In der Schachtel

Niemand entgeht seinen Erinnerungen. Mag man sie noch so tief ins eigene Unterbewußte drängen, sie dort in eine Schachtel sperren – sie haben ihren Platz. Denn sie sind ein Teil von uns wie alle Impulse, Sehnsüchte und Träume. Manchmal lieben wir es auch, die Schachtel zu öffnen, in ihren Inhalten zu blättern wie in einem Fotoalbum und doch diesen süßen Schmerz in der Erkenntnis zu spüren, daß alles verrinnt, jedes Lieben und Sehnen scheinbar vergeblich ist. Der Schriftsteller Chow Mo-Wan (Tony Leung Chiu-wai) hat sich mit seinen Erinnerungen selber in eine Schachtel gesperrt, ein kleines Hotelzimmer in einer schäbigen Pension. Man schreibt das Jahr 1966 in Hongkong. Er beobachtet heimlich Zimmernachbarinnen, beginnt Affären, freundet sich mit der Tochter des Hoteliers an. Er versucht den Seelenschmerzen durch Arbeit zu entrinnen und schreibt an einem Science-Fiction-Roman. Doch je mehr er sich in die fiktive Zukunftswelt begibt, desto stärker steigen die Bilder verflossener Liebesaffären in ihm auf. Drei Frauen, die er geliebt hatte, treten noch einmal vor seinem inneren Auge auf, und jenes Gefühl der Traurigkeit kann ihn nicht loslassen, hält ihn unentrinnbar fest. Die sehr persönliche Handschrift dieses beeindruckenden Films – Regisseur Wong Kar Wai wurde 1958 in Shanghai geboren, emigrierte nach Hongkong, studierte Graphikdesign – wird viele Zuschauer verwirren. Personen kreuzen sich, verändern sich, nehmen scheinbar andere Identitäten an, und man fragt sich, ob es noch dieselben Menschen sind, denen man eine Weile zuvor folgen durfte. Die Zukunftsstadt wird zur Traumwelt, doch ist nicht die ganze Geschichte nur geboren aus Träumen eines Gestrandeten? Die Handlung scheint zu springen, sich zu verlieren. Auch durch die langsame Schnitt-Sprache, die Konzentration der Kamera auf die Figuren und deren Körperdetails, die fast klaustrophobische Beschränkung der gezeigten Örtlichkeit auf das Hotel mit seinen kleinen Zimmern und engen Gängen wird der Eindruck einer diffusen irrealen Vision vermittelt. „2046“ ist ein ungewöhnlicher, äußerst seltsamer Film geworden. Ein verstörendes Werk, das aber womöglich gerade dadurch den Zuschauer berührt und fesselt, weil in seinen kleinen, traurigen Episoden immer auch ein Teil unserer eigenen schmerzlich verwahrten Erinnerung zu finden ist. Foto: Tony Leung und Zhang Ziyi

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