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Für jede Pille gibt es eine Krankheit

Voltaire meinte, die Kunst der Ärzte liege darin, den Patienten so lange zu amüsieren, bis die Natur ihn heilt. Heute wird die Erkenntnis des französischen Philosophen ins Gegenteil verkehrt: Die moderne Medizin redet dem Menschen ein, die Natur schlage ihn mit immer neuen Krankheiten, die nur von Ärzten mit Arzneien geheilt werden könnten. Dies zumindest behauptet ein Buch des Spiegel-Redakteurs Jörg Blech mit dem vorwurfsvollen Titel: „Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden“. Der Autor bleibt die Beweisführung nicht schuldig. Was in einer grundsätzlichen Kritik des deutschen Gesundheitswesens in der JF (19/97) bereits vor Jahren als Verdacht angedeutet wurde, findet durch den Rechercheur Blech heute eine überzeugende Bestätigung: Immer mehr Krankheiten werden erfunden, den Patienten eingeredet, um die Kapitalinteressen der Krankheits-Industrie zu befriedigen. Dazu münzen Firmen, Pharma-Verbände und PR-Agenturen normale Prozesse des Daseins um in medizinische Probleme, sie „medikalisieren“ – wie das selbst die Fachpresse inzwischen nennt – das Leben. Wie weit dieser Prozeß schon fortgeschritten ist und wie gravierend er sich auswirkt auf unsere Gesellschaft, die Gesundheitskosten und auf jeden Einzelnen von uns – darüber wurde bisher kaum geredet, bestenfalls hinter verschlossenen Türen in den Etagen der Marketing-Abteilungen großer Arzneimittel-Hersteller. Die Krankheitserfinder wurden aus zwei Gründen übersehen. Einerseits werden Arzneikonzerne und Ärzte nicht müde zu behaupten, es seien ja die Menschen selbst, die zu ihnen kämen und nach Therapie verlangten. Dieses Argument entlarvt das Buch als billige Ausrede. Fraglos ist den Menschen das Streben nach Gesundheit angeboren. Die Krankheitserfinder nähren dieses Verlangen und nutzen es für ihre Zwecke gezielt aus. Zum anderen operieren die sie im Verborgenen und haben sich aus diesem Grund bisher einer umfassenden Beschreibung entziehen können. Der erste, der auf die Idee kam, war der französische Arzt Daniel Knock. Als er Anfang 1900 seinen Dienst in dem Bergdorf Saint Maurice begann, war er schnell besorgt: Die Bewohner waren kerngesund und sein Vorgänger, der alte Landarzt Parpaleid, verarmt. Knock war nicht gewillt, sich damit abzufinden. Listig schmeichelt er dem Dorflehrer und animiert ihn, Vorträge über die angeblichen Gefahren von Kleinstlebewesen und die „unheimliche Ausbreitung von Krankheiten“ zu halten, die sich seit einigen Jahren in der einstmals so gesunden Region verbreiten. Das Wartezimmer füllt sich. In den Sprechstunden diagnostiziert der neue Arzt sonderliche Symptome und bleut den unbedarften Dörflern ein, daß sie einer ständigen Betreuung bedürfen. Bald weiß Knock, daß er nicht am Bettelstab sterben wird. Auch der neue Apotheker wird wohlhabend, und selbst der Gastwirt, bei dem die „Patienten“ ihre Krankheiten besprechen, profitiert davon zufrieden. Die Geschichte, die in dem Dreiakter des Erfolgsschriftstellers Jules Romains ihren Niederschlag fand, erlebt heute ihre Fortsetzung in ungeahnten Dimensionen. Die Firmen Jenapharm und Dr. Kade/Besins in Berlin versuchen gegenwärtig, eine Krankheit bekannt zu machen, die angeblich Millionen von Männern im besten Alter heimsucht: das „Aging Male Syndrome“ – die Menopause des Mannes. Die Unternehmen engagierten Meinungsforscher, PR-Berater, Werbeagenturen und Medizinprofessoren, um die Wechseljahre des Mannes publik zu machen. Auf Pressekonferenzen wurde „der schleichende Verlust“ der männlichen Hormonproduktion beklagt. Anlaß für die Kampagne sind zwei Hormonpräparate, die im April 2003 auf den deutschen Markt gekommen sind. In den USA wurde die Wachmacher-Pille Provigil für die seltene Krankheit Narkolepsie zugelassen, die mit plötzlichen Schlafanfällen verbunden ist. Um den Kreis der Konsumenten zu vergrößern, versucht der Hersteller Cephalon passende Krankheitsbilder aufzutun. Die Firma hat eine Studie gesponsert, derzufolge die Schlaftöter-Tablette unruhigen Kindern hilft. Überdies erforscht das Unternehmen das Befinden von Schichtarbeitern – und will prompt eine neue Krankheit entdeckt haben: die Nachtschicht-Schlafstörung. Das „Sisi-Syndrom“ tauchte 1998 erstmals auf: in einer einseitigen Anzeige des Weltkonzerns Smith Kline Beecham. Die betroffenen Patienten sind der Pharma-Firma zufolge depressiv und mit Psychopharmaka zu behandeln. Allerdings würden sie ihre krankhafte Niedergeschlagenheit überspielen, indem sie sich als besonders aktiv und lebensbejahend gäben. Das Syndrom wurde nach der Kaiserin Elisabeth („Sisi“) benannt, da sie den Patienten-Typus wie ein Urbild verkörpert. Seither hat das Schlagwort die Medien erobert und wird von einigen Psychiatern propagiert: In Deutschland seien drei Millionen Menschen am Sisi-Syndrom erkrankt. Mediziner des Uniklinikums Münster entlarvten das Volksleiden im Mai 2003 als Erfindung der Industrie. Ihre Auswertung der Fachliteratur hat offenbart: Das Krankheitsbild kann wissenschaftlich nicht begründet werden. Die Medienpräsenz des Sisi-Syndroms – darunter ein lanciertes Sachbuch zum Thema – gehe vielmehr auf die Firma Wedopress zurück, eine PR-Firma in Oberursel, die von dem Krankheitserfinder dazu beauftragt war. Jeder fünfte Familienvater, sonst immer zuverlässig und geduldig mit den Kindern, erkrankte am soeben entdeckten „Käfig-Tiger-Syndrom“, beteuern der Münsteraner Professor für Allgemeinmedizin Klaus Wahle und die PR-Firma Medical Consulting Group. Aufgrund bislang unerkannter, spezifischer Verstimmungen könnten die Väter „sich nicht mehr gut entscheiden, hadern ununterbrochen mit allem und jeden. Wie ein eingesperrter Tiger im Käfig.“ In solchen Fällen könnten Psychopharmaka „für einen wieder ausgeglichenen Haushalt der Botenstoffe“ im väterlichen Gehirn sorgen. Unsere Rentner auf Mallorca sind reif für den Insel-Doktor: Trotz – oder vielleicht gerade wegen – schönster äußerlicher Umstände macht ihnen die „Paradies-Depression“ zu schaffen. Dieses Leiden will der Psychotherapeut Eckhard Neumann, der im sonnigen Spanien praktiziert, beobachtet haben. Ähnlich bedrohlich erscheint die „Leisure Sickness“, die pathologische Unfähigkeit zum Müßiggang. Ad Vingerhoerts von der Universität im niederländischen Tilburg meint, drei Prozent der Bevölkerung würden durch Freizeit krank. Die Symptome reichen von Müdigkeit über Kopf- und Gliederschmerzen bis zu Erbrechen und Depressionen. Ferienorte sind zu meiden, weil die Seuche dort besonders heftig grassiert. Wer sich von Sonne und Freizeit nicht unterkriegen läßt, der fällt ebenfalls in die Zuständigkeit der Heilkunde. Putzmuntere Menschen nämlich haben die „generalisierte Heiterkeitsstörung“. Dieses in dem Fachblatt Forum der Psychoanalyse beschriebene Fröhlichkeits-Syndrom äußert sich in Symptomen wie Sorglosigkeit und Realitätsverlust. Und auch wer sich der Medizin verweigert, ist womöglich ein Fall für sie: Zwei bis vier Prozent der Bundesbürger, so die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde, leiden unter einer krankhaften Furcht vorm Doktor, der „Blut- und Arztphobie“. Vielleicht zu Recht, wenn man der Recherche des studierten Biologen und langjährigen Medizinredakteurs Blech folgt, der Dutzende Arzneimittel- und Krankheitserfindungen detailliert belegt hat. „Ein neuer Teufelspakt hat sich gebildet. Eine Allianz aus Ärzten, Pharmakonzernen und Patienten nährt die Utopie vom makellosen Menschen“ (Blech). Gesunden Menschen schlucken massenweise Lebensgenußmedikamente, um besser als gut zu sein. Die Zahl entsprechender Arzneimittel hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Mittel zur Verbesserung des Hirnstoffwechsels (Nootropika), Psychopharmaka, Hormone, Vitamin-A-Präparate oder etwa das Bakteriengift Botulinumtoxin sollen das Wohlbefinden gesundheitswütiger Konsumenten perfektionieren. Die Gesundheit wird zu einem Zustand gemacht, den keiner mehr erreichen kann, für den der deutsche Arbeitnehmer aber mittlerweile durchschnittlich mehr als sieben Prozent des Gehalts an die Krankenkassen abgeben muß. Die Ausweitung der Diagnosen in den Industriestaaten hat ein groteskes Ausmaß angenommen. Etwa 30.000 verschiedene Seuchen und Syndrome, Störungen und Krankheiten wollen Ärzte beim Menschen ausgemacht haben. Für jede Krankheit gibt es eine Pille – und immer häufiger für jede neue Pille auch eine Krankheit. Während die ausufernden Kosten das Gesundheitssystem überfordern, laufen die Geschäfte der Pharma-Industrie glänzend. Im Krisenjahr 2002 wuchsen die Gewinne der zehn größten Pharma-Firmen um ansehnliche 13 Prozent. Mit dem spannend geschriebenen Buch hat Jörg Blech einen Finger auf eine Wunde gelegt, die nicht von Ärzten und Arzneimittelherstellern geheilt werden kann. Heilung kann von einer verantwortungsbewußten Politik kommen, für die „Volksgesundheit“ kein Fremdwort ist. Jörg Blech: Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, geb., 256 Seiten, 17,90 Euro Foto: „Der eingebildete Kranke“, Theaterstück von Moliere, hier mit Volker Lechtenbrink: „Arztphobie“

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