Globalisierung, Kulturmarkt und Steuerkreuzfahrt

Seit einigen Monaten besteht ein neuer Verlag für Wirtschaftsliteratur: Murmann. Neu ist zunächst einmal das Firmenschild. Die Hamburger Unternehmerfamilie Klaus Murmann hat den Münchner Gerling Akademie Verlag übernommen, auf dessen Programmbestand aufgebaut wird. Um die Murmann-Bücher besser an den Leser zu bringen, wurde eine Partnerschaft mit dem Frankfurter Campus Verlag geschlossen. Von der Vertriebsgemeinschaft mit einem renommierten Sachbuchverlag erhofft sich der junge Verlag eine wohlwollende Aufnahme im altehrwürdigen Buchhandel. Eine so gute wie notwendige Überlegung – hat sich der Murmann Verlag doch das forsche und ehrgeizige Ziel gesetzt, „die immer größer werdende Lücke zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zu schließen“. Die Idee leuchtet ein. „Während die Wirtschaft unter dem Druck der Globalisierung mit dem Ruf lebt, Profit vor Lebensqualität zu stellen, fehlt der Gesellschaft der ökonomische Scharfsinn“, diagnostiziert Verlagsgeschäftsführer Sven Murmann. Seine Lösung: „Wir wenden uns deshalb an beide Seiten, an die Wirtschaft und die Gesellschaft, mit handfester Praxislektüre und neuen Konzeptionen.“ Mit zunächst elf und im nächsten Jahr 25 bis dreißig Neuerscheinungen will der Verlag seine Doppelmission angehen. Flaggschiff des Startangebots ist zweifellos die deutsche Ausgabe des Buches „Money for Nothing“ des britischen Erfolgsautors Roger Bootle. Das 2003 im Original erschienene Werk steht zwar zeitlich und teilweise auch thematisch unter dem Eindruck der damals horrenden Verluste auf den internationalen Aktienmärkten, behandelt aber das Problem der Spekulationsblasen und Konjunkturdepressionen auf allgemeiner Basis. Die (Un)Kultur des „leichten Geldes“ durch Spekulationsgewinne erlebte Anfang dieses Jahrtausends eine Blütezeit, wenn auch die Blütenträume mindestens ebenso häufig platzen. Bootle rollt beide Phänomene auf. Der deutsche Titel „Hoffnung auf Wohlstand – Chancen und Risiken der Weltwirtschaft“ bezeichnet den behandelten Stoff trotz allgemeiner Formulierung wesentlich präziser. Besonders der zweite und dritte Teil des Buches „Die Quellen des realen Reichtums“ und „Die Wirtschaft der Zukunft“ bieten eine Fülle informativen und lehrreichen Materials. Trotz des Faktenreichtums und der teilweise komplizierten Materie bleibt das Buch stets gut lesbar. Sein Erfolg im anglo-amerikanischen Raum basiert sicher nicht zuletzt auf diesem stilistischen Geschick des Autors, dem die deutsche Übersetzung zum Glück gerecht wird. Die hohe internationale Anerkennung schlägt sich auch in der Tatsache nieder, daß Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, der deutschen Ausgabe ein Vorwort schrieb. Allen, die das reale und illusionäre weltwirtschaftliche Geschehen genauer verstehen und seine künftigen Entwicklungspotentiale besser abschätzen wollen, ist dieses Buches sehr zu empfehlen. Eine zweite Neuerscheinung aus dem jungen Angebot des Murmann Verlags widmet sich einem nur scheinbar total unökonomischen Problem, dem Zusammenwirken und Abgrenzen unterschiedlicher Weltkulturen. Der Amerikaner Tyler Cowen hat vor zwei Jahren eine Abhandlung mit dem Titel „Creative Destruction – How Globalization Is Changing The World’s Cultures“ veröffentlicht. Auch hier leistet die deutsche Version eine Präzisierung: „Weltmarkt der Kulturen – Gewinn und Verlust durch Globalisierung“. Genau davon handelt das Buch des Wirtschaftsprofessors, der an der George Manson Universität in Fairfax, Virginia, lehrt und dort das James M. Buchanan Center für Politische Ökonomie leitet, beides Horte der Verteidigung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Die Vielfältigkeit der Darstellung verdeutlicht am kürzesten das Verzeichnis der Buchkapitel: „Interkultureller Handel“, „Globale Weiterentwicklung der Kulturen: Die Rollen von Wohlstand und Technologie“, „Ethos und die Tragödie des Kulturverlusts“, „Warum Hollywood die Welt regiert und ob wir darin ein Problem sehen sollen“, „‚Dumbing down‘ und der kleinste gemeinsame Nenner“, „Wie wichtig ist die Nationalkultur?“ Man muß dem Autor nicht in allen Argumenten folgen, aber lesenswert ist das flüssig und unterhaltsam geschriebene Buch allemal. Nicht zuletzt verdeutlicht es auf eindrucksvolle Weise Ökonomen die Möglichkeit, ihre Erkenntnisse auf kulturelle Aspekte anzuwenden, und Kulturbeflissenen den ökonomischen Gesichtspunkt ihres Betrachtungsobjektes. Zwei Volltreffern des Murmann Verlags sei eine Fehlzündung entgegengestellt. Das Buch „Und wer zahlt?“ des Fachanwalts für deutsches Steuerrecht Justus Fischer-Zernin verspricht in seinem Untertitel „Eine Kreuzfahrt durch unser Steuersystem und die aktuelle Reformdebatte“. Das Versprechen wird eingehalten. In tuckernder Gangart dümpelt das Buch von Steuerart zu Steuerart, stets beschwichtigend, das Schiff ist unsinkbar und die Bordunterhaltung gesichert. Der Inhalt überbietet nur selten die launige Beschreibung der Ausfüllzeilen von Steuerformularen und was dabei aus der Sicht des Steuerberaters zu beachten ist. Nur selten wird es kritisch, wie etwa bei der Gewerbesteuer, und meistens heißt die Devise: So schlimm ist es doch gar nicht, und außerdem wird sich sowieso nichts ändern. Einzig das ausführliche Zitat eines Märchens von Astrid Lindgren, das die Kinderbuchautorin verfaßte, nachdem schwedische Staat 104 Prozent ihres Einkommens als Steuer einforderte, bewirkte eine Wachphase im allgemeinen Dämmerzustand des Kreuzfahrtlesers. Aber das mag jeder für sich empfinden. Zumal dies dem Gesamteindruck des Angebots an Neuerscheinungen des Murmann Verlags keinen Schaden zufügt. Wer viel wagt, kann und darf auch einmal danebenliegen. Wichtig ist das Wagnis, und erfreulich sind die gelungenen Unternehmungen. Roger Bootle: Hoffnung auf Wohlstand. 504 Seiten, gebunden, 38 Euro; Tyler Cohen: Weltmarkt der Kulturen. 224 Seiten, gebunden, 25 Euro; Justus Fischer-Zernin: Und wer zahlt? 312 Seiten, gebunden, 24 Euro alle Bücher beim Murmann Verlag, Hamburg 2004.

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