Joachim Kuhs

 

Was dem Adel wohlgefiel …

Nach den großen Rubens-Ausstellungen in Lille, Antwerpen, Genua und Braunschweig im vergangenen Jahr konnte und wollte die Donaumetropole Wien mit ihren erheblichen Beständen von Werken des 1577 in Siegen geborenen Künstlers nicht zurückstehen. So wird seit Dezember in einer Gemeinschaftsausstellung des Kulturhistorischen Museums, des Liechtenstein-Museums sowie der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste unter dem schlichten Motto „Rubens in Wien“ die – laut Kuratoren – „größte Rubens-Schau der Welt“ präsentiert. Dabei hat Rubens zu seinen Lebzeiten nachgewiesenermaßen nie einen Fuß auf das Pflaster der Donaumetropole gesetzt. Das große Interesse ging vielmehr von der Motivation der Habsburger Herrscher aus, mit ihrem Aufkauf der Werke von berühmten Künstlern den eigenen Geist zur Förderung der bildenden Künste besonders zu unterstreichen. In dem, was der Kaiser für sammelwürdig hielt, wollten ihm die Fürsten verständlicherweise nicht nachstehen. So wurde es zur regelrechten Mode unter dem Adel, Rubens-Werke zu sammeln. Für den Erwerb der ersten Bestände mit Rubens-Gemälden war vor allem der kunstsinnige Erzherzog Leopold Wilhelm verantwortlich. Er kaufte Bilder unmittelbar von Zeitgenossen des großen Barockkünstlers auf. Ein weiterer Teil des Grundstockes stammt aus der Versteigerung des Nachlasses von Rubens nach dessen Tod im Jahr 1640. Doch auch am Ende des 17. Jahrhunderts befanden sich noch viele Bilder des Meisters auf dem Kunstmarkt, um die vor allem drei Sammlerpersönlichkeiten konkurrierten: Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz, Kurfürst Max Emanuel von Bayern und Fürst Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein. Letzterem gelang es, 22 Rubens-Bilder für die Fürstlichen Sammlungen in Wien zu erwerben. Ein Teil der Wiener Rubens-Bestände des Hauses Liechtenstein mußte allerdings später aus finanziellen Gründen wieder verkauft werden. Der derzeit regierende Fürst des verbliebenen Restbesitzes zwischen den Alpenrepubliken, Hans Adam II., erwarb in den letzten Jahren auf Auktionen fünf Gemälde, die diese Sammlung heute abrunden. Eine erhebliche Erweiterung der Wiener Bestände erbrachten die Aufkäufe in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den Direktor der kaiserlichen Gemäldegalerie, Joseph Rosa. 1775 reiste er in die Niederlande, um Gemälde aus Antwerpen für die Sammlungen zu erwerben. Zu den bedeutendsten Ankäufen zählte der von der Infantin Clara Eugenia (1566-1633) für die Ildefonso-Bruderschaft in der Kirche von St. Jacob op de Coudenberg in Brüssel gestiftete Ildefonso-Altar. Ein größeres Kontingent stammt ferner aus der Konkursmasse des Ende des 18. Jahrhunderts aufgelösten Jesuitenordens. Für diesen hatte Rubens um 1617/1618 die Riesengemälde „Wunder des hl. Franz Xaver“ – eine Szene aus dem Leben des aus Asien missionierenden Jesuiten, der Tote aufgeweckt sowie Blinde und Gelähmte geheilt haben soll – sowie „Wunder des hl. Ignatius“ geschaffen. Beide fanden alternierend für den Altar der Jesuitenkirche von Antwerpen Verwendung, wurden nach der Auflösung des Ordens von Rosa im Auftrag von Kaiser Franz erworben und gelangten so nach Wien. Besonderes Interesse bestand auch am Aufkauf von Herrschergemälden, die einen unmittelbaren Bezug zum eigenen Geschlecht hatten. Dies trifft sowohl auf die Porträts von Kaiser Maximilian I. (1459-1519), Erzherzog Albrecht VII. (1559-1621), einem Sohn Kaiser Maximilians II. und seiner Gemahlin, der Infantin Isabella Clara Eugenia (1566-1633), als auch des anläßlich des feierlichen Einzugs des Kardinalsinfanten Ferdinand als neuer Statthalter in Antwerpen im Jahr 1635 angefertigten Bildes König Ferdinands von Böhmen und Ungarn zu. Ein weiterer Teil der ausgestellten Rubens-Werke stammt aus den Sammlungen des Grafen Anton Lamberg-Sprinzenstein (1740-1822). Nach dessen Tod gingen sie als Schenkung in den Besitz der Akademie der bildenden Künste über. Von den 28 Rubens-Gemälden zählen nach neuesten Erkenntnissen 17 zu den eigenständigen Arbeiten. Die Wiener Sammlungen erlauben dem Besucher einen guten Überblick über das gesamte Werk des Künstlers. Die Palette reicht von Frühwerken wie der „Bekehrung des Saulus zum Paulus“ (um 1601/02) bis zu Gemälden aus den letzten Lebensjahren wie der „Himmelfahrt Mariens“ (1635). Stellvertretend für die barocke Historienmalerei stehen die Gemälde „Boreas entführt Oreithya“ (um 1615), „Der träumende Silen“ (zwischen 1610 und 1612) und „Die drei Grazien“ (zwischen 1620 und 1624). Für eine größere Anzahl von großen dekorativen Jagddarstellungen stehen in der Ausstellung exemplarisch eine Skizze der „Löwenjagd“ aus der Eremitage und die „Jagd von Meleager und Atalante“ aus den Beständen des Kunsthistorischen Museums. Eine Annäherung an den Menschen Rubens wird dem Besucher in den Gemälden „Das Pelzchen“, welches Rubens zweite Frau Helene Fourment in der Gestalt der antiken Venus pudica darstellt, und einem „Selbstbildnis“ aus den letzten Lebensjahren des Künstlers ermöglicht. Ergänzt wird die Ausstellung durch sechs Leihgaben aus der St.-Petersburger Eremitage. Ein kleiner Nachteil von „Rubens in Wien“ ist die eher mangelhafte thematische Ausrichtung. Konkrete Fragen vergleichbar der Braunschweiger Ausstellung werden nicht gestellt. Im Gegensatz zu Lille, Antwerpen und Braunschweig trägt die jetzige Präsentation dagegen deutlich stärker den Charakter einer „Best of Rubens“-Show. Trotzdem – oder gerade deshalb – kann ein Besuch der bis zum 27. Februar gezeigten Ausstellung nur empfohlen werden. Peter Paul Rubens, „Wunder des hl. Franz Xaver“ (Altarbild, um 1617/18): Kaiser und Fürsten wetteiferten in ihrer Sammelwut Die Ausstellung „Rubens in Wien“ ist bis zum 27. Februar zu sehen. Info: 00 43 / 1 / 5 25 24–0 bzw. 00 43 / 1 / 3 19 57 67-0. Der reich bebilderte Katalog kostet 36 Euro.

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