Vom Rebellen zum Salonlöwen

Mit seiner Ausstrahlung und stimmlichen Flexibilität zählte Bobby Darin zu den populärsten amerikanischen Sängern der fünfziger und sechziger Jahre, ein Chamäleon der Unterhaltungsmusik, das mühelos von einem musikalischen Genre zum nächsten wechselte: vom Rock’n’Roll-Rebellen zum Salonlöwen; vom Soul- und Bluessänger zur Stimme des Protestes. Wäre er nicht mit 37 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, würde er heute vielleicht mit Eminem um die Wette rappen. Ein Mann, der in den späten fünfziger Jahren von sich sagte, er habe vor, „größer als Frank Sinatra zu werden“, und das auch beinahe schaffte, gehört inzwischen leider zu den Vergessenen, auf die man bestenfalls in Rocklexika und den Wühlkörben mit Billig-CDs bei Saturn stößt. Dabei wußte die Musikindustrie ihn durchaus zu würdigen – seit 1990 findet man seinen Namen in der Rock’n’Roll Hall of Fame, seit 1999 auch in der Songwriters Hall of Fame. Vielleicht verwirrte er einfach ein Publikum, das an Musiker gewöhnt ist, die ihr Leben lang dieselbe Platte immer wieder aufnehmen. Vielleicht aber ist es an der Zeit, die Hörer wieder vertraut zu machen mit „dem coolsten Typen, der je auf Erden wandelte“. So zumindest beschreibt ihn einer, der es wissen müßte: Kevin Spacey war an „Beyond the Sea“ nicht nur als Koproduzent beteiligt, sondern auch am Drehbuch, als Regisseur und Hauptdarsteller. Der Film über das allzu kurze, aber ungeheuer produktive Leben dieses Tausendsassas war eine echte Liebesmüh, deren Vollendung über zehn Jahre brauchte. In den USA ging der Kinostart mit einer Konzerttour einher, auf der Spacey seine Versionen der Darin-Hits vorstellte. Dies sind die bei weitem besten Szenen des Films: Auf der Bühne vermag Spacey seiner Figur Leben … ja, „einzuhauchen“ ist ein viel zu zahmes Wort für dieses Hüftenschwingen und Fingerschnippen. Weniger überzeugend ist die zunächst recht konfus wirkende narrative Struktur, in der sich Darins Lebensgeschichte mit einem Film im Film und einigen recht fantastischen Tanzeinlagen vermischt. Sobald der Film jedoch seinen Rhythmus gefunden hat, liefern vor allem Kate Bosworth als Darins Starlet-Ehefrau Sandra Dee und Greta Scacchi als ihre despotische Mutter schauspielerische Glanzleistungen ab. Spacey nimmt sich einige Freiheiten mit der Chronologie heraus, was der Dramatik dieses unterhaltsamen Spektakels aber eher zugute kommt als schadet. Selbst die Frage, ob der 45jährige Spacey nicht zu alt ist, um Darin zu spielen, zumal in den Anfangsjahren seiner Karriere, wird kurz und bündig aus der Welt geräumt. Beim Dreh des Films im Film, für den Darin in sein jüngeres Ich schlüpft, pöbelt ein Reporter: „Er ist zu alt für die Rolle!“ Daraufhin dreht sich sein Schwager und Assistent (Bob Hoskins) um und ruft: „Die Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben!“ Robert Walden Cassotto kam am 14. Mai 1936 in der Bronx zur Welt, wo er in so ärmlichen wie schwer durchschaubaren Familienverhältnissen aufwuchs. Nachdem er als Junge an rheumatischem Fieber erkrankte, gaben die Ärzte ihm eine Lebenserwartung von höchstens fünfzehn Jahren. Statt sich diesem Schicksalsschlag zu ergeben, beschloß er, berühmt zu werden. Er nahm einen Künstlernamen an (nach einem chinesischen Restaurant, „The Mandarin“, mit kaputter Leuchtreklame) und begann seine musikalische Karriere in der New Yorker Coffeehouse-Szene. Seine Eigenkomposition „Dream Lover“ machte ihn zu einem der heißesten weißen Rock’n’Roll-Sänger der späten Fünfziger. Doch Darin wollte mehr sein als nur ein Teenieschwarm, und so nahm er als nächstes ein paar hervorragende Swing-Nummern auf. Dieser Richtungswechsel verschaffte ihm eine völlig neue Zuhörerschaft und ein regelmäßiges Engagement in dem Manhattaner Nachtclub Copacabana. 1964 wurde er obendrein für seine Rolle in dem Film „Captain Newman“ für einen Oscar nominiert. Zu dieser Zeit begann sich der Folkrock immer größerer Popularität zu erfreuen. Darin nahm Stücke von Bob Dylan, Tim Hardin oder John Sebastian in sein Live-Repertoire auf. Er wurde politisch aktiv, bezog öffentlich Stellung gegen den Vietnamkrieg und arbeitete nach dem Scheitern seiner Ehe als Wahlkampfhelfer für Robert Kennedy. Nach dessen Ermordung und dem zusätzlichen Schock, zu erfahren, daß seine Schwester eigentlich seine Mutter war, zog Darin sich in einen Wohnwagen mit Seeblick an der kalifornischen Küste zurück. Ein Jahr später meldete er sich mit dem politischen Album „Born Walden Robert Cassotto“ zurück, dem jedoch wenig Erfolg beschieden war. So trieb ihn die Geldnot wieder in die Clubs und Kabaretts, bis sein Gesundheitszustand sich rapide verschlechterte. Am 20. Dezember 1973 lief seine Zeit endgültig ab. „Früher habe ich mich über Bobby Darin geärgert, weil er seinen Stil so oft geändert hat“, sagte Neil Young fünfzehn Jahre später in einem Rolling Stone-Interview. „Inzwischen denke ich, er war ein verdammtes Genie.“ Zum Nach- und Reinhören empfiehlt sich vor dem Soundtrack mit Spaceys durchaus passablen Versionen das Original. Die Doppel-CD „Beyond the Sea: The Very Best of Bobby Darin“ (Warner Music, 2004) folgt seiner Karriere von frühen Hits wie der Ulknummer „Splish, splash“ oder dem R’n’B-Titel „Queen of the Hop“ über Stücke von Ray Charles und Cab Calloway bis hin zu Hardins „If I Were a Carpenter“ und Dylans „I’ll be Your Baby Tonight“. Wer sich’s leisten kann, ist mit dem Vier-Album-Set „As Long As I’m Singing“ (Rhino), das zeitgleich mit dem Filmstart in den Handel kommt, noch besser bedient. Foto: Spacey als Bobby Darin: „Der coolste Typ, der je auf Erden wandelte“

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