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Reise in die Vergangenheit

Es hat sich zu einem Prinzip nahezu aller größeren historischen Ausstellungen der heutigen Zeit entwickelt, mit möglichst zahlreichen Objekten aus Museen des Auslandes Internationalität unter Beweis zu stellen. Oft wird jedoch weitgehend vergessen, daß gerade die Vorzeigestücke dieser Gattung häufig nur wenig Bezug zur konkreten Thematik der Präsentation haben; und dies vor allem dann, wenn es um die Geschichte bestimmter Regionen geht. Tatsächlich führt ein Übermaß an solchen Objekten den Betrachter häufig auf Irrwege, da dieser sich einbildet, daß das entsprechende Objekt nicht nur für eine bestimmte Epoche, sondern auch für die entsprechende Region typisch sein muß. Nicht zuletzt entsteht gerade dadurch auch ein gelegentlicher Überdruß an der Präsentation der immergleichen Stücke zu den verschiedensten Themen. Ein gutes Beispiel dafür, daß auch eine größere Präsentation (weitestgehend) auf solcherart Prestigestücke gut verzichten kann, bietet die diesjährige bayerische Landesausstellung. Unter dem Titel „Edel und frei – Franken im Mittelalter“ kann sie bis zum 24. Oktober im oberfränkischen Forchheim besichtigt werden. Neben einigen herausragenden Stücken aus der Staatsbibliothek München hat sie vor allem auf die vorhandenen regionalhistorischen Bestände zurückgegriffen. Konzentration auf lokale Machtzentren Dabei ist die Aufgabe der Ausstellung, dem Besucher ein anschauliches Bild des mittelalterlichen Franken zu vermitteln, keineswegs leicht. Zunächst stellt sich die Frage: Welches Territorium ist überhaupt in die Betrachtungen einzuschließen? Nach der Teilung des alten Frankenreiches Karls des Großen wurde unter Franken das gesamte ostfränkische Reich Ludwigs des Deutschen verstanden. Dieses wurde ein Jahrhundert später wiederum in einen west- und ostfränkischen Teil geteilt. Um 1100 wird die Bezeichnung „Franconia“ für das Gebiet gebräuchlich, für welches der Bischof von Würzburg herzogliche Rechte beansprucht, die er allerdings auf weltlichem Wege nicht durchzusetzen vermag. Wiederum 400 Jahre später wird die Bezeichnung „Franken“ für die Territorien des fränkischen Reichskreises und der „Reichsritterschaft des Landes zu Franken“ verwendet. Da eine gleichwertige Behandlung anhand aller als historisches Franken zu bezeichnenden Territorien daher nahezu unmöglich ist, konzentriert sich die Ausstellung auf die lokalen Machtzentren und ihren Einflußbereich. Seit dem 9. Jahrhundert regierten die Könige und Kaiser in Franken mit Hilfe der Bistümer Würzburg und Eichstätt. Doch schon im 11. Jahrhundert kam es durch zahlreiche Aufstände und Adelsfehden zu einer erheblichen Schwächung der kaiserlichen Macht. Immer stärker kristallisierte sich eine Zersplitterung des Einflußgebiets durch zahlreiche Adelsgeschlechter ab. Um 1200 waren dies neben dem staufischen Herrschergeschlecht die Grafen von Andechs und Herzöge von Meranien, die Grafen von Henneberg, von Rieneck, von Wertheim, von Hohenlohe, die Burggrafen von Nürnberg (Zollern), die Herren von Castell sowie von Pappenheim. Erheblichen Einfluß übte daneben auch der Bischof von Würzburg aus, etwas geringer war der Einfluß der Bischöfe von Bamberg und Eichstätt. Auch der Deutsche Orden als wichtiger Grundherr spielte in Franken machtpolitisch eine wichtige Rolle. Weltliche Zentren bestanden hingegen in den Reichsstädten Nürnberg, Rothenburg, Schweinfurt, Windsheim und Weißenburg. Aus der Tatsache, daß es in Franken keine bestimmte, die Zeit langfristig prägende Persönlichkeit (Kaiser, Landesfürst) gab, sondern eine Reihe lokaler Machthaber, ergibt sich zwangsläufig, daß bei „Edel und frei“ Personengeschichte nur eine weitaus geringere Rolle als in vergleichbaren Präsentationen spielt. Dennoch kommt dieser Aspekt nicht zu kurz: Der Abschnitt „Viele Herren und ein Kreis“ widmet sich den Zusammenschlüssen der fränkischen Ritterschaft in Militär- und Genossenschaftsbünden, die gegen die Herrschaftsbestrebungen von Fürsten und Städten gerichtet waren. So sind in der Ausstellung unter anderem der Einigungsvertrag der fränkischen Ritterschaft vom 17. März 1423 und ein ebensolcher des Markgrafen und späteren Kurfürsten von Brandenburg, Albrecht Achilles, und seiner Söhne mit fränkischen Grafen, Herren und Rittern zu besichtigen. Der größere Teil der Präsentation ist jedoch dem kulturellen, religiösen und regionalen Leben gewidmet. Eine besondere Funktion nahm die Musik ein. Die ersten Gesangslehrer in Franken kamen im 8. Jahrhundert aus Rom. Die Kleriker sollten nicht nur die Musik der kirchlichen Liturgiezeiten beherrschen, sondern auch Mußestunden am Abend zu musikalischen Darbietungen nutzen können. Schon wenige Zeit später wurden in den Gemeinden während der Gottesdienste gesungen. Daraus resultierte wiederum die Entstehung von „Volksliedern“ außerhalb der Kirche, die schnell ihre zunächst rein religiösen Bezüge verloren. Ein Beispiel dafür sind die zahlreichen Trink- und Speiselieder, die im 20. Jahrhundert durch Carl Orffs „Carmina Burana“ eine Renaissance erlebten. Die Entstehungszeit der 254 Gesänge mit teilweise derben Texten wird auf das Jahr 1230 datiert. Nachweislich erfreuten sich diese in Franken großer Beliebtheit. Eine genaue örtliche Zuordnung ist allerdings aufgrund fehlender Quellen nicht möglich. Auch die Liebhaber alten Schriftgutes kommen in „Edel und frei“ auf ihre Kosten. Eines der kulturhistorisch hochinteressanten und einzigartigen Stücke ist das Große Tucherbuch, ein prächtig gestaltetes Geschlechterbuch dieser Familie, des in den Jahren 1590 bis 1608 entstand. Einen unmittelbaren Bezug zum geistlichen Leben in Franken hat die Würzburger Dominikanerbibel von 1246, von der allerdings von ursprünglich vier (Teil-)Büchern heute nur noch zwei existieren. Die anderen Bände wurden am 16. März 1945 bei einem Bombenangriff auf Würzburg vernichtet. Noch älter ist der „Bamberger Psalter“. Diese Handschrift ist eines der herausragenden Beispiele für die künstlerische Vollendung, welche die fränkische Buchmalerei in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts bereits erreichte. Die Ausstellungsstadt Forchheim selbst lag im 9. Jahrhundert in einem Grenzraum mit germanischer und slawischer Besiedelung. So belegen Funde, unter anderem von Schmuckstücken und Waffen, in der näheren Umgebung der Stadt das Nebeneinander verschiedener Kulturen. Die Bedeutung Forchheims in dieser Phase ist auf die Eignung als Handelsknotenpunkt zurückzuführen: So trafen sich an diesem Ort die Wasserstraßen Regnitz-Main mit den Fernstraßen Regensburg-Forchheim-Thüringen und Forchheim-Würzburg. Kaiser Karl der Große erließ daher im Winter 805/806 in einem seiner letzten Kapitularien Anordnungen über den Handel mit Slawen und Awaren, die spezielle Bedeutung für die Forchheimer Region hatten. Das durch die Objekte farbenfroh inszenierte Bild des mittelalterlichen Franken wird durch die Ausstellungsräume in der Forchheimer Kaiserpfalz noch verstärkt. Die Anfänge der vierflügeligen Anlage stammen aus dem 9. Jahrhundert. Seit dem 14. Jahrhundert diente der Gebäudekomplex geistlichen Zwecken. 1906 richtete der Historischen Verein Bamberg hier zum ersten Mal eine Ausstellung des Pfalzmuseums ein. Erst vor wenigen Jahren wurde der Komplex nunmehr umfangreich mit einem Aufwand von etwa 13,5 Millionen Euro saniert. Besonderes Interesse rufen die bei der Sanierung des Objektes freigelegten Wandmalereien aus dem 15. und 16. Jahrhundert hervor, die allen Ausstellungsräumen ein besonderes Antlitz verleihen. Kritikwürdig wie bei vergleichbaren Ausstellungen ist in Forchheim mitunter die Art und Weise der Inszenierungen. Gelegentlich wird dem Betrachter nur unzureichend vor Augen geführt, bei welchen Exponaten es sich um einen Alltags-/Gebrauchsgegenstand und bei welchen es sich um eine Rarität handelt, mit der nach der Entstehungszeit nur wenige Personen überhaupt in Kontakt kamen. Pfalzschloß wird dauerhaft genutzt Bemerkenswert ist neben der zentralen Ausstellung ein umfangreiches Begleitprogramm mit zahlreichen Konzerten, Lesungen und Theateraufführungen. Daneben können die in Forchheim bearbeiteten Komplexe durch den Besuch von zahlreichen zeitlich parallel präsentierten Sonderausstellungen vertieft werden. Besonders zu empfohlen sind die Ausstellungen „Die Pappenheimer. Die Reichserbmarschälle als fränkisches Adelsgeschlecht“ auf der gleichnamigen Burg Pappenheim sowie die vom Haus Fränkischer Geschichte konzipierte „Bereit zu turneie unt zu strit. Von echten Grafen zu unrechten Rittern“ auf Schloß Abenberg. Die Konzeption der Landesausstellung „Edel und frei“ orientiert sich am Prinzip der Nachhaltigkeit. So werden mehrere der zum Zwecke der Präsentation erstmals umfangreich sanierten Räume des Pfalzschlosses anschließend für die archäologische Sammlung zur Verfügung stehen. Auch für die anderen Bereiche ist eine dauerhafte Nutzung geplant. Natürlich vermag eine Ausstellung, die sich einer Zeitspanne von nahezu tausend Jahren widmet, letztlich nur „Fetzen“ – so die Auffassung eines Kurators – bieten. Daß jedoch dieser Nachteil durch die regionale Akzentuierung gut ausgeglichen werden kann, unterstreichen nicht nur die bisherigen Besucherzahlen. Die von den Ausstellungsmachern erhoffte Zahl von 100.000 Besuchern dürfte wohl problemlos erreicht werden. Die Bayerische Landesausstellung Edel und frei – Franken im Mittelalter“ ist bis zum 24. Oktober täglich von 9 bis 17 Uhr im Pfalzmuseum Forchheim, Kapellenstr. 16, zu sehen. Informationen unter Tel. 0821/32 95-123 bzw. im Internet pressestelle@hdbg.bayern.de . Zur Ausstellung erschien neben einem reich bebilderten Katalog der preiswerte wissenschaftliche Begleitband „Franken im Mittelalter“, hrsg. von Johannes Merz und Robert Schuh. Szene aus dem „Burgenbuch“ mit einer vom Schwäbischen Bund niedergebrannten Burg: Das so-genannte Burgenbuch (entstanden nach 1523) dokumentiert die Strafexpedition des Schwäbischen Bundes gegen den fränkischen Ritter Thomas von Absberg. Dabei wurden zahlreiche fränkische Burgen zerstört. Büste des hl. Wunibald (Kloster Heidenheim, Mitte des 14. Jahrhunderts): Wunibald widmete sich im 8. Jahrhundert der Festigung des christlichen Glaubens in Franken

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