AfD Alternative für Deutschland Wahlkampagne

 

Komm, Zigány, spiel mir ins Ohr

In der Behörde der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Marieluise Beck (Bündnisgrüne), ist man verstimmt. Alle Welt schreit von Zensur, wo man doch nur seinen Pflichten nachgekommen ist. Ein Onkel, der seinem Neffen eine CD schenken will, glaubt seinen Ohren nicht zu trauen, als er die Vorurteile, die ein gewisser Walter Benjamin am 23. Oktober 1930 in der „Jugendstunde“ des Senders Berlin über „Die Zigeuner“ verbreiten durfte, aus dem Munde des Sprechers Harald Wieser hören muß – unkommentiert und unwidersprochen. Auf die „fahrenden Leute“ würde man in Deutschland am häufigsten in „Ostpreußen“ stoßen, sie wären als „Seiltänzer, Feuerfresser, Bärenführer“ tätig, kinderreich, abergläubisch bis dorthinaus, sehr musikalisch und „überhaupt ein schwermütiges Volk“. Anstatt nun aber die kindergefährdende CD mit dem irreführenden Titel „Aufklärung für Kinder“ im Geschäft gegen eine politisch korrekte umzutauschen, wendet sich der Onkel an die Behörde, und die – Gott sei’s in diesem Fall geklagt – entfaltet Aktivität. Eine Praktikantin der Referentin der Beauftragten verfaßt eine „Expertise“, deren dreiseitige Zusammenfassung die Referentin dem Geschäftsführer des Hamburger Verlages Hoffmann und Campe, Rainer Moritz, mit der „Empfehlung“ zusendet, die CD nicht weiter zu veröffentlichen. Der jedoch macht den unerhörten Vorgang öffentlich, den man in der Behörde noch am Montag für einen nichtöffentlichen ausgeben will. Da hatte der Journalist Henryk M. Broder bereits im Magazin Der Spiegel genüßlich über das „Gutachten“ der „Praktikantin contra Benjamin“ und die Anmaßung der Behörde berichtet sowie die Einrichtung einer „Bundesschrifttumskammer“ angeregt, der künftig Lese- und Hörbücher zur Genehmigung vorzulegen wären. Damit sollte, so meint man, die Posse eigentlich ihr Bewenden haben. Doch es kommt noch dicker. Bereits am Sonntag läßt die Bundesbeauftragte eine Presseerklärung ins Netz stellen, in der die unschönen Begriffe Zensur und Political Correctness selbstverständlich nicht vorkommen. Vielmehr habe der „Arbeitsstab der Beauftragten“ mit seinem Schreiben den Verlag lediglich darauf hinweisen wollen, daß Benjamins Rundfunkvortrag auf einer CD, die sich an Kinder richte, ohne eine Erläuterung des historischen Kontextes „problematisch“ und „geeignet“ sei, „Stereotype und Vorurteile … eher zu betonen als zu hinterfragen“, da man bei Kindern davon ausgehen müsse, „daß sie den historischen Kontext des Beitrages noch nicht ausreichend reflektieren können“. Keineswegs sei es dem Arbeitsstab um eine Kritik am Werk Benjamins gegangen, vielmehr um eine zeitgemäße didaktisch-pädagogische und kindgerechte Einbindung des Beitrages. Im Klartext heißt das nichts anderes, als daß der Text, so wie er ist, keinesfalls in Kinderohren gehört – ein vernichtenderes Urteil über Benjamins Arbeiten für Kinder kann es nicht geben, und ein inkompetenteres auch nicht. Dabei waren doch einst den Achtundsechzigern die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ des 1892 geborenen Philosophen und Schriftstellers wie auf ehernen Tafeln geschrieben erschienen! Dabei kam doch kaum je ein ästhetischer Diskurs der Siebziger ohne „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ aus! Dabei galt doch „Über das proletarische Kindertheater“ als kanonischer Text der Kinderladenbewegung und des „emanzipatorischen“ Kindertheaters der alten Bundesrepublik! Das war gestern. In einem Land, wo es auch schon mal vorkommen kann, daß eine Deutschlehrerin den Namen Theodor Fontane englisch ausspricht, muß man heute dafür dankbar sein, daß Walter Benjamin nicht mit einem Elefanten oder dem Erfinder des Blitzableiters verwechselt wird. Kaum wagt man da noch einzufordern, seine Texte nicht nur aktuell, sondern auch soziologisch, historisch und – naiv zu verstehen. Sie mit Kinderohren zu hören. Benjamin schreibt: „In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ Die „Hinweise“ der Behörde im konkreten Fall zu befolgen, hieße nichts anderes, als die Überlieferung von neuem dem Konformismus auszuliefern, den Text zu vernichten. Benjamin hat nicht über Sinti und Roma gesprochen, sondern über Zigeuner, und er hat nicht über Zigeuner gesprochen, sondern ein Bild von Zigeunern entworfen. Er hat Kinder nicht als Konsumenten, sondern als Partner gesehen. Es gibt wenige so schöne Texte in der deutschen Literatur, die mehr noch als die Zigeuner die Bedürfnisse von Kindern zu verstehen suchen. Das Credo seiner Rundfunkarbeit war, daß der Hörer, also auch der kindliche Hörer, immer recht habe. Hören Kinder nicht sehr genau hin und haben sie keinen Mund, um zu fragen? Der Filmkritiker der Literarischen Welt, Wolf Zucker, der lange Zeit mit Walter Benjamin zusammengearbeitet hat, schrieb 1929 in einem Artikel über Rundfunk für die Jugend, der Autor bzw. Sprecher müsse „gut erzählen können, das heißt bildlich, konkret, spannend. Lehrhafte Schlußfolgerungen möge er lieber den Kindern selbst zu ziehen überlassen. Wer Jugendlichen etwas sagen will, muß selber ein Stück Jugendlichkeit behalten haben; und die äußert sich nicht in jener angeblich kindlichen Sprache, die noch nie ein Kind gesprochen hat, sondern in einer Frische und Lebendigkeit des Aufnehmens, in einer Interessiertheit für alles, was es Seltsames, Spannendes, Nachdenkliches in der Welt gibt.“ Besagter Walter Benjamin hat übrigens am 9. Mai 1931 im Südwestdeutschen Rundfunk behauptet, „daß die Neapolitaner faul sind. Und überhaupt gilt das nur von der körperlichen Arbeit, die machen sie nicht gern. Beim Handeln dagegen, Geschäfte vermitteln, da sind sie ganz in ihrem Element.“ Da muß die Behörde doch von sich aus aktiv werden! Foto: Walter Benjamin (1892-1940): Mit Kinderohren hören

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