an, durch die nach der Ermordung des früheren Ministerpräsidenten Rafik Hariri – wahrscheinlich durch syrische Agenten – der Abzug Syriens erzwungen wurde und das Land eine gewisse Souveränität zurückgewann. Jetzt konnte die libanesische Armee die Zedernflagge sogar wieder im Süden des Landes aufziehen, wenn auch nicht aus eigener Kraft, sondern erst nach der Niederlage der militanten Palästinenser, mit der Unterstützung Israels und der Uno. Aber unter den gegebenen Umständen mehr zu verlangen, wäre vermessen. Foto: Demonstranten mit libanesischen Nationalfahnen vor US-Botschaft in Beirut (2005) Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ wird in zwei Wochen fortgesetzt

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