Pankraz, R. Dawkins und der Herr mit der roten Krawatte

Kaum ein Biologe wagt noch, über menschliche Rassen zu sprechen. Tut er es doch einmal, versichert er zunächst, daß "Rasse" in bezug auf den Menschen nichts, aber auch gar nichts zu bedeuten habe. Der Begriff ist durch die politische Instrumentalisierung, die er im Dritten Reich, aber auch in Amerika oder Südafrika erfuhr, derart tabuisiert und vermint, daß man sich ihm nur noch im Schutzanzug nähern kann. Bis dato jedenfalls war das so.

Jetzt hat der in Oxford lehrende britische Zoologe Richard Dawkins das Tabu durchbrochen. In seinem Buch "The Ancestor’s Tale", auf deutsch etwa: "Was der Urahn erzählt" (Oxford University Press 2004), erörtert er ganz ungeniert die Rassenfrage und kommt zu interessanten Schlußfolgerungen. Auch spart er nicht mit ironischen Anspielungen und witzigen Anekdoten, um die Tabu-Hüter herauszufordern und ein bißchen zu ärgern.

In Oxford, berichtet er, habe es kürzlich eine exklusive wissenschaftliche Tagung mit nur ein, zwei Dutzend Teilnehmern gegeben, die sich vor Beginn der Sitzungen kurz vorstellten. Unter ihnen sei auch ein kohlrabenschwarzer Herr gewesen, der einzige "Neger" in der Runde. Er trug zum Anzug eine rote Krawatte und sagte nun: "Ich bin leicht zu erkennen, verehrte Kollegen, ich bin der Mann mit der knallroten Krawatte."

Dawkins räumt ein, daß die menschlichen Rassen, was ihre genetische Ausstattung betrifft, faktisch nicht voneinander zu unterscheiden sind. Ist damit aber auch die Unerheblichkeit der Rassenfrage erwiesen, fragt er. Davon könne schwerlich die Rede sein. Schließlich sei auch die genetische Differenz zwischen Menschen und Schimpansen minimal, kartographisch fast vernachlässigbar, ohne daß dadurch die gravierenden biologischen und kulturellen Unterschiede zwischen Menschen und Schimpansen hinfällig würden. "Gen-Kombinationen allein erklären sehr wenig, wie wir fast jeden Tag lernen müssen."

Freilich ist der Begriff der Rasse nach den Konventionen des modernen, quantifizierenden Wissenschaftsbetriebs sehr unscharf. Er manifestiert sich lediglich in, laut Auffassung der Wissenschaft, "sekundären" Merkmalen, also vor allem im sogenannten Phänotyp. Ein Papua aus Neu-Guinea und ein Polynesier aus Samoa haben die gleichen "primären", genetischen Merkmale, aber ihre Phänotypen, also Hautfarbe, Behaarung, Gesichtsschnitt usw. sind außerordentlich verschieden.

Und was vom Phänotyp im engeren Sinne gilt, gilt nicht minder für das soziale Verhalten, für Sex und Heiratsbräuche, für die Götter, die angebetet, für die Dämonen, die gefürchtet werden. Auch sie sind eklatant verschieden, für jeden Beobachter sofort wahrnehmbar, und man kann die Differenz auch nicht einfach geographisch erklären, etwa durch die beträchtliche räumliche Entfernung der einen von der anderen Kultur. Die Polynesier als Inselbewohner des Pazifischen Ozeans leben seit unvordenklichen Zeiten weit voneinander getrennt, aber ihr Phänotyp und ihre Bräuche sind auf allen Inseln die gleichen geblieben, verweisen trotz der riesigen Entfernungen auf dieselbe Rasse.

Es ist offensichtlich nicht in erster Linie räumliche Trennung oder ökologische Spezifizierung, die die menschliche Art in Rassen aufteilte, sondern kulturelle Auswahl, bewußte Entscheidung der "ancestors", der Urahnen, beim Sich-Paaren und Nachkommen-Erzeugen. Der jeweils dominierende Urahn bevorzugte Partnerinnen mit Merkmalen, die ihm ganz persönlich gefielen, entweder weil er sie zufällig selber trug oder weil sie ein ihn faszinierender Gegensatz zum Eigenen waren. Und die Stammesangehörigen folgten ihm in seinem Geschmack, nicht weil die Natur das spontan vorgab, sondern weil Nummer eins ein Vorbild abgab, das zum Wettbewerb und zur Nachahmung reizte.

Rasse" ist also in der Theorie von Dawkins weniger ein Natur- denn ein Kulturbegriff. Jenseits der Menschenwelt kommen zwar auch Rassen, nämlich Unterarten, vor, aber sie sind dort relativ selten, weil durchgehend geographisch-ökologisch bedingt. Man vergleiche etwa die Anzahl der bekannt gewordenen Urpferde- oder Urhunde-Rassen mit der Rassenvielfalt, die später der Mensch nach ihrer Domestizierung aus den Pferden und Hunden herausgezüchtet hat: Es ist ein Verhältnis von eins zu über hundert. Die Rassewerdung ist ganz überwiegend ein von oben herunter, von der Macht aus inszenierter Prozeß, ein Machtspiel der Aristokratie zur Lebenssteigerung und zur Lebens-Differenzierung.

Solcher Deutung entspricht auch die Etymologie des Wortes "Rasse", das in allen großen europäischen Sprachen das gleiche ist und sich von der schnellen Bewegung, vom Rasen, vom englischen Wort für Wettrennen, Wettlauf, herleitet. Bevor das Wort "Rasse" ins Vokabular der Biologen einzog, von denen es als Systembezeichnung für Unterarten verwendet wurde, war es ein Lobwort für besonders gelungene Einzelexemplare einer Gattung. Eine rassige Frau oder ein rassiger Vollblutaraber bezeichneten nicht irgendeine sich biologisch langsam entwickelnde Unterart, sondern einen gattungsmäßigen Knalleffekt, nicht eine sich allmählich anbahnende Transformation der jeweiligen Art, sondern ihre plötzliche Aufgipfelung, ihren absoluten Knüller.

Dawkins deutet es in seinem Buch an: Auch deshalb, weil es aristokratisch und schönheitstrunken ist, hat das Wort "Rasse" heute einen schlechten Ruf, nicht nur wegen seines politischen Mißbrauchs. Es paßt nicht in die große Einebnung und Gleichmacherei der Gegenwart, wo es nicht mehr "Rasse statt Masse" heißt, sondern höchstens noch "Klasse statt Masse" (Renate Künast), allerdings meistens schon ganz unverblümt "Masse statt Rasse bzw. Klasse".

Ob die Rassen darüber aussterben, ist allerdings noch nicht entschieden. Es könnte sein, daß eines Tages sogar die Gene gegen den Wischiwaschi-Phänotyp rebellieren.

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