Dran, Drauf und Vorbei

Seit 1959, also seit fast einem halben Jahrhundert, präsentiert Günter Grass sein meist episches, manchmal lyrisches und gelegentlich graphisches Werk der Öffentlichkeit, die er seit dieser Zeit mit spitzer Feder, mit satirischen Reden oder bissigen Kommentaren kritisiert – wegen angeblicher Lethargie, wegen vermuteter Befangenheit in gefühltem Konservativismus oder wegen früherer Verstrickung in die NS-Zeit. Mit diesem Grass konnte man stets rechnen. Zur restaurativen Adenauer-Ära, zum Profil des Kanzlers Kiesinger, zur Politik der Wiedervereinigung bis hin zum Statement über die Fußball-Euphorie des letzten Sommers – sein Wort war stets zur Stelle: spitz, prononciert, oft sarkastisch. Und so begleitete er die Geschichte der Bundesrepublik als trommelnder „Rufer in der Wüste“, rhetorischer „Moralapostel“ und – so der Spiegel – als „moralischer Scharfrichter der Nation“, sei es als Autobiograph im „Tagebuch einer Schnecke“, sei es als Historiograph beim „Aufstand der Plebejer“, sei es als Wortschöpfer zum Wahlkampf einer Partei: „Dich singe ich, Demokratie.“ Nun lernen wir den „Rekruten meines Namens“ kennen, wie Grass den „leiblichen Vorgänger“ aus seiner Jugendzeit nennt: einen schwärmerischen Phantasten, der von Goebbels‘ berüchtigter Sportpalastrede begeistert war und in jugendlicher Verehrung der Waffen-SS als „Elite“ erklärtermaßen „bis zum Schluß an den Endsieg geglaubt“ hatte. Biographien wie diese sind en masse bekannt und decken sich mit den Kriterien von Jugendpsychologie und Pubertät. Und das jetzige Bekenntnis („Beim Häuten der Zwiebel“) – „Ich war als Hitlerjunge ein Jungnazi“ – wäre damals in der Gesellschaft der Heimkehrer Wolfgang Borchert („Draußen vor der Tür“), Günter Eich („Inventur“) und Heinrich Böll („Billard um halb zehn“) keine Schande gewesen: Millionen wurden verführt, Millionen haben gelitten, und Millionen haben ihr Verführtsein bekannt und bereut. Seine erzählte Geschichte spart den Autor selber aus Warum ist damals Grass ein solcher mentaler Ausbruchsversuch aus dem eher fremd- als selbstverschuldeten Labyrinth nicht gelungen? Warum skizziert (und überzeichnet) der Erzähler Grass immer nur andere Zeitgenossen des NS-Regimes, etwa Martin Heidegger in der „philosophischen Materniade“ der „Hundejahre“? Erzählte Geschichte erstreckt sich bei Grass nie auf die eigene Person und die sechs Jahrzehnte lang getarnte NS-Befangenheit des pubertären Rekruten Grass. Anders formuliert: Beim Dreiklang „Dran, Drauf und Durch“, jener Devise der 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“, der Grass im November 1944 zugeordnet wurde, spart Grass sich selber aus und greift an sich vorbei. Diese Abseitsposition kann am epischen Werk von Grass in signifikanter Weise nachvollzogen werden. Einige Beispiele: Die jetzige Autobiographie „Beim Häuten der Zwiebel“ ist eine Reminiszenz an das Kapitel „Im Zwiebelkeller“ des Erstlingswerks „Die Blechtrommel“ (1959), wo der Autor die deutsche Nachkriegsgesellschaft hinsichtlich ihrer „Vergangenheit“ mittels gehäuteter Zwiebeln zum Weinen zwingt: „Da wurde endlich wieder einmal geweint, freiweg geweint.“ So wurde ein fiktives Düsseldorfer Altstadtlokal mittels der Zwiebel zum Purgatorium der Überlebenden und Neureichen im westdeutschen Nachkriegsdeutschland: „Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte, Künstler … Journalisten, Leute vom Film, bekannte Sportler, auch höhere Beamte der Landesregierung und Stadtverwaltung, kurz, alle, die sich heutzutage Intellektuelle nennen.“ Hier geht’s „Dran, Drauf und Vorbei“, denn Grass‘ Vergangenheit ist nicht dabei. Allein der unschuldige Gnom Oskar war in der Lage, „noch ohne Zwiebel zu Tränen (zu) kommen.“ Aber „Oskar“ ist nicht Günter Grass, sondern „Grass war das genaue Gegenteil von seinem kleinen, gegen die Nazis rebellierenden Oskarchen“, wie der Zeitzeuge Klaus Rainer Röhl heute betont. Versteckt sich also der Verfasser hinter seiner Figur? Ist „Oskar“ ein apokrypher Alias für den Autor Grass? Oder der „Zwiebelkeller“ der anderen ein fiktives Alibi für das eigene biographische Manko? Deutlicher wird die Annäherung an die eigene Biographie bei gleichzeitiger Verbergung der persönlichen Kernzonen in den „Hundejahren“ (1963): Ausweislich eines Interviews hat sich der biographische Grass „mit 15 zur U-Boot-Waffe oder als Alternative zu den Panzern gemeldet“. Als Siebzehnjähriger wurde er dann in die 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“ gezogen: „So kam ich in eine Marschkompanie, dann folgte ein dauerndes Verlegen.“ Die epische Parallele für dieses Biogramm findet sich in den „Hundejahren“: „Harry Liebenau packte seine Koffer: er wollte unter die Soldaten.“ Als „siebzehnjähriger Junge“ stieg er in die Bahn zum Hauptbahnhof. Anstatt „zur Marine“ heißt nun sein Motto: „Muß zu den Preußen. Die werden ohne mich nicht mehr fertig.“ Zunächst erscheint er in der „Marschkompanie Munster-Nord“, dann soll er in die „achtzehnte Panzer-Division“, ersatzweise in eine „Luftwaffenfelddivision“ bei Wien, erhält aber „einen neuen Marschbefehl“ zu einer „namenlosen Ersatzabteilung“, bis ihn die „nach Schlesien verlegte fünfundzwanzigste Panzergrenadier-Division“ schluckt: „Jetzt weiß er endlich, wo er hingehört. Keine Marschbefehle mehr.“ Diese verwirrende Slalomtour, in der jegliche Transparenz verlorengeht, mag dramatisch die Chaotik der letzten Kriegsmonate widerspiegeln, sie vernebelt aber auch die persönlichen Zonen in der fiktiven Figur des Harry Liebenau: kein Wort, keine Silbe über irgendeine SS-Formation, geschweige über die 10. SS-Panzer-Division des Günter Grass. Dran, Drauf und Vorbei: Auch Harry Liebenau war nicht dabei. Eine besondere Nähe zur eigenen Person zeichnet sich ab in der Figur des SA-Manns Walter Matern in den „Hundejahren“. Matern gelangt im Kapitel „Die 100. Materniade“ vor eine Art „Jüngstes Gericht“, das als „öffentliche Diskussion“ beim WDR Köln ablaufen soll. Als wichtigstes Instrument kommen die sogenannten „Erkenntnisbrillen“ zum Einsatz, die den Jugendlichen die schreckliche NS-Vergangenheit ihrer Eltern und so auch Materns verdeutlichen sollen. Diese endgerichtliche Fokussierung ist unausweichlich, da die genaue Zahl der verkauften Brillen zunächst vernebelt wird (1.400.000, dann 1.740.000, später 1.456.000 bzw. 1.768.000, dann nur 700.000), bis zuletzt eine signifikante Zahl präsentiert wird: 1.440.000 Brillen, was mit der biblischen Zahl der 144.000 Gesiegelten des Jüngsten Gerichts korrespondiert (Apc 7,4 und 14,1). Hier wird es biblisch, ja apokalyptisch, Grass macht ernst. Tatsächlich wird die Figur Matern schließlich gezielt festgenagelt: „Haben Sie … etwas mit … Adolf Hitler gemeinsam?“ Aber auch an dieser Figur weicht Grass dann aus, da er sie antworten läßt: „Alle Menschen haben etwas mit Hitler gemeinsam.“ Und ein bohrendes Nachfragen: „Wir betonen, daß nicht „alle Menschen“ oder gar „die Menschheit“, sondern „daß Sie und nur Sie Diskussionsgegenstand sind“, führt nicht zur Katharsis, sondern Matern begibt sich in der folgenden „Materniade“ auf die Flucht. Er verläßt das „spannungsgeladene Dreieck Hauptbahnhof-Dom-Funkhaus“: „Matern bricht durch, entzieht sich, flieht.“ Dran, Drauf und Vorbei. Es bleibt bei rabulistischer Spielerei. „Alle Menschen haben etwas mit Hitler gemeinsam“ Die Abseitsposition und das Vorbei-Prinzip scheinen ein leitendes Strukturelement im literarischen Stil der psychologischen Vergangenheitsbewältigung des Autors Grass zu sein: Anhand der Figuren des Gnoms Oskar („Blechtrommel“), des Unteroffiziers Mahnke („Katz und Maus“), des 17jährigen Harry Liebenau und des SA-Manns Matern (beide „Hundejahre“) wird der Leser hautnah an endogene Zonen herangeführt, die an der ganz persönlichen Schnittstelle des Autors zur empirischen NS-Realität angesiedelt sind, doch rechtzeitig weicht das fabulierende Pathos des Dichters zurück, federt ab, weicht aus, galoppiert vorbei. Dichterische Freiheit? Klitterungen? Verkommt nicht die moralische Kritik eines Günter Grass zum moralischen Smog, wenn im eigenen Keller sechzig Jahre lang ein Schwelbrand hüstelt? Bereits der erste Satz im Erstling „Blechtrommel“ hätte zu einem Feuerwerk führen müssen. Mit der vertrauten Farbsymbolik vom (bösen) Braun versus (gutem) Blau hätte der Roman etwa so beginnen können: „Zugegeben: ich war Ladeschütze in der SS-Panzer-Division ‚Frundsberg‘, mein Gruppenführer beobachtete mich, ließ mich kaum aus dem Auge; denn am Wachtor ist ein Guckloch, und meines Führers Auge war von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen konnte.“ Mit solchen Sätzen hätte das erzählende Ich – zugegebenermaßen direkt und unverblümt – die fabulierende Suada eines Siebzehnjährigen, verführt in den Machtstrukturen der NS-Zeit, vermitteln können. Doch schon beim ersten Satz verbleibt Grass in der spielerischen Unverbindlichkeit bloßer Phantasie und neutralisiert den Monolog des Gnomen Oskar, indem er ihn auf das Szenario einer „Heil- und Pflegeanstalt“ reduziert (tatsächlicher Roman-Beginn): „Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.“ Es bleibt bei gnomenhafter Spiegelfechterei. Dran, Drauf und Vorbei. Michael Harscheidt hat 1976 mit einer Dissertation über „Wort, Zahl und Gott bei Günter Grass“ (Bouvier Verlag, Bonn) an der Kölner Universität promoviert.

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