Vor dem Vergessen retten

Sammler sind Menschen wie du und ich. Oder anders gesagt: In jedem von uns steckt ein Sammler. Dafür muß nicht erst die Evolutionsgeschichte bemüht werden, ein Blick auf unsere Umwelt genügt. Denn wer nicht selbst Sammler ist, kennt höchstwahrscheinlich in seinem Kollegen-, Freundes- oder Verwandtenkreis Menschen, die etwas sammeln. Dabei kommt es nicht darauf an, was gesammelt wird. Immer ist es das Bestreben, sich mit Dingen zu umgeben, die einem etwas bedeuten. Häufig ist das Objekt der Sammelleidenschaft einem Zufall geschuldet. So wie bei Hermann und Dorothee, einem Ehepaar aus Kiel. Zur Verlobung 1952 bekam es Goethes Versepos „Hermann und Dorothea“ geschenkt; das Buch bildete den Grundstock ihrer bis heute auf über 850 verschiedene Ausgaben gewachsenen Sammlung der 1797 erstmals veröffentlichten Liebesgeschichte des Dichterfürsten. Zu der Sammlung gehören drei der vier verschiedenen Erstausgaben ebenso wie diverse Schulbuchausgaben, repräsentative Folio-Ausgaben, Übersetzungen in zahlreiche Sprachen, sogar ins Japanische, und fünfzig Bände Sekundärliteratur. Das Kieler Ehepaar gehört zu jenen 20 Sammlern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden, die Hella Kemper und die Fotografin Ute Karen Seggelke für ihr Buch „Sammellust“ besucht haben. Der großformatige, prächtig ausgestattete Bildband enthält Porträts der Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis, die Porzellan und Tischwäsche sammelt, des Schriftstellers Walter Kempowski, der Tagebücher und Fotos auswertet und archiviert (und nebenbei auch Schilder von Bettlern sammelt), sowie von Franz Joseph van der Grinten, der zusammen mit seinem 2002 verstorbenen Bruder Hans eine der größten Kunstsammlungen Europas zusammengetragen hat. Porträtiert werden außerdem Sammler von Blechspielzeug, historischen Kleidern, Taschenuhren, Oldtimern, Glasperlen, Trinkgläsern, Karaffen und Vasen, afrikanischer Kunst, Wein, Parfümflakons, alten Grabkreuzen, Hinterglasmalerei und Buddhas, Fossilien, Puppenhäusern und Puppen. Was alle Sammler miteinander verbindet, ist ihre ungeheure Leidenschaft. „Etwas zu finden, zu ordnen und zu bewahren bedeutet, die Dinge zu würdigen und sie vor dem Vergessen zu retten“, heißt es im Vorwort bei Kemper/Seggelke. Und weiter: „Weil Sammler Auserwähltes speichern und archivieren, ist Sammeln immer auch Gedächtnisarbeit.“ Hella Kemper / Ute Karen Seggelke: Sammellust. Gerstenberg, Hildesheim 2003, geb. zahlr. Abb,. 192 Seiten, 49,90 Euro Titel „Sammellust“

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