Auch nicht viel besser als Hoppel-Heide

Gealterte Staatsmänner haben inzwischen eine Vielzahl von Optionen, wenn sie ihre Ämter abgeben. Es muß nicht immer Rosenzüchten sein wie bei Konrad Adenauer. Norbert Blüm wurde Quiz- und Talkshowgast, Heide Simonis dagegen trumpfte bei RTL als Tänzerin auf. Es kann auch anders kommen. Horst Ehmke zum Beispiel: Seit Jahrzehnten ist der Sozialdemokrat aus dem aktiven Politik-Betrieb ausgeschieden. Unter den nach 1970 Geborenen kennen nur wenige überhaupt noch den Namen des früheren Staatsministers. Ehmke ist also längst draußen und widmet sich bereits seit den 1990ern einem neuen Hobby: dem Krimischreiben. In seinem neue-sten Werk „Im Schatten der Gewalt“ schlägt der Sozialdemokrat die Schlachten von vorvorgestern noch einmal. Der Krimi kommt genau zur richtigen Zeit: Er handelt von einem geplanten Anschlag bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Vordergründig sieht es so aus, als befände sich Ehmke mit dem Roman auf der Höhe der Zeit. In Wirklichkeit betreibt er massive Vergangenheitsbewältigung. Der „Gute“ in seinem Krimi ist ein getöteter BKA-Beamter, der nicht nur vom Namen her an Andreas Baader erinnert. Pfarrerssohn Andreas Basler kommt aus der Hausbesetzerszene und haßt „das Schweinesystem“, „den Bullen-Staat“. Gegen die Apo habe der Staat zu harte Gewalt angewandt, findet Basler. Deswegen geht er selbst später zur Polizei. Es ist der sprichwörtliche Marsch durch die Institutionen, den Ehmkes Krimiheld angetreten ist. Bei der Polizei trifft Basler natürlich auf Widerstände reaktionärer Kräfte. Der Wortführer von Baslers Gegnern heißt mit Nachnamen zufälligerweise Merkel. Wie praktisch. Die Handlung dreht sich natürlich um islamistischen Terror und um die richtige Strategie gegen al-Qaida. Aber Ehmke kommt nicht ohne die Judenverfolgung bei den Nazis aus. Irgendwie läßt sich eben immer noch Auschwitz in ein Kapitel mit einfließen. Basler hat eine türkische Freundin und ist – natürlich – für den EU-Beitritt der Türkei. Zur Vorstellung des Buches in einer Buchhandlung am Berliner Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg hat Ehmke einen alten Bekannten mitgebracht: Egon Bahr. Der Architekt der Brandtschen Ostpolitik sitzt neben seinem früheren Kollegen und soll das Buch vorstellen. „Das Buch eines Freundes vorzustellen, ist immer eine kitzlige Sache“, sagt er. „Entweder es wird ein böser Verriß mit negativen Folgen für die Freundschaft, oder es kommt ein Lob, von dem dann gesagt wird, es sei nicht ernst zu nehmen“, fährt er fort. Bahr hat sich für das letztere entschieden, obwohl er selbstkritisch noch anmerkt, für Krimis sei er „eigentlich ungeeignet“. „Im Schatten der Gewalt“ sei ein „wirklich gutes Buch“, „spannend“ und „aktueller kann es nicht sein“. Und außerdem habe Ehmke eben profunde Kenntnisse über die Geheimdienste, in deren Dunstkreis der Roman handle. „Bis dahin hätte ja jeder den Roman schreiben können“, sagt Bahr deswegen. Aber niemandem unter den rund fünfzig Zuhörern scheint der sarkastische Unterton aufzufallen. Dann liest Ehmke aus seinem Werk vor und kommentiert seine Gedankengänge. Der BND sei kein demokratischer Geheimdienst, schließlich sei er aus der Abteilung „Fremde Heere Ost“ der Wehrmacht entstanden. Deswegen – und nicht wegen der für einen Geheimdienst vorteilhaften Abgeschiedenheit in der Provinz – habe Adenauer den BND in Pullach belassen, statt ihn nach Bonn zu holen. Ehmke ist gegen den Umzug des Dienstes nach Berlin. „Wer will schon nach Pullach gehen“, fragt er. Nach Hitler sei alles so schwierig in Deutschland. Deswegen habe es der Dienst schwer, gute Leute zu rekrutieren. Deswegen könne sich der BND mit den meisten anderen Geheimdiensten nicht messen. Was für ein Armutszeugnis, das sich der Autor da selbst ausstellt. Richtig böse wird Ehmke, als er auf den Karikaturenstreit zu sprechen kommt. Der Westen heize damit den Kampf der Kulturen an. Dreimal bringt er an dem Abend das Thema aufs Tapet. Ehmke stellt eine rhetorische Frage: „Was würde passieren, wenn bei uns Jesus als Karikatur dargestellt würde, derein Schwert in der einen und einen Moslem-Kopf in der anderen Hand hält.“ „Gar nichts“, antwortet Egon Bahr spontan. Es ist das einzige Mal an dem Abend, daß er dem Genossen Ehmke offen in die Parade fährt. Ehmkes Meinung zum Karikaturenstreit ist eindeutig: Das seien schließlich „Rechte“ in Dänemark gewesen. Und überhaupt: George W. Bush, der eigentliche Übeltäter, habe seine Wahl auch nur wegen der Christlichen Koalition in Amerika gewonnen. Die Fundamentalisten schaukeln sich auf beiden Seiten auf. Dagegen waren die Sowjets richtig rationale Verhandlungspartner, setzt er noch obendrauf. Und schon stimmt das Weltbild wieder. Horst Ehmke: Im Schatten der Gewalt. Bebra Verlag, Berlin 2006, gebunden, 224 Seiten, 17,90 Euro Foto: Ehmke stellt sein Buch vor, Bahr sekundiert: „Kitzlige Sache“

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