Den Optimismus der Welt gepachtet

Den Aufstieg und Fall von Weltmächten zu prognostizieren, ist ein reizvolles, wenn auch nicht länger sonderlich originelles Unterfangen. Dabei bietet sich natürlich der Kontrast zwischen den dynamischen Ländern Süd- und Ostasiens einerseits und den wirtschaftlich stagnierenden Mittelmächten Kontinentaleuropas – Deutschland, Italien und Frankreich – andererseits an, denen im globalisierten Wettbewerb die Puste ausgeht. Schon in den achtziger Jahren wurde etwas voreilig das japanische Zeitalter ausgerufen, um das es jedoch nach dem Platzen der japanischen Kapitalspekulationsblase ab 1992 ausnehmend still wurde. Es folgte das asiatische Zeitalter bis zur asiatischen Finanzkrise von 1997/1998, und nunmehr bis zur nächsten Krise der aktuelle China-Jubel. Jochen Buchsteiner und Karl Pilny offerieren Varianten jenes China-Themas. Buchsteiner, FAZ -Korrespondent in Neu-Delhi, addiert in seinem flott geschriebenen Essay die Wirtschaftsprognosen Chinas, Indiens und eines Gutteils Südostasiens, um jene Summe heterogener Zukunftsmächte dem selbstgefälligen Abstieg Europas gegenüberzustellen. Der Berliner Wirtschaftsanwalt Karl Pilny dagegen projiziert eine wohlwollende chinesische Hegemonie, der sich aber leider zu des Autors Zorn und Kummer das widerspenstige Japan nicht unterordnen will. Bei solchen genialen Würfen, die kontinentale Entwicklungen journalistisch-leserfreundlich aufbereiten wollen, entstehen verständlicherweise viel Licht und Schatten. Was beide Bücher lesenswert macht, ist allerdings weniger die wohlfeile Extrapolation der aktuellen Wachstumsdaten als vielmehr die Schilderung der verbliebenen Schwächen Indiens und Südasiens (Buchsteiner) und Chinas (Pilny), die freilich dann von den Autoren in Verfolgung ihres futuristischen Argumentationsstrangs überspielt werden. Hinzu kommt, leider schwerlich widerlegbar, die Darstellung des tendenziellen Abstiegs und der wachsenden politischen und kulturellen Einflußlosigkeit Europas in Asien. Buchsteiner sieht Asien von vitalen Interessen zur Leistungsbereitschaft beflügelt. Abgesehen von einer militanten muslimischen Minderheit, die sich vor allem in Pakistan ausbreitet, schwindet für die säkulare Mehrheit der Mittelschichten die Bedeutung von Religion. Auch die Chinesen seien in einem atheistisch materialistischen Land weitgehend entkonfuzianisiert und strebten nach individueller Entfaltung und nicht länger nach sozialer Harmonie. Demgegenüber seien jedoch nationalistische Doktrinen im Aufwind, bei denen das Militär als Schule der Nation und steigende Rüstungshaushalte – sichtbar vor allem im Flottenausbau und den wachsenden Nukleararsenalen Chinas und Indiens – unhinterfragt akzeptiert würden. Indien selbst stellt sich als eine unruhige Nation voller Widersprüche dar: mit Mondflugprogrammen, den im US- Wahlkampf durch John Kerry problematisierten globalen Dienstleistungs- und IT-Angeboten („outsourcing“) und der zum Entsetzen der „aufgeblähten Helferbürokratie“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erfolgten Aufkündigung der Entwicklungshilfebedürftigkeit einerseits. Diese Fortschrittlichkeit koexistiert mit ländlicher Massenarmut, fünfzigprozentigem Analphabetentum, vergammelten Infrastrukturen, abgewirtschafteten Städten und politischen Kulturen von Gewalt, Korruption und Nepotismus koexistieren. Als „Regionalmacht mit Ambitionen“ bemüht sich Indien um die Entschärfung diverser Grenz- und Statuskonflikte im Himalaja und um eine Annäherung an den alten Rivalen China. Während die USA in der Region handfest politisch engagiert sind und wegen ihrer attraktiven Hochschul- und Lebensstilangebote unschwer kulturell dominieren, sind die Europäer politisch desinteressierte „Zaungäste“. Obwohl in Asien Macht- und Interessenpolitik dominieren, üben sich die Europäer in Multilateralismus und Souveränitätsverzicht. US-Agenten bringen Extremisten und Atomhändler zur Strecke – zur gleichen Zeit schaffen europäische Botschaften Planstellen für Islambeauftragte zur Forderung des interkulturellen Dialogs. Dabei ist das öffentliche Interesse an Asien in Europa durchaus stark. Es konzentriert sich aber hauptsächlich auf Kultur, Religion, Tourismus und kulinarische Aspekte und das Engagement wohltätiger Vereine für die Zukurzgekommenen des asiatischen Wirtschaftswunders von Kalkutta bis Manila. Dies vermittelt die wohlige Illusion gutmenschelnder Überlegenheit, die die wachsenden Kosten des asiatischen Wachstums auf den europäischen Arbeits- und Rohstoffmärkten kaum noch zu überkleistern vermag. Insgesamt stellt Buchsteiners Buch eine intelligente, anregende und wohlinformierte Lektüre dar, auch wenn die Weltdominanzrhetorik wohlweislich cum grano salis zu nehmen ist. Das gleiche läßt sich von Pilnys Werk leider nur schwerlich behaupten. Die erste Hälfte des Pilny-Buches, die von China handelt, ist durchaus interessant, zumal der Autor die Projektionen der künftigen Allmacht des Landes stets durch die Erwähnung aktueller Schwachstellen relativiert und einer Realitätskontrolle unterwirft, bevor ihm in der zweiten Hälfte die Urteilskraft zu entgleiten droht. Seit zwanzig Jahren ist nach seinen Daten China um 9,4 Prozent jährlich gewachsen. Provinzregierungen, deren Leistung nach Wachstumszahlen bemessen werden, zwingen ihre Regionalbanken und die Filialen der Staatsbanken zur Finanzierung weiterer Bau- und Industrieinvestitionen ohne große Rentabilitätsüberlegungen. Pilny hält ausländische Großinvestoren nicht ganz zu Unrecht für „hypnotisiert“ von dem Potential der Einwohnerzahl und warnt vor mangelndem Rechtsschutz, dem Druck zum Technologietransfer und dem Zwang, chinesische Zulieferer zu begünstigen. Angesichts der Vielzahl fauler Kredite, des intransparenten Aktienmarkts, des Fehlens produktiver Innovationen und des „geborgten Aufschwungs“ kommen ihm auch vorübergehende Zweifel an der Nachhaltigkeit des chinesischen Wachstums. Diese halten jedoch nicht lange vor: „In 10 bis 15 Jahren“ werden China und Indien die japanische Hochkostenwirtschaft mit ihrer rückständigen Binnenwirtschaft überholt haben. Doch behauptet Pilny gleichzeitig, China und Japan würden „in wenigen Jahren“ möglicherweise 85 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft unter sich aufteilen. Das läßt natürlich wenig Raum für die Inder, vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Nach Weltbankzahlen macht der aktuelle Anteil Japans 13,5 Prozent und der Chinas 3,8 Prozent am Bruttonationalprodukt der Welt (2002) aus. Da muß in jenen „wenigen Jahren“ schon sehr viel passieren. Überhaupt steckt Pilnys Buch voller eindrucksvoller Zahlen, stets ohne Quellenangaben. Gelegentlich kommen Zweifel auf: „Von den 1,28 Milliarden Einwohnern leben zwei Drittel, also 500 Millionen, in Städten.“ Kann mal passieren. Oder zur Einkommensstruktur Chinas: „Drei Millionen Millionäre, 78 Millionen kaufkräftige Mittelschicht und 300 Millionen Arme“. Sehr schön. Man fragt sich allerdings nach dem Einkommen der restlichen Milliarde. Vietnam wird großzügig ein Prokopfeinkommen von 2.300 Dollar zuerkannt und bescheinigt, auf dem besten Weg zu sein, ein neuer Tiger zu werden. Leider liegt in Wirklichkeit jenes Einkommen pro Kopf und Jahr nur bei 420 Dollar (2002, Quelle: Weltbank). Da schrumpft der Tiger auf Hauskatzenformat. Gedankensprünge und unvermittelte Themenwechsel machen die Lektüre nicht amüsanter. So beginnt Seite 199 mit Kabinettsumbildungen in Japan, gefolgt von studentischen Sexualdelikten – einschließlich der abenteuerlichen Behauptung, vielen Japanern fehle das Unrechtsbewußtsein für Vergewaltigungen -, gefolgt von einer Abhandlung zu Armeebordellen und Rechtsradikalen. Dreimal wiederholt Pilny Schnelldurchgänge durch die japanische Geschichte, die jedoch in ihrer Wiederholung nicht besser werden. Kollektiv kommen die Japaner ausnehmend schlecht weg. So werden ihnen ohne Umschweife, Begründung oder Ausnahmen „grundsätzliche negative Auffassungen gegenüber Ausländern“, „Komplexe und Neurosen“, „Minderwertigkeitskomplexe“ und „unbewußte Wut“ gegenüber China und Korea unterstellt. Was will uns der Autor damit sagen? Vielleicht hält er mit seinen projektiven Pauschalurteilen gerade der eigenen Seele einen Spiegel vor. Häufig hat man den Eindruck, als sei Pilny von seinem großen Thema schlicht überfordert. Hier ein intellektueller Höhepunkt des Amateurhistorikers: „Von der japanischen Armee ausgebildete Führer wie General Aung Song in Burma oder Kim Il Yong in Nordkorea hatten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Rückkehr der westlichen Kolonialherren verhindern können“. Dieser Satz könnte in einem Wissensquiz verwendet werden: Welche Aussage ist falsch? Richtige Antwort: Alle. Es stimmen weder die Gesamtaussage, denn alle westlichen Kolonialmächte kehrten – wenn auch mit Mühen und oft nicht für lange – in ihre asiatischen Territorien zurück, noch die Namen und die Einzelheiten. General Aung Sans Seitenwechsel half vielmehr den Briten bei der – für den Kriegsausgang im Pazifik übrigens sinnlosen – Rückeroberung Burmas von Februar bis Juli 1945. Kim Il-Sung dagegen war, nachdem er seiner Räuberexistenz in der Nordostmandschurei überdrüssig geworden war, ab 1941 von der Roten Armee ausgebildet worden und zog als sowjetischer Hauptmann im September 1945 nach Pjöngjang ein. In Korea hatte es natürlich auch nie westliche Kolonialherren gegeben. Über die Vielzahl jener Fehler und Ungereimtheiten könnte man noch hinwegsehen, wäre nicht auch Pilnys Hauptthese unschlüssig. Japan wird einerseits vorgeworfen, es sei als Juniorpartner der USA „politisch farblos und passiv“. Andererseits soll es sich wie so viele andere benachbarte Klientelstaaten dem chinesischen Hegemonialanspruch unterwerfen, der in der Subordination und Kooperation gegenüber China besteht, mit der Verpflichtung, dessen Primärinteressen aktiv zu unterstützen oder zu dulden. Warum der Bündniswechsel von einem berechenbaren Rechtstaat wie den USA hin zu einer kommunistischen Diktatur im japanischen Interesse sein soll, bleibt unerfindlich. Ähnlich unerfindlich, wie es übrigens die von Buchsteiner zu Recht kritisierten Träume von der Achse Paris-Berlin-Moskau-Peking für Deutschland sind. Jochen Buchsteiner: Die Stunde der Asiaten. Wie Europa verdrängt wird. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005, 208 Seiten, gebunden, 19,90 Euro Karl Pilny: Das asiatische Jahrhundert. China und Japan auf dem Weg zur neuen Weltmacht. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, 340 Seiten, gebunden, 24,90 Euro

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