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Götter, Blut und Erde

Das vom 1998 gegründeten Freundeskreis der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger e.V. alljährlich im oberschwäbischen Kloster Heiligkreuztal unweit von Ernst Jüngers Wohnort Wilflingen veranstaltete Jünger-Symposion ist zu einer festen Institution geworden. Unter Jünger-Lesern, Freunden und Forschern sind die Abschiedsworte „Bis nächstes Jahr“ keine Floskel, sondern eine selbstverständliche Feststellung. Jedes Jahr wird eine Fülle zumeist hochkarätiger Vorträge geboten, die unter ein – weitgefaßtes – Oberthema fallen. In diesem Jahr hieß es „Mythos II“. Die im Titel gegebene Verbindung des Mythos mit einer Ziffer hätte den Brüdern Jünger zu denken gegeben, auch das kam zur Sprache. Mythos ist das, was von Mund zu Mund geht, so Günter Figal, Philosophie-Professor in Freiburg, ist aber nicht nur Erzählung, sondern höhere Wahrheit, besonders für Friedrich Georg Jünger, für den der Mythos erlebte Realität war. Wie Ernst A. Schmidt (Tübingen) am ersten Abend ausführte, war für Friedrich Georg Jünger der Mythos die Abwesenheit des Erzählens zugunsten des Seins, eine Erfahrung des eigenen Lebens. Der Mythos ist, weil es ihn gibt, und ist nicht allein kraft seiner Selbst (weil er als Mythos erzählt wird). Im Sinne des Von-Mund-zu-Mund-Gehenden ist auch dieses Symposion, vor allem die Gespräche, eine Form des Mythos gewesen. Dem Mythos ist Friedrich Georg Jünger näher gewesen als sein Bruder. Er hat zahlreiche Bücher zu dem Thema verfaßt, darunter „Griechische Mythen“ (1947). Trotzdem galten ihm nur drei der neun Vorträge. Daß Sven Olaf Berggötz, wissenschaftlicher Referent der Herbert-Quandt-Stiftung in Bad Homburg, der sich 2001 als Editor der „Politischen Publizistik“ Ernst Jüngers einen Ruf als exzellenter Kenner der Materie erworben hat, Jüngers Sicht der politischen Rolle des Intellektuellen unter dem Mythos subsumiert, ist provokant. Ebenso provokant war sein Bekenntnis, Jüngers Bewertung des – eben nicht rassisch verstandenen – „Blutes“ für irrational und für nicht nachvollziehbar zu halten. Für Jünger war das Blut das physische Adäquat zur Seele, und diese Auffassung trennte ihn nicht von seinen Zeitgenossen in Deutschland (etwa vom Thomas Mann der „Betrachtungen eines Unpolitischen“) und Europa, ganz im Gegenteil: dieses Empfinden des Blutes als einer geistigen und Erfahrungsverbundenheit einte ihn mit europäischen Denkern ersten Ranges. Aber ohne Provokationen wäre eine distanzlose Beweihräucherung das Ergebnis solcher Veranstaltungen. Und die ist ganz gewiß den Brüdern Jünger nicht angemessen: zeichnete sie doch die heitere Distanz, auch zum Eigenen, aus. Günter Figal sprach zu „Zahlen und Götter“, Pastor i.R. Helmut Falkenstörfer (Schorndorf) referierte über „Zeit und Nicht-Zeit“ – mit der Frage nach dem Begriff der Wirklichkeit bei Jünger hätte der Vortrag eine überraschende Wende nehmen können. Überzeugend zeigte Andreas Geyer (München) auf, wie das Fremde in Abgrenzung zum Vertrauten sich leitmotivisch durch Friedrich Georg Jüngers Werk zieht; den „Formen mythischen Erzählens“ widmete sich Luca Crescenzi (Pisa), und die Thomas-Mann-Herausgeberin Elisabeth Galvan (Neapel) stellte Friedrich Georg Jüngers „Griechische Mythen“ dem gleichnamigen Buch von Marie Luise von Kaschnitz zur Seite und arbeitete Differenzen und Parallelen heraus. Eine Ausstellung zeigte private Jünger-Fotos von Wilfent Dalicho, dabei auch das berühmte melancholisch-saturnische letzte gemeinsame Foto der beiden Brüder. Die beiden Höhepunkte des Symposions seien zum Schluß hervorgehoben. Wolfram Dufner, ehemaliger deutsche Botschafter in Singapur, Malaysia und der Schweiz, las aus seinem Buch „Tage mit Ernst Jünger“ (JF 4/04) und bereicherte seine kurzweilige Lesung mit Anekdoten und Dias. Wissenschaftlich die meisten Denkanstöße und Anregungen bot der das Symposion beschließende Vortrag des Moskauer Philosophen Alexander Michajlovskij zu Ernst Jüngers Geschichtsphilosophie. Michajlovskij stellte Ernst Jünger als den Künder eines „Neuen Humanismus“ vor, wobei Jünger die Wurzel dieses Humanismus nicht im Humanen sieht, sondern im Humus, also der Erde. Die Frage nach der An- oder Abwesenheit des Menschen in diesem „Humanismus“ ist vertrackt; gleichwohl ist der Mensch als beerdigendes („Humare: Humanitas“, schreibt Jünger in „Die Schere“) und dadurch kulturstiftendes Wesen zunächst präsent. Ob aber die metahistorische Wendung Jüngers zu diesem Optimismus sich auf eine Fortdauer des Menschengeschlechts bezieht? Einem Hinweis nachzugehen dürfte besonders lohnend werden: Michajlovskij zeigte starke Parallelen zu dem russischen Philosophen Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949) auf, der – wie die Brüder Jünger – in Herbert Steiners elitärer Zeitschrift Corona publizierte: In seinen Schriften hat Iwanow, teils bis in die Formulierung hinein, die Jüngersche Geschichtsphilosophie vorgezeichnet. Diese bislang gänzlich unbeachtete Verbindung wird in der Forschung sicher noch eine Rolle spielen. Das nächste Symposion wird zum Thema „Autorschaft“ stattfinden. Vorfreude darauf war bei allen Teilnehmern zu verspüren. Tobias Wimbauer , 27, ist Herausgeber der Reihe „Das Luminar. Schriften zu Ernst und Friedrich Georg Jünger“ in der Edition Antaios.

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