Information zwischen den Zeilen

Die DDR im Spiegel ihrer Literatur“: Das war eins der beliebtesten Seminarthemen westdeutscher Bildungsinstitute nach dem Mauerbau von1961. Die Literatur war damals zum Indikator gesellschaftlicher Zustände geworden, zumal die DDR-Zeitungen ihrer Aufgabe, die Bevölkerung darüber, was täglich zwischen Rennsteig und Rostock geschah, zu informieren, aus ideologischen Gründen nicht nachkommen konnten. Die Literatur aber versorgte ihre Leser mit Informationen über die Gesellschaft im SED-Staat, freilich auf andere Weise, als das Zeitungen machen können. Daß die DDR-Literatur diese therapeutische Aufgabe wahrnahm, wurde von den DDR-Germanisten aber immer heftig bestritten. Bis 1989 waren sie unentwegt bemüht, DDR-Gegenwartsromane, die hätten mißverstanden werden können, politisch zu entschärfen oder umzudeuten. Genutzt hat das alles nichts. Jetzt liegt eine Sammlung von neun Aufsätzen vor, die im Herbst 2003 auf dem Tübinger Schloß als Vorträge gehalten wurden und auch dem Kenner von DDR-Literatur eine ungeahnte Fülle von Informationen bieten. Herausgeber des Bandes ist der 1964 in Augsburg geborene Germanist Franz Huberth, der an der Universität Tübingen Lehraufträge versieht und unter dem Titel „Aufklärung zwischen den Zeilen“ 2003 ein Buch über den Komplex „Staatssicherheit und Literatur“ veröffentlicht hat. Sein Vorwort zeigt, daß er sich auskennt im DDR-Literaturbetrieb auch der fünfziger Jahre. So ist ihm die Diskussion um Boris Djacenkos Doppelroman „Herz und Asche“ (1954 und 1958) durchaus bekannt, in dessen zweitem Band Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Rotarmisten geschildert werden. Nach einem abgebrochenen Vorabdruck in der Neuen Berliner Illustrierten wurde die Buchfassung eingestampft. Diese Sammlung ist, zumindest ansatzweise, eine Fortschreibung von Wolfgang Emmerichs „Kleiner Literaturgeschichte der DDR“ (1996), sie bietet Ergänzungen und Ausweitungen zu Themen, die der Bremer Germanistikprofessor noch nicht kennen konnte oder auf die er aus Platzmangel hatte verzichten müssen. Schon der erste Beitrag Matthias Brauns über die von Peter Huchel bis 1962 geleitete Literaturzeitschrift Sinn und Form läßt das erkennen. Hier werden weithin unbekannte Informationen geboten, die man aber ausführlicher im 2004 von Matthias Braun verfaßten Werk über diese Literaturzeitschrift mit dem Untertitel „ungeliebtes Aushängeschild der SED-Kulturpolitik“ hätte erfahren können. Ähnlich aufschlußreich ist der Beitrag des Österreichers Kurt Habitzel über den historischen DDR-Roman, ein Thema, worüber es aus westdeutscher Sicht kaum mehr als Fragmentarisches gibt. Dieser Romantyp knüpfte an exilliterarische Vorbilder bei Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel an und fand seine theoretische Begründung in dem Aufsatz des ungarischen Marxisten Georg Lukacs „Der historische Roman“ (1937), der 1954 in Sinn und Form nachgedruckt wurde. Im Ost-Berliner Verlag Rütten und Loening gab es 1952 bis 1957 eine Buchreihe „Historische Romane“. Bis 1959 wurden 119 historische Romane von DDR-Autoren veröffentlicht, in den nächsten zehn Jahren war wegen der Bitterfelder Literaturbewegung, die die Bewältigung von Gegenwartsstoffen einforderte, ein Niedergang zu verzeichnen. Nach dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 gab es eine Variante „DDR-Gegenwart in historischer Verkleidung“, womit Stefan Heym berühmt wurde. Insgesamt wurden 404 historische DDR-Romane bis 1989 veröffentlicht, die der Auswertung durch nachwachsende Literaturwissenschaftler harren. Franz Huberth versucht in seinem Beitrag, die DDR-Literatur durch politische Datierungen wie den 17. Juni 1953, den 13. August 1961 und den 21. August 1968 zu periodisieren und wählt aus drei Epochen typische Autoren aus: den Remigranten, Dichter und späteren Kulturminister (1954-1958) Johannes R. Becher, den einst überzeugten Nationalsozialisten Franz Fühmann, der in sowjetrussischer Kriegsgefangenschaft „umerzogen“ und nach 1961 zum kritischen DDR-Schriftsteller wurde, und den oppositionell eingestellte Lyriker Uwe Kolbe, der 1986 mit einem Dauervisum nach Westdeutschland abgeschoben wurde. Mit einem Nebenthema der DDR-Literatur, der Rezeption sowjetrussischer Schriftsteller, die im DDR-Literaturbetrieb einen Bonus hatten und zu Vorbildern stilisiert wurden, setzt sich der Slawist Fritz Mierau auseinander, während Ines Geipel über DDR-Schriftstellerinnen schreibt und damit sowohl auf Susanne Kerckhoff verweist, die in ihren „Berliner Briefen“ (1947) einen nach Paris emigrierten jüdischen Freund auffordert, nach Deutschland zurückzukehren, als auch auf Edeltraut Eckert, die als Studentin verhaftet wurde und, zu 25 Jahren verurteilt, im Frauenzuchthaus Hoheneck/Erzgebirge tödlich verunglückte. Ihre Gedichte sind jetzt als erster Band der „Verschwiegenen Bibliothek“, die verbotene DDR-Texte sammelt, erschienen. Auch hier gibt es eine Fülle neuer Informationen über Autorinnen, deren Schicksal erschreckend ist. Von besonderem Wert sind die Ausführungen Reinhard Hillichs über den DDR-Kriminalroman, der, wie jedes Literaturprodukt, ideologischen Vorgaben zu folgen hatte. Er war durchaus, was die politische Brisanz betrifft, kein untergeordnetes Genre, sondern arbeitete Themen auf wie mangelnde Reisefreiheit, Zensur, Machtmißbrauch, Kriminalität im Sozialismus, Prostitution. Karsten Dümmel wiederum beschreibt eindringlich das wachsende Interesse des 1950 gegründeten Ministeriums für Staatssicherheit an DDR-Literatur und ihren Verfassern nach dem 17. Juni 1953 und bringt dafür zahlreiche Beispiele von Autorenschicksalen in Sachsen und Thüringen 1961/89. Hier spricht einer, der das alles als Mitarbeiter der Evangelischen Kirche in Gera miterlebt hat und 1988 freigekauft wurde. Alle neun Beiträge, wozu auch der von Peter Pohley „Aus der Literatur zum 17. Juni 1953“ zählt und der von Wolfgang Emmerich über die Autorenjahrgänge 1933-1935 (der aber schon anderswo publiziert wurde), sind unverzichtbare Bausteine für eine noch ungeschriebene Kriminalgeschichte der DDR-Literatur. Franz Huberth, Hrsg.: Die DDR im Spiegel ihrer Literatur. Beiträge zu einer historischen Betrachtung der DDR-Literatur. Duncker & Humblot, Berlin 2005, 180 Seiten, broschiert, 36 Euro Foto: Stefan Heym signiert, 1989: Gegenwart in historischer Verkleidung Dr. Jörg Bernhard Bilke war von 1983 bis 2000 Chefredakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat.

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