Im Labyrinth der Seele

Mit der Theorie von Sigmund Freud, der vor hundertfünfzig Jahren, am 6. Mai 1856, in Freiberg in Mähren geboren wurde, verhält es sich wie mit einem Monumentalgemälde des Manierismus, etwa mit der „Bergung des Leichnams des hl. Markus“ von Tintoretto, zu sehen in der Akademiegalerie von Venedig. Aus der Distanz ist man tief beeindruckt von der Gewalt der Komposition, aber sobald man näher herangeht, fallen einem immer mehr offensichtliche Fehler ins Auge, anatomische wie historische, und wenn man schließlich unmittelbar davorsteht, registriert man kopfschüttelnd: „Hier stimmt gar nichts, hier ist alles ins Absurde verdreht.“ Der Daumen geht nach unten. Daß Freud ein großer Wegeleger in der Frühzeit der Psychologie war, einfallsreich, originell, wagemutig, ausdrucksstark – darüber besteht kein Zweifel. Doch keines seiner berühmten Theoreme hat der genaueren Überprüfung standgehalten, weder der Ödipuskomplex noch der Penisneid, weder die Traumdeutung als Freilegung der Libido noch die Heilung der Welt oder wenigstens einiger Patienten durch Psychoanalyse. Alle diese Projekte sind mittlerweile blamiert. Anthropologen verziehen amüsiert die Mundwinkel, wenn sie vernehmen, daß die Urhorde laut Freud immer nur den Vatermord im Sinn gehabt habe und nichts als den Vatermord, und zwar wegen libidinöser Bindung jedes Hordenmitglieds an die jeweilige Mutter. Empirische Schlafforscher, die auf sich halten, lehnen die These Freuds, daß Träume verdrängte Wunsch- oder Angstvorstellungen des Tages transportieren, und zwar libidinöse, sexuelle, vehement ab, ja bezweifeln überhaupt die rationale Deutungsfähigkeit von Nachtträumen und nennen Freud einen Schamanen und Spökenkieker. In der Tat laufen sämtliche seriösen Beobachtungen darauf hinaus, daß Nachtträume eine Art Müllverbrennungsanlage sind, die alle möglichen – während des Tages liegengelassenen oder abgebrochenen – Denk- und Gefühlsketten, durch welche offenbar gewisse neuronale Dauerreize ausgelöst wurden, gleichsam wegräumen, indem sie die entsprechenden Reize sich ausflattern lassen. Es ist dies ein Ausflattern ohne Sinn und Verstand, weder in die ausgeschlafene Sinnenwelt noch ins kausale Kalkül noch gar in transzendente Zonen hineinreichend. Allenfalls ist der Nachttraum, physiologisch gesehen, ein Hüter des Schlafs. Wir träumen sehr oft, damit wir nicht aufwachen. Der Traum setzt äußere Reize, die uns während des Schlafs bedrängen – etwa das Klopfen an der Tür, das Telefonläuten, ein plötzlich angehendes Licht, aber auch Veränderung der Lage im Bett – automatisch in Erinnerungsfetzen um und schwächt sie damit ab, nimmt ihnen ihre reelle Dringlichkeit. Er ist der unterbewußte Komplize unseres Schlafwunsches. Seine Botschaft lautet in der Regel: „Wach nicht auf, bleib bei mir im Unterbewußten!“ Das Unterbewußtsein hat Freud gewiß nicht entdeckt; Augustinus, Leibniz, Carl Gustav Carus, auch Nietzsche, sind ihm darin beispielgebend vorausgegangen. Was Freud ihren Einsichten hinzufügte: das starre Schema aus „Ich, Es und Über-Ich“, war eher eine Einschränkung der Perspektive als eine Erweiterung, verkürzte das Reich des Unterbewußten wiederum kurios aufs rein Sexuelle. Freud stellte sich vor, daß das Ich (und das soziale Über-Ich im Ich) tagsüber die Libido unterdrückt, und wenn es sich abends schlafen legt, ist es aus irgendeinem Grund immer noch so mächtig, daß es sich im Unterbewußtsein als „Zensor“ betätigt, so daß sich die Libido im Traum mit Rätselbildern und grellen Stories maskieren muß. Dieses Freudsche Modell ist rein ausgedacht, durch nichts zu beweisen. Weshalb spricht er überhaupt von Zensor, wenn er Liebesmasken meint? Schon im Tierreich gehört das Liebeswerben mittels Maske zur Liebe einfach dazu. Die „Sache selbst“ wird von den Liebenden zunächst substituiert, gespielt, symbolisiert (wobei man fragen kann, wer hier wen substituiert). So ist es ohne weiteres denkbar, daß sich manchmal auch im Traum das Liebesverlangen ganz ohne Zensor symbolisch ausdrückt, wie es ja auch keines Zensors bedarf, damit im wachen Sprechen, in der volkspoetischen und literarischen Tradition, gewisse Liebesdinge nur in hochsublimierter Form erscheinen. Der ungemeine soziale Effekt, den Freuds Psychoanalyse im Wien der Kaiserzeit gehabt hat, ergab sich lediglich aus der pikanten Neuheit, daß man auf seiner Analyse-Couch auch einmal ganz unmaskiert über Liebesdinge sprechen, die Maske endlich einmal ablegen konnte. Keine Rede war aber davon, daß damit – vom strikt medizinischen Standpunkt aus betrachtet – irgend etwas seriös therapiert werden konnte. „Die Psychoanalyse“, konstatierte schon damals Karl Kraus völlig zu Recht, „ist selbst die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt.“ Als nach 1918 im Zuge der Revolution von marxistischen Ideologen „sexuelle Befreiung“ proklamiert wurde, geschah das merkwürdigerweise im Namen von Freud. Dabei war es Freud gewesen, der die ingeniöse Definition formulierte: „Der Verlust der Scham ist der Anfang der Verblödung.“ Das traf haargenau in den Laden der neuen, „modernen“ Sexapostel, die absichtlich nicht mehr fein und symbolisch, sondern nur noch brutal und unverblümt über die Liebe redeten, ihr dadurch einen ganz wesentlichen Teil ihres Wesens nahmen und so kräftig zur Entsublimierung und zumindest Teilzerstörung von Zivilisation insgesamt beitrugen. Aber wie gesagt, an dieser Deformation hat Freud nur indirekten Anteil. Größer ist sein Debetkonto in Hinblick auf ein anderes großes Übel unserer Zeit: den Aufstieg der Psychologen, genauer der Psycho-„Analytiker“, zur neuen Priesterkaste, die sich in alles einmischt, sich für alles zuständig erklärt, immer mehr Menschen „betreut“, welche gar nicht betreut werden wollen, sie generell zu „Patienten“ erklärt und drauf und dran ist, die Gesellschaft in ein einziges Krankenhaus zu verwandeln. Zu dieser Kalamität hat die von Freud geschaffene „Couch-Situation“ zweifellos entscheidend beigetragen, auch wenn er nicht verantwortlich zu machen ist für die unzähligen Schulen und esoterischen Zirkel, in die sich die praktische Psychologie inzwischen aufgespalten hat. Die Wiener Individualpsychologie (Adler, Sperber, Frankl) hat Freud schon früh scharf attackiert. Manès Sperber erkannte in Freuds Methoden einen Zug zur „mutwilligen Zerbröselung der menschlichen Persönlichkeit“, eine Neigung zur „Unterjochung“ des Hilfe und Heilung Suchenden, eine geradezu „totalitäre“ Komponente. Solches gilt es immer mitzubedenken, wenn man sich heute mit Freud beschäftigt. Der Nachttraum ist der Komplize unseres Schlafwunsches. Seine Botschaft lautet in der Regel: „Bleib bei mir im Unterbewußten.“ Die pikante Neuheit bestand darin, daß man auf Freuds Ana-lyse-Couch ganz unmaskiert über Liebesdinge sprechen konnte. Foto: Sigmund Freud (1856-1939) an seinem Schreibtisch in London ein Jahr vor seinem Tod: Wer sich nicht schämt, verblödet

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