Das Recht der Gewöhnlichkeit

Die Stadt Krefeld plant, aus dem Bestand des Kaiser-Wilhelm-Museums das Gemälde „House of Parliament“ von Claude Monet zu verkaufen. Nicht zur anderweitigen Komplettierung einer Sammlung, wie das unter Kunst- oder Briefmarkensammlern üblich ist, sondern um die dringend nötige Sanierung des Museumsgebäudes zu finanzieren. Aus Baden-Württemberg wird vermeldet, daß 3500 wertvolle Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek verkauft werden sollen, um Sanierung und Unterhalt von Schloß Salem zu sichern. Unterm Strich würde uraltes Kulturgut auf dem internationalen Kunstmarkt verschwinden. Der Deutsche Kulturrat warnt vor einem Dammbruch und weist darauf hin, daß der Rechnungshof von Baden-Württemberg schon einen „maßvollen“ Verkauf aus den Beständen der Stuttgarter Staatsgalerien empfiehlt. Erst Strom und Wasser, nun das Kulturerbe Nachdem die kommunalen Stadtwerke, Wasser- und Verkehrsbetriebe privatisiert worden sind, um laufende Kosten zu decken, scheinen nun die Kunstdepots an der Reihe zu sein. Der nächste Schritt wären der Abriß und die Verscherbelung historischer Straßenpflaster und Kandelaber, so geschehen in der Endzeit der DDR. Doch nur keine simple Politikerschelte! Die öffentlichen Kassen sind leer, die Fixkosten wollen bestritten, die Infrastruktur unterhalten sein, und vor allem müssen die Verpflichtungen erfüllt werden, die der Sozialstaat in besseren Tagen eingegangen war. Andererseits hat die Bundesrepublik schon dürftigere Zeiten durchlebt, ohne deshalb das Kulturerbe zu verfrühstücken. Es gab einen gesellschaftlichen Konsens, daß der mögliche Preis in keinem Verhältnis stehe zum Wert und zur symbolischen, identitätsstiftenden Bedeutung der Artefakte. Dieser Kultur- und Wertekonsens sicherte auch in schweren Zeiten den sozialen Frieden, der heute nur noch über Sozialleistungen herzustellen ist. Gewiß, frühneuhochdeutsche Texte wurden auch früher nicht häufiger gelesen als heute, aber es gab einen scheuen Respekt davor. Dieser Respekt ist verschwunden, der aktuelle Durchschnittsinteressent fühlt sich berechtigt, die eigenen Standards lautstark als verbindlich einzufordern. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das sich seines „Bildungsauftrags“ rühmt, betätigt sich als sein Lautverstärker und läßt darüber abstimmen, wer der größere Deutsche sei: Goethe oder Küblböck? „Charakteristisch für den gegenwärtigen Augenblick ist es jedoch, daß die gewöhnliche Seele sich über ihre Gewöhnlichkeit klar ist, aber die Unverfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzutreten und es überall durchzusetzen“, schreibt Ortega y Gasset. Die – politisch gewollte – Denunzierung deutscher Kultur- und Geschichtstraditionen hat den Prozeß noch beschleunigt. Einem Politiker kann heute nichts Schlimmeres passieren, als in den Ruf zu geraten, seine Entscheidungen seien abgehoben, elitär. Sofort fühlt sich die latente, allgemeine Kultur- und Bildungsfeindlichkeit berechtigt, in sozialen und demokratischen Volkszorn umzuschlagen. Das läßt Politiker emporsteigen, die gar nicht mehr in der Lage sind, einen elitären Anspruch zu vertreten. „‚Alle‘ waren normalerweise die komplexe Einheit aus Masse und andersdenkenden, besonderen Eliten. Heute sind ‚alle‘ nur noch Masse.“ (Ortega y Gasset) Dank solcher Übereinstimmung von unten und oben stoßen die Verkaufspläne kaum auf öffentlichen Protest. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) ist sich jedenfalls sicher, den Nerv der Wähler getroffen zu haben: „Die Kritik kommt im Kulturteil der Zeitungen, nicht auf den Wirtschaftsseiten.“

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