Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Nicht immer gleich in Weißglut geraten

Die aktuelle Ausgabe der Dreimonatszeitschrift Kafka, einer Kopfgeburt rot-grüner Kulturpolitik, die im Untertitel „Zeitschrift für Mitteleuropa“ heißt, gehört zu den besseren, weil sie sich endlich einem Thema widmet, das Politik und Öffentlichkeit tatsächlich beschäftigt. Es geht um Vertreibungen. Leider haben die Herausgeber nicht gewagt, im Editorial über die politisch-korrekte Froschperspektive der BRD hinauszugehen. Sie warnen davor, „die Vertreibung von mehr als 14 Millionen Deutschen (…) mit den durch Nazi-Deutschland durchgeführten Vertreibungen gleichzusetzen“. Woher sie die Sachkompetenz für ihr Vergleichsverbot nehmen, wird nicht ersichtlich. Spätestens an dieser Stelle kann man die Lektüre abbrechen und weiterblättern. Vor allem zwei Artikel dürften den deutschen Leser interessieren. Adam Krzeminski berichtet über die polnische Debatte um das in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen, von dem manche in Deutschland glauben, es sei ursächlich für den Klimasturz in den deutsch-polnischen Beziehungen. Auch Krzeminski gehört zu den Gegnern des Zentrums in Berlin, aber er ist nüchtern genug zu sehen, daß die Verschlechterung ganz andere Gründe hat. In Polen hat eine Renationalisierung der öffentlichen Meinung stattgefunden, die „Neokonservativen“ haben die Meinungsführerschaft erlangt. In der Außenpolitik orientieren sie sich an den USA und Großbritannien, innenpolitisch betonen sie katholisch-nationale Werte. Zum Irak-Krieg positionierten Deutschland und Polen sich bekanntlich unterschiedlich. Der Zerfall von Nato und EU in konträre Lager, der zustimmende Brief von acht europäischen Regierungschefs an den US-Präsidenten und die arrogante Zurückweisung durch den französischen Präsidenten Jacques Chirac – die neuen EU-Länder hätten eine gute Gelegenheit verpaßt, ihren Mund zu halten! – haben in Polen große Emotionen geweckt. Die EU-Erweiterung hat in beiden Ländern je eigene Ängste ausgelöst, auch empfand Polen die Prozeduren des Beitritts als demütigend. Seit Mitte der neunziger Jahre gibt es eine intensive Debatte über den Antisemitismus im Vor- und Nachkriegspolen, ausgelöst durch neue historiographische Werke, etwa über den polnischen Pogrom in Jedwabne 1941. Das alles schafft Unsicherheit. Auch der Bau des Holocaust-Denkmals in Berlin wirkt auf die Polen irritierend, weil sie darin eine unzulässige Fokussierung auf eine einzige Opfergruppe sehen. Ein Zentrum gegen Vertreibung, so wird weiter spekuliert, solle das deutsche Geschichtsbild anschließend ausbalancieren, aber Polen komme dann nicht mehr darin vor. Man vermutet einen „historischen Revisionismus“ in Deutschland, eine Verschiebung der Aufmerksamkeit „von den Opfern des deutschen Nationalsozialismus auf die deutschen Opfer des Krieges“. Soweit Krzeminski. Über die Situation in Tschechien berichtet der Psychiater Petr Prihoda von der Prager Karlsuniversität, der von 1990 bis 1992 als Berater des Ministerpräsidenten tätig war. Er skizziert noch einmal die jahrzehntelange Indoktrination der Tschechen mit antideutscher Propaganda, die dazu führte, daß die Abneigung gegen Deutschland zur Klammer wurde, welche die Gesellschaft einte, von den Anhängern des kommunistischen Regimes bis zu den Regimegegnern. Vaclav Havel war eine seltene Ausnahme. Bis heute wird die deutsche Realität nur verzerrt wahrgenommen und von der „Aussiedlung“ der Sudetendeutschen statt von ihrer „Vertreibung“ gesprochen. So erspart die tschechische Gesellschaft es sich, die moralische Dimension des Vorgangs wahrzunehmen. Prihoda sieht keine Möglichkeit mehr, bei seinen Landsleuten, die älter sind als 40 Jahre, noch einen Lernprozeß in Gang zu setzen. Für die Jüngeren hingegen beginne die Vergangenheit erst mit dem Jahr 1989. Die Aufsätze von Krzeminski und Prihoda lassen einige Schlußfolgerungen zu. Erstens: Eine übernationale, europäische Perspektive auf die Vertreibungsverbrechen gibt es längst noch nicht, ihre Verfertigung wird Jahrzehnte dauern. Deshalb ist ein Zentrum gegen Vertreibungen mit „europäischer Ausrichtung“ zur Zeit irreal. Wer es trotzdem fordert, will die Vertreibung der Deutschen verharmlosen. Und zweitens: Die bizarren Auswüchse der Diskussion in den Nachbarländern hängen viel weniger von Deutschland ab, als man hierzulande in holder Selbstüberschätzung glaubt. Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, die vom Bundesaußenminister persönlich als Störfaktor angeprangert wurde, ist bloß der Popanz, um machtpolitische Kämpfe und ideologische Auseinandersetzungen publikumswirksam zu ventilieren. In Deutschland sollte man die Kraft und Souveränität aufbringen, es diesen Nationen, die erst spät ihre Unabhängigkeit wiedererlangt haben, nachzusehen, anstatt über jede beleidigende Äußerung in Weißglut zu geraten. In dieser undurchschaubaren Gemengelage kann Deutschland sowieso nur alles falsch machen. Wenn es, wie 1997 in Prag, eine „Gemeinsame Erklärung“ unterzeichnet, in der die Vertreibung unter den Teppich gekehrt wird, feiern die Nationalisten der anderen Seite das als Sieg. Wird die Vertreibung beim Namen genannt, erweckt das erst recht nationalistische Leidenschaften. Daraus ergibt sich, drittens, daß Deutschland die Diskussionen in Polen und Tschechien zwar genau im Auge behalten muß, seine eigenen geschichtspolitischen Entscheidungen aber nicht von ihnen abhängig machen kann. Das wäre eigentliche eine grenzüberschreitende Diskussion wert, doch Kafka wird sie nicht wagen. Deshalb hat die Zeitschrift auch im vierten Jahr ihres Erscheinens Schwierigkeiten, ihren Zweck zu begründen. Foto: Vertreibung einer sudetendeutschen Familie aus Nordböhmen, November 1945: Vergleichsverbot / Titel „Kafka“ Kafka. Zeitschrift für Mitteleuropa. 13/2004. Albrechtstr. 19, 10117 Berlin. 15 Euro

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