Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Seelenqualen

Langspielplatten von The Cure boten schon immer ein gemischtes Vergnügen. Seit das Quintett um Robert Smith vor 20 Jahren aus den Gothic-Kreisen ausbrach und sich seitdem auch gerne in den Hitparaden dieser Welt herumtreibt, fanden sich auf Cure-Alben stets zwei unterschiedliche, scheinbar kaum zueinander passende Stilformen: einerseits melancholische, ungemein romantische, schwerelose und meist von frohgemuten Akustikgitarren geleitete Ohrwürmer, andererseits bedrohlich schleichende, düster-depressive Gitarren- und Schreiorgien. Doch genau diese ungewöhnliche Melange verleiht den Produktionen der britischen Düsterlegende eine Aura der Unverwechselbarkeit. Jener Mischung aus luftigem Wave-Pop und tieftraurigen, beinahe lebensmüde anmutenden Dröhn-Epen bleiben Robert Smith und seine vier Begleiter – von denen nur Bassist Simon Gallup nahezu seit Anbeginn zur Band gehört – auch auf ihrer neuesten CD „The Cure“ treu, die als erstes Studioalbum seit vier Jahren bei Geffen/Universal erschien. Die schaurig-schönen Drei-Minuten-Songs sind diesmal nicht so melodiös geraten wie sonst, die Seelenqualen des Robert Smith allerdings auch nicht mehr ganz so schwerverdaulich, viel eher von unbändiger Aggressivität und Heißblütigkeit durchzogen. Diesmal gingen die schon oft Totgesagten viel frischer und mutiger ans Werk, schienen sich nichts mehr beweisen zu müssen, sprengten das enge Korsett eines Konzeptalbums und spielten unter der Regie von Neorock-Produzent Ross Robinson (Korn, Limp Bizkit, At the Drive-in) ein traditionelles Cure-Album mit allen liebgewonnenen Ecken und Kanten ein, das die brodelnde Intensität der 1989er Platte „Disintegration“ locker erreicht, aber auch die Eingängigkeit etwa von „Kiss me, Kiss me, Kiss me“ (1987) nicht missen läßt. Man spürt beim Hören förmlich die Mühe, die sich Smith und Co. bei Komposition und Umsetzung der zwölf Songs gegeben haben. „I can’t find myself“, jammert Robert Smith in seiner unnachahmlichen Art zu Beginn des Eröffners „Lost“, zunächst nur zu einer im Raum schwebenden E-Gitarre, die alsbald von einem sachten Schlagzeug-Beat immer weiter in Richtung Exzeß getrieben wird. Gitarren und Synthesizer schwellen zu einem bedrohlichen Gewitter an, mit geballter Kraft und doch zum Scheitern verurteilt schreit, brüllt, kreischt Smith gegen die schier unüberwindbar erscheinenden, apokalyptischen Soundwälle an. „I can’t find myself / I got lost in someone else …“ Im nächsten Stück nimmt uns die Band mit in ein „Labyrinth“ der Alpträume und verzerrten Wah-Wah-Gitarren, der Phobien und des exzessiv betriebenen Weltschmerzes. Angsterfüllt wiederholt Smith die Frage „Say, it’s the same you?“ – Bist Du die gleiche wie vor der Verwandlung? – Wer hat sich verändert, Du oder ich …? In musikalischer Hinsicht wiederum ein brutaler Kampf zwischen Stimme und Instrumentierung, den Smith nur verlieren kann; seine Band rockt dazu prägnant, punktgenau, aber alles andere als seelenlos drauflos. So intensiv wie seit langem nicht mehr. Von einem nervösen Rhythmusgewitter ist das Stück „Never“ geprägt, gefolgt von dem an konstruktiver Destruktivität kaum zu überbietenden Urschrei „The Promise“: Der seit 1990 zur Cure-Familie gehörende Gitarrist Perry Barmonte entlockt seinem Instrument die fiesesten Töne, das Schlagzeug peitscht erbarmungslos, Smith schreit gegen die über zehnminütige Klangmauer an, als ginge es um sein Leben … Schnitt. Eine von sanftem Piano und perlenden Akustikgitarren vorangetriebene Ballade, „Going Nowhere“, bildet nach all dem kreativen Chaos den versöhnlichen Ausklang. Ein großer Abschluß eines – über weite Strecken – großen Albums.

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