Wenig Whiskey und viel Soda

Das Amt des Bundespräsidenten ist so zugeschnitten, daß es jeder glaubwürdig und im Sinne der Erfinder auszuüben vermag, der einen unbescholtenen sowie rechtschaffenen Eindruck vermittelt und zudem möglichst wenig polarisiert. Veritable Gründe, die gegen Horst Köhler hätten sprechen können, waren und sind daher nicht zu erkennen. Schon in seinen ersten Wochen als oberster Repräsentant unseres Staates hat er sich mit nachdenklichen Worten und hübschen, unkonventionellen Gesten würdig in die Tradition seiner Vorgänger eingereiht. Selbst das Manko, er wäre vor seiner Kür zum Kandidaten weitgehend unbekannt gewesen, kann man nicht ernsthaft gelten lassen – auch ein Heinrich Lübke, ein Karl Carstens oder gar ein Roman Herzog gehörten nicht unbedingt zur A-Prominenz der deutschen Politik. Zudem ist den Bürgern in den vergangenen Monaten reichlich Gelegenheit geboten worden, ihren neuen Präsidenten im Schnelldurchlauf kennenzulernen. Das von dem unterdessen notorischen Gesprächsprotokollanten Hugo Müller-Vogg besorgte Bändchen ist dazu sozusagen das Sahnehäubchen. Zu allem, was man vielleicht über Horst Köhler wissen möchte, erfährt man alles, was man über ihn wissen soll. Natürlich geht es dabei vor allem um Haltungen: Die Globalisierung zum Beispiel hat für ihn mehr Vor- als Nachteile, man muß nur das Richtige aus ihr machen. Vor allem brauchen wir jedoch „ethische Grundsätze, die von allen Menschen auf diesem Planeten akzeptiert werden“. Das sollte doch wohl irgendwie zu schaffen zu sein. Vielleicht mit tatkräftiger Hilfe der Amerikaner? Die USA sind für Horst Köhler nämlich „der Hort der Freiheit“, man sollte dort nur nicht so viele Fehler machen. Zu zahlreichen Themen hat er sich allerdings noch gar keine Meinung gebildet, er will erst einmal über sie nachdenken und mit den Betroffenen reden. Deutlich wird aber schon jetzt, daß der schlechte Ruf, der dem Ex-IWF-Chef vorauseilte, ihm nicht gerecht wird: Der Präsident ist kein Neoliberaler, er hält vielmehr die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft unverändert für überzeugend. Blaß, aber um so ehrlicher sind die vermeintlichen Anekdoten eher privater Natur. Seine Frau neigte oder neigt zur SPD. Mit Gerhard Stoltenberg hat er „bei wenig Whiskey und viel Soda zusammengesessen“. Nicht immer muß sich ein erfolgreiches Leben aufregend lesen. Wichtig ist ihm verständlicherweise, daß er sich eigentlich noch nie so richtig um einen Job gerissen hat, jene, die ihm angetragen wurden, aber stets gut und mit vollem Einsatz gemacht hat. Man darf also darauf vertrauen, daß es in den nächsten fünf Jahren nicht anders sein wird. Ein Multitalent wie er wäre vermutlich sogar als Nachfolger Rudi Völlers eine gute Wahl gewesen. Horst Köhler: „Offen will ich sein – und notfalls unbequem“. Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2004, 221 Seiten, gebunden, 17,90 Euro Foto: Staatsoberhaupt Horst Köhler klärt auf: Nicht immer muß ein erfolgreiches Leben aufregend sein

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