Am 30. Juni ist Schluß

Mit dem 4:1-Sieg gegen die zweite Garnitur der US-amerikanischen Nationalmannschaft ist die kurzzeitige Debatte um Jürgen Klinsmann auch schon wieder verstummt. Wie schon drei Wochen zuvor in Florenz zeigte sich die DFB-Auswahl nun vor heimischer Kulisse imstande, in jeder Halbzeit etwa zehn Minuten lang den Eindruck zu erwecken, sie dominierte das Spielgeschehen. In der Partie gegen die Squadra azurra war dies noch dem Umstand geschuldet, daß sich der Gegner im Gefühl des sicheren Vorsprungs Verschnaufpausen gönnen wollte, ohne in diesen allzu viel befürchten zu müssen. Entsprechend sprang auch für die deutschen Kicker nicht mehr als ein Ehrentreffer heraus. Im Kräftemessen mit den USA allerdings erspielten sie sich gegen desorganisierte Gegner vorübergehend eine tatsächliche Überlegenheit, die sie in einen den Spielverlauf nicht ganz korrekt widerspiegelnden Erfolg ummünzten. Die Lehre aus den ersten beiden Partien im Vorfeld der Weltmeisterschaft weicht damit nicht von jener ab, die man bereits aus dem Auf und Ab des Vorjahres ziehen konnte: Gegen schwache Gegner hat Deutschland eine Chance. Gegen stärkere vermag man allenfalls an guten Tagen mitzuhalten, ohne auf einen Sieg hoffen zu dürfen. Auf die WM angewandt heißt dies: Wer der Klinsmann-Truppe ein Vorrunden-Aus prophezeit, betreibt unnötige Schwarzmalerei. Polen, Costa Rica und Ecuador sind Mannschaften, gegen die man bestehen kann. Wird sogar Platz eins in dieser Gruppe erreicht, könnte auch das Achtelfinale überstanden werden. Sofern England seiner Favoritenrolle nämlich gerecht wird, winken als Gegner der DFB-Auswahl Paraguay oder Schweden, beides Teams, zu denen man sich wohl auf Augenhöhe befindet. Leider wird es den Deutschen aber nicht vergönnt sein, sich wie 2002 bis ins Endspiel durchzumogeln: Unter der Voraussetzung, daß die Argentinier ihr Potential ausreizen, werden sie die Gegner im Viertelfinale sein. Am 30. Juni gegen 19 Uhr in München dürften sich Ballack & Co. somit aller Voraussicht nach aus dem Turnier verabschieden. Für die Stimmung in den verbleibenden neun Tagen wird entscheidend sein, welchen Eindruck sie bei ihrem Ausscheiden hinterlassen. Scheitern sie glanzvoll wie im Confederation Cup und nicht desaströs wie bei der letzten Europameisterschaft, so hat Klinsmann seine Aufgabe aus der Sicht der Veranstalter erfüllt. Die deutschen Zuschauer werden gebannt das Halbfinale, vielleicht mit Italien, Argentinien, den Niederlanden und Brasilien, verfolgen – und als gute Gastgeber zugeben müssen, daß sie in diesem erlauchten Kreis tatsächlich nichts zu suchen haben.

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