Die fehlende Hälfte

Das Thema „Vaterlosigkeit“ erlebt seine Konjunktur in Phasen. Alexander Mitscherlich, der den Terminus der „vaterlosen Gesellschaft“ in den sechziger Jahren prägte, vermochte in dem Fehlen männlicher Vorbilder noch eine Chance auf Befreiung und Emanzipation zu sehen, drei Jahrzehnte später wandte man sich den defizitären Folgen eines Vatermangels zu. Psychologen wie Hans Petri und der Publizist Matthias Matussek konfrontierten ihre Leser mit den Traumata und all jenen pathologischen Auffälligkeiten, die nun nicht mehr die Nachkriegsgeneration mit ihren gefallenen oder schuldig gesprochenen Vätern betrafen, sondern die Opfer eines anderen Krieges – die Halbwaisen durch Scheidung. Die Suche nach dem Vater als einem wichtigen Meilenstein der Identitätsstiftung war bislang wesentlich als Problem der Söhne virulent. Vaterlos aufwachsende Jungen, zahlreiche Statistiken belegen dies, sind deutlich anfälliger für gesellschaftsschädigendes Verhalten, für Süchte, Kriminalität, ihre Suizidgefährdung ist signifikant höher. Über die Auswirkungen weiblicher Vaterlosigkeit ist wenig bekannt. In diese Lücke stößt das vorliegende Buch. Zwanzig Frauen, geboren zwischen 1935 und 1971, erzählen von ihrem Leben ohne Vater. Er ist tot oder unbekannt, mal lebt er in der Nachbarschaft und wird gesiezt, mal wird über Jahrzehnte ein anderer Mann für den Vater gehalten, meist wird er gesucht, manchmal gefunden – aber immer fehlt er. Unter den drei Fachleuten, die das Phänomen beleuchten, hat Horst Petri den instruktivsten Essay beigetragen. Vaterlose Töchter würden selten kriminell oder überhaupt „auffällig“, sie litten im Stillen, im besten Falle kompensierten sie den Mangel kreativ: Ina Seidel, Sylvia Plath, Hannah Arendt und Lou Salome etwa seien vaterlos aufgewachsen. Das Wissen über unsere Abstammung, sagt Petri, gehöre zum Beweis unserer Existenz. Das neue Kindschaftsrecht hat das Recht des Kindes auf beide Eltern ausdrücklich formuliert – nichtsdestotrotz nimmt die Zahl der väterentbehrenden Kinder Jahr für Jahr zu. Nicht nur „Rosenkriegern“ sei dieses Buch ausdrücklich empfohlen. Ingeborg Bellmann, Brigitte Biermann: Vatersuche. Töchter erzählen ihre Geschichte. Ch. Links Verlag, Berlin 2005, 208 Seiten, broschiert, 14,90 Euro

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