Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Zielgruppe Kind

Es dürfte nicht nur privater Nostalgie und Verklärung entspringen, wenn man feststellt, daß die eigene frühe Kindheit außerhalb der heimischen, elterlichen Betreuung von einem zwar begrenzteren, aber doch kindgerechtem Freizeitangebot umrahmt wurde. Die schlichte Kinderwelt von dereinst hat sich in sämtlichen Bereichen hin zum Schrillen, Unüberschaubaren geöffnet; der Trend weg vom Simplen und Reizarmen hin zur technisch ausgeklügelten Multifunktionalität ist unübersehbar. Genauso augenfällig ist die Entwicklung in der Welt des Fernsehens – hektische Moderationen und technische Effekte scheinen das mittlerweile zum modernen Prototyp gewordene ADS-Kind ("Zappelphilipp-Syndrom") erst hervorzubringen. Werden ab und an doch ältere Märchenfilme gezeigt – gerade zur Weihnachtszeit beliebt -, scheint die gelegentliche Einblendung hopsender Zeichentrickmännchen am unteren Bildschirmrand vonnöten zu sein, um den fidelen Nachwuchs, habituell konzentrationsunfähig, bei der Stange zu halten.

Mag sein, daß dies alles dem Aspekt allgemeiner Verblödung zuzurechnen ist. Oder liegt es auch daran, daß die Zielgruppe Kind immer weniger präsent ist, nicht real greifbar und also nicht begriffen: daß vor allem das Personal der Werbemenschen, Spielzeugdesigner und Kindersendungsmoderatoren, weil selbst kinderlos, vermehrt auf Erfahrungen aus zweiter, dritter Hand zurückgreift? Somit würde das coole, frühreife und bereits halb neurotische Kind durch den aufeinander aufbauenden Dominoeffekt rein medial vermittelter Bilder von angeblich kindlichen Neigungen und Bedürfnissen überhaupt erst faktisch. Das wäre ein bitterer Kreislauf.

Wer mit seinen Kindern einen zurückhaltenden TV-Konsum pflegt, möchte mit einem Kinobesuch vielleicht ein familiäres Schmankerl setzen. Doch auch hier stellt sich die Auswahl so groß wie dürftig zugleich dar. Wem die gängigen Disney-Produktionen mit all ihren Niedlichkeiten zu schal sind, der mag sich durchaus von der deutsch produzierten Kinder- und Hundegeschichte "Sergeant Pepper" – als "Familienabenteuer" beworben und mit dem zweifelhaften "Prädikat wertvoll" ausgezeichnet – angesprochen fühlen: Ein begüterter alter Herr, so der Inhalt, setzt seinen treuen Hund, genannt Sergeant Pepper, als Erben ein. Die habgierigen (erwachsenen) Nachfahren des Verstorbenen wollen den Hund nun aus der Welt schaffen. Dabei haben sie nicht mit Widerstand und List von zwei Kindern gerechnet, denen Sergeant Pepper auf der Flucht vor seinen Häschern zugelaufen ist.

So weit, so nett. Eine spannende Geschichte mit zum Teil – was dem jungen Publikum freilich gleichgültig sein dürfte – prominenter Besetzung; Barbara Auer, Ulrich Thomsen und August Zirner spielen hier in Hauptrollen. Gemessen am üblichen Angebot ist es kein schlechter Film – man ist da ja recht anspruchslos geworden nach all den hypermodernen Erich-Kästner-Verfilmungen und dergleichen.

Doch auch hier all diese unnütze Verwirrung: Wozu heißt das Familienoberhaupt Johnny Singer, haben überhaupt die meisten Personen der Handlung angloamerikanische Namen, wo sie doch in Hamburg leben? Warum spielt Felicia, die kesse Zehnjährige in Girlie-Shirts, ausgerechnet Hockey und Baseball? Warum beschäftigen sich die lässigen Eltern doch nur verwalterisch mit ihren Kindern, obgleich hier offenkundig eine geborgene, muntere Familienatmosphäre dargestellt werden soll? Warum ist der Erstkläßler in psychiatrischer Behandlung, welches Kind soll das begreifen, sich gar emphatisch in den Protagonisten hineinversetzen? Und welches Kind versteht Schwulenwitze?

"Sergeant Pepper" ist nach ihrem banal-netten Debüt "Bella Martha" (JF 18/02) der zweite Kinofilm der jungen Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Nettelbeck. Die Wochen um Weihnachten zählen als Hauptzeit für Kinobesuche im Familienverbund. Eine andere Motivation als die pekuniäre Hoffnung dürfte für die Produktion dieses Films nicht vorgelegen haben. Aber vielleicht wäre das auch zuviel erwartet.

Foto: Felix ( Neal Lennart Thomas) mit Sergeant Pepper

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