Die blutigste Phase des Krieges

Am 30. Januar 1945 wandte sich Adolf Hitler in einer Rundfunkrede aus Anlaß des zwölften Jahrestages der Machtergreifung zum letzten Mal direkt an das deutsche Volk; ohne jeglichen Bezug zur Realität beschwor der in seinem Wahn verfangene Diktator noch einmal den Kampfgeist seiner Zuhörer – „so lange, bis am Ende der Sieg unsere Anstrengungen krönt“. Während die Phrase vom „Endsieg“ ein Hirngespinst der nationalsozialistischen Propaganda bleibt, sind die Anstrengungen real; in der Zeit vom Zusammenbruch der Ostfront bis zur sowjetischen Eroberung Berlins fallen auf deutscher Seite noch einmal so viele Soldaten wie in den fünf Kriegsjahren zuvor. Für die Zivilbevölkerung, ohnehin seit Jahren immer schutzloser dem alliierten Bombenkrieg ausgesetzt, beginnt mit der letzten Phase der Bodenkämpfe auf dem Reichsgebiet ein neuer Leidensabschnitt, insbesondere dort, wo sie den sowjetischen Invasoren ausgeliefert ist. Diese letzten drei Monate des „Dritten Reiches“ schildert Wolfgang Paul in seinem Buch „Der Endkampf – Deutschlands Untergang 1945“. Die Darstellung setzt ein mit dem 13. Februar, jenem Faschingsdienstag, an welchem Dresden in einem beispiellosen Bombardement seiner Vernichtung entgegengeht. Es folgt die Schilderung der Abwehrkämpfe gegen die Westalliierten, die vom Rhein in Richtung Elbe vorrücken, und die Sowjets, die die Oder überschritten haben und auf die Reichshauptstadt zustreben. Die verzweifelten Bemühungen einiger Militärs, die fatalen Fehlentscheidungen der politischen Führung abzuwenden, nehmen ebenso großen Raum in der Darstellung ein wie einerseits Leiden und andererseits Fanatismus deutscher Soldaten. Die Deutschen sind im Endkampf zu fatalistischen Stoikern geworden, resümiert Paul: Sie kämpften und starben, und auch wer nicht kämpfte, mußte sterben. Erst nach Hitlers Tod konnte der Endkampf aufhören; nach der bedingungslosen Kapitulation bzw. der Verhaftung Dönitz‘ am 23. Mai 1945 hörte auch das Deutsche Reich auf zu bestehen. Paul, 1918 in Berlin geboren, in Dresden aufgewachsen, war nach dem Abitur von 1937 bis 1945 Soldat. In „Der Endkampf“, 1976 erstmals im Bechtle-Verlag erschienen, verläßt er kapitelweise immer wieder auch den Standpunkt des distanzierten Betrachters der Ereignisse und läßt seine eigene Zeitzeugenschaft in die Darstellung einfließen: In der Person des 26jährigen Oberleutnants Wolfgang Koch tritt der Verfasser hier seinen Lesern gegenüber. Seine Darstellung der historischen Ereignisse, beruhend auf der Auswertung von Archivalien, Memoiren und Sekundärliteratur, unterlegt er mit den Aufzeichnungen und Erinnerungen seines Alter ego; in ihm, so schreibt Paul an anderer Stelle, erkennt er denjenigen wieder, „der er einmal gewesen war“. Diese Vielgestaltigkeit macht den Wert des Buches aus: lesbarer als eine geschichtswissenschaftliche Darstellung, sachlicher als eine Autobiographie. Daß „Der Endkampf“ fast dreißig Jahre alt ist, merkt man vor allem an der unverhohlen zum Ausdruck kommenden deutschen Sicht auf die Ereignisse – darin liegt der wohltuende Unterschied zu aktuellen populären Büchern. Dennoch liegt keine Einseitigkeit im Stile unkritischer, schönfärberischer Landsermythen vor, genausowenig werden von deutscher Seite verübte Verbrechen verschwiegen. Am Schluß des Endkampfes liegt Deutschland geschlagen da, auf die Niederlage folgt Besetzung und für die Soldaten die Gefangenschaft, für unzählige Zivilisten die Vertreibung. Die Not überdauert das Kriegsende. Und doch läßt Paul den Oberleutnant Koch sich ein Stück weit befreit fühlen – von der Last der Verantwortung für andere: „Seine Freiheit ist ganz persönlich, eine unerhörte Freiheit.“ Darin liegt wahrscheinlich die Ambivalenz des 8. Mai 1945. Wolfgang Paul: Der Endkampf. Deutschlands Untergang 1945. Edition Antaios, Schnellroda 2005, 420 Seiten, gebunden, 26,00 Euro

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