Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Lückenschluß für Literaturwissenschaftler

Der Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn schreibt über die Besetzung Ostpreußens im Frühjahr 1945: Dieser Einschätzung erläge jeder Unbefangene, der den Titel „Schwenkitten“ des großen alten Mannes der russischen Literatur mit seiner ansprechenden Winterlandschaft auf dem Umschlag in die Hand bekäme. Hinter seinen nun auch ins Deutsche übersetzten Erinnerungen verbirgt sich aber keineswegs eine literarische Aufarbeitung der „russischen Sicht“ schrecklicher Szenen inmitten von Kälte, Krieg und Flucht, sondern eigentlich nicht viel mehr als die Skizzen eines Tages und einer Nacht eines militärischen Einheitsführers einer sowjetischen Artillerie im kleinen ostpreußischen Schwenkitten nördlich von Allenstein. Der größte Teil seiner Reflexionen ist aus dem Jahr 1943 und dokumentiert während der Kursker Schlacht den Alltag einer Schallmeßeinheit der Artillerieunterstützung vor Orel. In seiner unnachahmlichen Weise beschreibt Solschenizyn die Unfähigkeit der militärischen Führung, die Leidensfähigkeit der Bevölkerung, den braven Heroismus der einfachen „Muschiks“ in ihrer braungrünen Uniform, die heldenhaft bei der Verteidigung ihrer Heimat die Irrtümer ihrer kritikresistenten Vorgesetzten immer wieder mit hohen Opfern ausbaden müssen. Diesem starren System der Befehlstaktik ausgeliefert, leidet der Offizier Solschenizyn besonders an dessen sowjetischer Pervertierung: den Politsoldaten von GPU oder Smersch und ihrem menschenverachtenden militärischen Unsachverstand. Zwei Jahre später soll dieser Mißstand die sieggewohnte Truppe ausgerechnet im eroberten Ostpreußen teuer zu stehen kommen. Während Offiziere und Kommissare in den aus ihrer Sicht reich ausgestatteten Höfen und Häusern der Deutschen wohlig die Wärme der Daunendecken genießen, die Mannschaften sich dem Eingemachten und zuweilen – nicht selten mit tödlichen Folgen – dem Methylalkohol hingeben, werden immer mehr Grundregeln der militärischen Taktik mißachtet und die ungeschützte Batterie in einem schwachen deutschen Gegenangriff geopfert. Solschenizyn – der nur knapp überlebt – wird die Verantwortung zugesprochen, welche in stalinistischer Konsequenz im langjährigen „Archipel Gulag“ des „Iwan Denissowitsch“ mündet. Alexander Solschenizyn: Schwenkitten ’45. Die biographischen Erzählungen. Aus dem Russischen von Heddy Pross-Weerth und Fedor B. Poljakow. Verlag Langen Müller. München 2004, 205 Seiten, gebunden, 19,90 Euro

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