Grimms koloniale Märchenstunde

Ungeachtet seiner zahlreichen Novellen, Reden und Essays ist Hans Grimm stets der Autor des „einen Buches“ geblieben: „Volk ohne Raum“. 1926 erschienen, 1.300 Seiten dick, hunderttausendfach verbreitet, ist das Epos über die afrikanischen Lehr- und Wanderjahre des landhungrigen Auswanderers Cornelius Friebort heute nahezu unlesbar. Ungenießbar ist vor allem der ideologische Kern dieses Wälzers: die Predigt von der deutschen „Raumnot“, die nur in Übersee befriedigt werde könne. Nicht zu Unrecht tat bereits der Zeitgenosse Kurt Tucholsky „Grimms Märchen“ als lederne Kolonialpropaganda ab, darauf verweisend, daß in Deutschland beileibe genug Raum für den angeblichen „Menschenüberschuß“ vorhanden sei. Kurz: „Wir brauchen keine Kolonien!“ Angesichts aktueller demographischer Krisenszenarien, die uns auf die Halbierung der deutschen „Wohnbevölkerung“ und leere Rentenkassen im Lauf der nächsten Jahrzehnte einstimmen, ist man versucht zu glauben, schon Tucholskys realistisches Verdikt hätte zu Weimarer Zeiten doch eigentlich jedem literarisch drapierten „Kolonialrevanchismus“ den Garaus machen müssen. Dem war bekanntlich nicht so. Die zweibändige Erstausgabe von „Volk ohne Raum“ fand 1926 stattliche 60.000 Käufer, und für die wohlfeile Volksausgabe von 1931, immerhin noch dreimal so teuer wie Thomas Manns „Buddenbrooks“, gaben, mitten in der Weltwirtschaftskrise, 100.000 Leser happige 8,50 Reichsmark aus. Bis 1963, vier Jahre nach Hans Grimms Tod, kletterte die Verkaufszahl auf 780.000, Mitte der achtziger Jahre war nach Verlagsangaben die Millionengrenze erreicht. Diese Erfolgsgeschichte bildet nur ein Segment in Annette Gümbels Gießener Dissertation über Hans Grimm als Schriftsteller zwischen „nationalkonservativem Denken und völkischer Ideologie“. Ihren weiterreichenden Anspruch, eine „wissenschaftlich-kritische Biographie“ eines wirkungsmächtigen Ideologieproduzenten und vielzitierten „geistigen Wegbereiters“ des Nationalsozialismus vorlegen zu können, löst die Autorin daher nicht nur mit den faktengesättigten rezeptionsgeschichtlichen Partien ihrer umfangreichen Untersuchung ein. Nach vielen germanistischen Aufsätzen, die sich Grimm gerade in den neunziger Jahren widmeten, ist Gümbel tatsächlich die erste umfassende monographische Analyse eines literarisch-publizistischen Schaffens gelungen, das im Kaiserreich einsetzt und während der bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderzeit endet. Dabei kam ihr zustatten, daß sie den riesigen Nachlaß Grimms im Deutschen Literaturarchiv Marbach (dort „den umfangreichsten überhaupt“), insbesondere die Briefwechsel, auswerten durfte. Sich auf diese breite Quellenbasis stützend, ist Gümbel in der Lage, Grimms Standort in der nationalkonservativen Publizistik der zwanziger Jahre, sein von Widerborstigkeit, ja Renitenz gezeichnetes Verhalten im Umfeld des keineswegs „gleichgeschalteten“ Literaturbetriebs nach 1933 und die geradezu anachronistisch wirkende, eher bescheidene Rolle im Kreis der westdeutschen „Rechten“ präzise zu bestimmen. Die „Querverbindungen“ hinein in die Netzwerke der „Konservativen Revolution“, die Gümbel bei ihren „politisch-geistesgeschichtlich“ Erkundungen dabei aufzeigt, ihre zahlreichen Zitate aus Korrespondenzen etwa mit Arthur Moeller van den Bruck, Ernst Niekisch, Wilhelm Stapel, August Winnig oder mit dem stets achtungsvolle Distanz wahrenden Ernst Jünger, regen an, einmal eine Briefedition aus der hier als so äußerst ergiebig präsentierten Quelle in Angriff zu nehmen. Von diesem Nachlaßteil, vornehmlich den brieflichen Reaktionen aus der Leserschaft, profitiert Gümbels Versuch einer Durchleuchtung des mit den politischen Systemen sich wandelnden „Organisations- und Kommnikationsumfeldes“, in dem Grimm agierte. Primär die Veränderung, die das Jahr 1933 für den nicht der NSDAP angehörenden, aber lange vor der Machtergreifung Hitlers für die NS-Bewegung werbenden Schriftsteller brachte, rekonstruiert Gümbel in akribischer Manier aus der Hinterlassenschaft des unermüdlichen Briefschreibers. Anfangs in moderater Form unangepaßt, Ende der dreißiger Jahre von Goebbels aber schon mit „Maßnahmen“ bedroht, wie sie der kurzzeitig im KZ Buchenwald inhaftierte Ernst Wiechert zu spüren bekam, etablierte Grimm zwischen 1934 und 1938 mit seinen „Lippoldsberger Dichtertagen“ ein Stück nationalkonservativer, „nicht-regimekonformer“ Gegenöffentlichkeit. Leider treten die prinzipiellen weltanschaulichen Differenzen, die Grimms Gäste dem Nationalsozialismus gegenüber geltend machten, nicht mit wünschenswerter Klarheit zu Tage, während den Vorbehalten des Hausherrn bis in mitunter querulatorische Winkelzüge hinein vielleicht etwas zu intensiv nachgegangen wird. Ebenso markant wie die Zäsur von 1933, als sich der langjährige Hitler-Propagandist nach und nach zum Hitler – mehr noch zum Partei-Kritiker wandelte, erscheint bei Gümbel der Schnitt von 1945, als Grimm wiederum eine Wende vollzieht und sich profiliert als Apologet des nun zum „nachtwandelnden einsamer Seher“ glorifizierten „Führers und Reichskanzlers“. Damit tritt er in das Milieu der „alten Rechten“ Westdeutschlands ein, in das personelle Geflecht um die bald verbotene „Sozialistische Reichspartei“. Grimm, 1955 seinen 80. Geburtstag feiernd, der sich mit seiner „Klosterhaus-Buchhandlung“, den neu ins Leben gerufenen, von seiner Tochter Holle noch bis 1981 fortgeführten „Lippoldsberger Dichtertagen“ sowie als Beiträger zu Nation&Europa in dieses Spektrum einfügt, verkörpert daher für Gümbel die geistige Kontinuität „antidemokratischen“ Denkens der „kulturellen Rechten“ in Deutschland. Gerade im Kapitel „Wirkung und Rezeption“ nach 1945 liefert sie einen sehr interessanten, in seinen Ausläufern knapp bis zum Mauerfall reichenden Beitrag zur politischen Ideengeschichte der Bonner Republik, wie sie sich vom zuletzt arg marginalisierten „rechten Rand“ her darstellt. Ideologiehistorisch verbleibt die auf Kurt Sontheimer, Jost Hermand und Uwe-Karsten Ketelsen zurückgreifende Verfasserin dabei allerdings in herkömmlichen Bahnen, wie sie von diesen Autoren teilweise schon vor vierzig Jahren geebnet wurden. Gümbels Grimm-Monographie ist insoweit gewiß nicht innovativ zu nennen, löst auch das eingangs abgegebene Versprechen, neue „mentalitätshistorische“ Einblicke zu eröffnen, nicht ein, aber sie vermittelt doch ein plastisches, mitunter widersprüchliches und vielschichtiges Bild von dem, was etwa in Sontheimers politologischer Schematisierung zur Abstraktion des „Antidemokratismus“ zusammenschnurrt. Annette Gümbel: „Volk ohne Raum“. Der Schriftsteller Hans Grimm zwischen nationalkonservativem Denken und völkischer Ideologie, Selbstverlag der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt und der Historischen Kommission für Hessen, Darmstadt und Marburg 2003, 392 Seiten, gebunden, 32 Euro Hans Grimm, Hermann Claudius und Will Vesper beim Lippoldsberger Dichtertag 1949: Wendejahre

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