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Pankraz, der Krötenzug und die ferne Heimat der Tiere

Nun ziehen sie wieder. Die Kröten und andere Lurche nämlich, und Naturschützer ersuchen die Autofahrer dringend, auf gewissen Landstraßen vorsichtig zu manövrieren, um die Krötenzüge so wenig wie möglich zu stören. Denn diese kümmern sich nicht um Verkehrsregeln, zu allerletzt um Vorfahrtsregeln. Vom warmen Frühlingsregen aus der Winterruhe aufgeweckt, eilen sie unbeirrbar ihren angestammten Laich- und Hochzeitsplätzen entgegen, wo sie einst selbst geboren wurden, und von der ihrem Inneren seit Jahrtausenden einverseelten Bahn kann sie keine Gewalt abbringen, kein quietschender Reifen und kein tödlicher Stoßverkehr.

Inzwischen gibt es Warnschilder der Straßenverkehrsordnung (StVO) vor Krötenzügen, Schulklassen untertunneln im Biologieunterricht Landstraßen, die sich mit Krötenzügen kreuzen, oder sie richten am Straßenrand Stoppfallen ein, in die die wandernden Tiere hineinplumpsen, um dann von den Schülern eingesammelt und über die Fahrbahn getragen zu werden. Das tierschützerische Problem, das die Krötenzüge mit sich bringen, scheint halbwegs gelöst.

Für die Forschung aber bleiben viele Fragen. Weshalb lernen die Kröten partout nicht, auch über viele Generationen hinweg nicht, daß der bisherige Weg zum Laichplatz todgefährlich geworden ist und man sich darauf einstellen muß? Viel "dümmere" Tiere, als es Lurche sind, zum Beispiel Ameisen, bewältigen derartige Lektionen doch in Stundenschnelle, der Ameisenzug stellt sich im Nu auf neue Lagen ein und findet die elegantesten Problemlösungen! Nicht so die Kröten.

Und weshalb muß es bei denen auch in sumpfreicher Gegend gerade dieser und kein anderer, viel bequemer zu erreichender Tümpel sein, in dem geboren wird? Weshalb lautet die Parole bei vielen höherentwickelten Tiergeschlechtern, wenn es um Hochzeit und Geburt geht, immer nur "Heimat oder Tod"?

Die Kröten sind mit solchem Rigorismus ja nicht allein. Vögel und Säugetiere, Kraniche, Wale, aber auch Fische und Schmetterlinge suchen fürs Gebären stets verbissen die Heimat, und bei ihnen geht es meistens nicht nur um einige hundert Meter, sondern um Tausende und Abertausende von Kilometern. Ganze riesige Kontinente und Meere werden von ihren Zügen durchquert bzw. überflogen, und in fast allen Fällen garantieren diese Monsterzüge keineswegs die größte Sicherheit fürs Überleben der Art, im Gegenteil, faktisch immer wären rationalere, sicherere, weniger Energie verbrauchende Wege und Örtlichkeiten denkbar.

Eine simple Aalfrau, von der Art, wie sie in Schleswig-Holstein "grün" oder "in Dill" sonntags auf den Mittagstisch zu gelangen pflegt, macht sich, wenn es ans Heiraten und Kinderkriegen geht, ausgerechnet auf eine Riesenreise über Tausende von Seemeilen hinweg. Zielort: Eine ganz bestimmte Seetangstaude in den Tiefen der unendlichen Sargassosee mitten im Atlantischen Ozean. Dort trifft sie ihren Ehegatten, der ebenfalls mühselig angereist ist, und die kleinen "Glasaal"-Kinder, die das Resultat der Begegung sind, schwimmen so bald wie möglich die gleiche Strecke wieder nach Schleswig-Holstein zurück. Das geht seit Ewigkeiten so, und keine Evolution kann oder will offenbar etwas daran ändern.

Der Energieverbrauch bei alledem ist gewaltig, die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Wanderer schier unglaublich. Rauch- und Mehlschwalben erreichen während ihres Zugs Wandergeschwindigkeiten von 145km/h, wandernde Kranichformationen wurden im Himalaja noch in 6.000 Meter Höhe beobachtet. Bläßhühner, als eher gemütliche Bewohner unserer Teiche und Binnenseen bekannt, absolvieren auf ihren Reisen zwischen der Heimat und Afrika Tagesstrecken bis zu 440 Kilometern. Rekordhalter nach dem jetzigen Stand der Forschung ist hier der winzige Steinwälzer (Arenaria interpres) mit sage und schreibe 800 Kilometern, die ohne längeren Aufenthalt Tag für Tag zurückgelegt werden.

Auch die Orientierungsleistung der Wanderer ist phänomenal und gibt der Forschung schwierigste Rätsel auf. Der Pazifische Goldregenpfeifer überquert, in Alaska startend und auf dem Weg nach den südpazifischen Marquesas-Inseln (etwa 13.000 Kilometer), unendliche Ozeanweiten, die nicht die geringsten Landmarken bieten, aus reiner Wasserfläche bestehen. Aber das Vögelchen verfehlt sein Ziel nie.

Noch einmal: Es ist nicht die pure Überlebens-Notwendigkeit, die zu jenen Hyperleistungen an Energieaufwand, Präzision und Geschwindigkeit führt. Die Kröten könnten im Tümpel nebenan und diesseits der Landstraße genausogut und gefahrloser ablaichen. Der Goldregenpfeifer könnte auf Feuerland genausogut brüten wie in den Bergen Alaskas, und hätte dabei weniger Energieverbrauch. Was den Ausschlag gibt, ist die pure Gewohnheit, das zum Instinkt gewordene Weitertragen und Immer-Weitertragen dessen, was am Anfang war und was damals gut war. Das intensive, durchschlagende Ursprungserlebnis, das gerade höherentwickelte Tierarten prägt und anspornt, ist die Geburt, die Daseinsfrühe, die Heimat, in die man immer wieder zurückkehren will.

Im menschlichen Beobachter bewirkt die Betrachtung dieser unerhörten Energie- und Orientierungsleistungen um der Heimat und um der Rückkehr willen ein Gefühl der Erhabenheit, dem Demut und Rührung beigemischt sind. Die stolzen Keilformationen der Kraniche, die scharfen Staffelflüge der Wildgänse auf dem Weg in den rauhen Norden – sie wirken vorab symbolhaltig, die Beschäftigung mit ihnen liefert, über den reinen Forschungsertrag hinaus, mancherlei ästhetische Anregung für Dichtung, Kunst und Philosophie.

Etwas von solch unverhofftem Glanz sollte auch auf die putzigen Erdkröten fallen, die sich dieser Tage lieber von Autos überfahren lassen, als ihren Geburtstümpel eventuell zu verfehlen.

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