Marshall-Plan für Afrika

Klaus Töpfer, der in Nairobi (Kenia) die Umweltbehörde der Uno leitet, hat soeben wieder darauf hingewiesen, daß es in Afrika bereits mehrere Millionen Umweltflüchtlinge gibt – Menschen, die vor allem auf der Suche nach der nächsten Wasserquelle sind. Wassermangel wird hauptsächlich vom Treibhauseffekt bewirkt, den nicht die Afrikaner, sondern im wesentlichen die Industriestaaten verursachen. Ein Mensch in Afrika verbrennt etwa ein Zwanzigstel dessen an Kohle, Gas, Öl oder Benzin, womit ein Mitteleuropäer die Luft verpestet. In allen afrikanischen Staaten zusammen gibt es weniger Pkw als allein im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Deshalb sagt Klaus Töpfer als der in der Uno ranghöchste deutsche Politiker: „Wir machen uns einer ökologischen Aggression schuldig. Die Umweltflüchtlinge werden uns eines Tages überrennen, wenn wir nicht rasch handeln.“ Die zunehmenden Umweltschäden führen zur Verelendung ganzer Regionen und Staaten. Der renommierte Klimaforscher Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Meteorologie erklärt: „Der Klimawandel wird riesige Völkerwanderungen auslösen.“ Vorboten der neuen Fluchtbewegungen erleben in diesem Sommer hauptsächlich die Mittelmeer-Anrainerstaaten Italien und Spanien. Allein in den letzten Julitagen haben über 1.000 afrikanische Flüchtlinge versucht, nach einer abenteuerlichen Flucht in Schlauchbooten in Süditalien wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Wie aber geht Europa mit diesen Flüchtlingen und Asylsuchenden um? Wenn künftig irgendein Frachter Schiffbrüchigen in einem Schlauchboot im Mittelmeer begegnet, dann sollte der Kapitän wegschauen und möglichst rasch die Weite des Meeres suchen. Daß er dabei weltweit gültiges Recht der christlichen Seefahrt verletzt und sich unterlassener Hilfeleistung schuldig macht, bereitet ihm wahrscheinlich weniger Ärger als das, was kürzlich der Kapitän der Cap Anamur in Italien erleben mußte. Er und zwei Mitarbeiter der deutschen Hilfsorganisation waren fünf Tage inhaftiert, weil sie Menschen in lebensgefährlicher Lage geholfen haben. Europas Innenminister sind sich darüber einig, daß im Mittelmeer jährlich Hunderte, wenn nicht Tausende auf der Flucht von Afrika nach Europa ertrinken. Italien hat die 37 Cap-Anamur-Flüchtlinge wieder abgeschoben, und Otto Schily machte den Vorschlag, afrikanische Probleme in Afrika zu lösen. Europa dürfe den schwarzen Kontinent nicht alleinlassen. Klimawandel und Wasserknappheit werden riesige Völkerwanderungen auslösen. Daran sind nicht die Afrikaner schuld. In
allen afrikanischen Staaten zusammen gibt es weniger Pkws als in Nordrhein-Westfalen. Das klingt gut, ist aber nichts anderes als eine Verschleierung des eigenen Nichtstuns. Die Regierungen Kohl und Schröder haben seit Jahrzehnten angekündigt, die deutsche Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts zu erhöhen – doch das Gegenteil ist geschehen. Wir geben heute etwa ein Drittel dessen, was einst versprochen war, nämlich 0,28 Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Bürgerkriege und korrupte Regierungen in Afrika verschärfen noch zusätzlich das Elend von Millionen der Ärmsten. In diesen Wochen wird Afrika außerdem noch von der schlimmsten Heuschreckenplage seit 15 Jahren heimgesucht. Das bedeutet Ernteverluste in Milliardenhöhe. Bundespräsident Horst Köhler hat in seiner Antrittsrede gesagt, Afrika sei der Lackmustest der europäischen Humanität. Tatsache ist, daß in Afrika jährlich Millionen Menschen verdursten und verhungern, während wir uns über Dosenpfand, Zahnersatz und vielleicht zehn Prozent weniger Rente aufregen. Es kann dem reichen Europa aber langfristig nicht gutgehen, wenn sich die Zustände im armen Afrika immer weiter verschlechtern. Vor 25 Jahren hatte Cap Anamur über 10.000 Boat People im südchinesischen Meer gerettet. Unsere „Report“-Zuschauer hatten damals über zwanzig Millionen Mark gespendet, damit das Schiff den Schiffbrüchigen helfen konnte. Alle Geretteten wurden in Deutschland aufgenommen. Von dieser praktizierten Solidarität ist heute nur noch wenig zu spüren. Die Weltgemeinschaft hatte sich vor vier Jahren das „Mil-lenniumsziel“ gesetzt, bis 2015 die Zahl der Hungernden und Verhungernden zu halbieren. Doch schon heute ist klar: In Afrika, dem Kontinent vor unserer europäischen Haustür, wird dieses Ziel dramatisch verfehlt. Dort gibt es immer mehr Elend – auch durch unser Versagen. Hunger ist das größte Umweltgift. Täglich verhungern 26.000 Menschen in den Ländern der Dritten Welt. Indien und China mit ihren zur Zeit hohen wirtschaftlichen Wachstumszahlen können das Millenniumsziel vielleicht erreichen. Doch in Afrika nehmen der Hunger und das Verhungern von Jahr zu Jahr zu. Der Kontinent vor unserer Haustür wird immer ärmer – hauptsächlich südlich der Sahara. Die vier reichsten US-Bürger haben heute mehr Geld als die eine Milliarde der Ärmsten. Das ist keine gute Voraussetzung für Sicherheit und Frieden. Allein das US-Militär gibt zur Zeit in 32 Stunden mehr Geld aus, als den Vereinten Nationen in einem ganzen Jahr für ihre Friedensmissionen zur Verfügung steht. Die Überwindung des afrikanischen Elends ist politisch nicht wirklich gewollt. Doch auch hier wird gelten, daß wir nur ernten können, was wir säen. Hilfe für Afrika ist nicht nur eine Frage christlicher Nächsten- und Fernstenliebe, sondern auch der politischen Klugheit. Wer den Terror effektiv bekämpfen will, muß lernen: Brot und Bildung statt Bomben! Wassernotstand, Kindersterblichkeit, Aids, fehlende Bildung und Energiemangel trotz reichlicher Sonne sind die Hauptprobleme des afrikanischen Kontinents. Eine soeben publizierte UN-Studie ergab, daß 42 Prozent aller Afrikaner südlich der Sahara Wasser aus verschmutzten Quellen trinken müssen. Dort aber leben Würmer und andere Erreger, die bei Millionen Menschen zu Fieber und Erbrechen und häufig zum Tod führen. Alle acht Sekunden stirbt ein Kind wegen verseuchten Wassers, berechnete die UN-Studie weiter. Auch dieses Elend verursacht die aktuellen Fluchtwellen. Das Flüchtlingsdrama an den europäischen Außengrenzen gehört endlich in die Mitte der Politik. Die wochenlange Irrfahrt der 37 schwarzen Schiffbrüchigen auf der Cap Anamur hat deutlich die Defizite einer europäischen Flüchtlingspolitik aufgezeigt. Die gängige Abschiebung des Problems an die Randländer Europas wie Italien oder Spanien, wo die meisten Afrika-Flüchtlinge landen, oder Polen und Ungarn, wo die meisten Osteuropa-Flüchtlinge ankommen, ist keine Lösung. Erst wenn die nationalen Regierungen sich auf faire Übernahmeregeln einigen, wird wenigstens eine Teillösung gefunden sein. Die Lösung heißt: eine gerechtere Welt, damit die Ursachen für Flucht und Schiffbruch entfallen. Deutsche Spender – die Cap Anamur wird von 160.000 Deutschen finanziell unterstützt – geben Geld für ein Rettungsschiff, aber die italienische Regierung droht jetzt, das Schiff zu verschrotten. Es besteht ja auch die große Gefahr, daß die Retter weiterhin tun, was die Spender ihnen auftragen; nämlich Menschen in Not zu retten. Soll künftig die Devise heißen: Ertrinken lassen statt helfen? So wie die USA nach 1945 erfolgreich einen Marshall-Plan zum Wiederaufbau Westeuropas organisierten, so muß und kann Europa heute einen Marshall-Plan für Afrika auf die Beine stellen. Das sind wir den Afrikanern als unseren direkten südlichen Nachbarn schuldig. Alle großen europäischen Staaten haben eine koloniale Vergangenheit in Afrika: allen voran Großbritannien und Frankreich, aber auch Belgien und Italien, Spanien und Portugal sowie – wenn auch weniger gewichtig – Deutschland. Kolonialismus hieß hauptsächlich Ausbeutung, Rassismus und Unterdrückung. Pflichtschuldige Lippenbekenntnisse über unsere koloniale Schuld allein vertreiben die Geister unserer Vergangenheit nicht. Praktische Hilfe für Afrika in dieser katastrophalen Situation ist gefragt. 1960 hatte US-Präsident John F. Kennedy eine ganze Generation mit seiner Idee des „Peace Corps“ begeistert. Ein „Marshall-Plan für Afrika“, initiiert von Europa, könnte heute eine ähnliche Begeisterungswelle in ganz Europa und Afrika auslösen. Die Afrikaner schaffen es nicht allein. Die Lage im Sudan spitzt sich täglich zu. Tausende sterben schon heute jeden Tag, und bald werden es viel mehr sein, wenn die Uno kein schlüssiges Konzept vorlegt und durchsetzt. Die neue Sudan-Resolution der Uno ist deshalb so beispielhaft schwach und hilflos, weil Rußland und China, aber auch Großbritannien und Frankreich soeben riesige Ölgeschäfte mit der Regierung im Sudan vereinbart haben. Öl als Schmierstoff der herrschenden Verhältnisse ist wieder einmal wichtiger als die Menschenrechte oder die Lebensrettung von über einer Million Flüchtlingen im Westsudan. Die Welt kuscht vor den Kriegsherren in Sudan, weil sie über viel Öl verfügen. Im 32-Millionen-Staat Sudan leben 600 verschiedene Ethnien. Dort geht es zur Zeit zu wie im Dreißigjährigen Krieg in Europa. Viele Volksgruppen kämpfen um mehr Einfluß und Souveränität gegenüber der korrupten und islamistischen Zentralregierung in Karthum. Das ist nur ein Konflikt unter vielen. Die Bürgerkriege im Sudan haben in den letzten Jahrzehnten schon über zwei Millionen Menschenleben gekostet – über eine Million Sudanesen sind zur Zeit auf der Flucht. Jetzt endlich führen im Südsudan 479 Stammesführer Friedensgespräche. Die Elfenbeinküste war einst Motor der westafrikanischen Wirtschaft. Heute zerreißen ethnischer Haß und Gewaltorgien das einst friedliche Land. In Liberia warten Zehntausende Kindersoldaten zwischen zehn und sechzehn Jahren auf ihren nächsten Kampfeinsatz im Busch. Es fehlt zur Zeit jede friedliche Perspektive in diesem geschundenen Land mit dem schönen Namen Freiheit. Im Kongo gibt es nach wie vor Kämpfe um Bodenschätze und in Nigeria latente Spannungen und Auseinandersetzungen um Öl für die westlichen Industriestaaten. Indien und China holen wirtschaftlich auf, in Afrika hingegen nehmen Hunger und Elend von Jahr zu Jahr zu. Schon im eigenen Interesse muß Europa eingreifen – aber nicht einfach durch eine Erhöhung der Entwicklungshilfe. Verfügt Afrika über gar keine eigenen Selbstheilungskräfte? Im ghanaischen Accra hat es der Afrikaner Kofi Annan soeben versucht. In Liberia hat die Regionalmacht Nigeria wenigstens beim Kampf um die Hauptstadt Monrovia noch Schlimmeres verhindert. Die Supermacht USA hatte es abgelehnt, auch nur mit einer kleinen Eingreiftruppe dem Bürgerkriegsland Liberia zu helfen. Die Regierung Südafrikas versucht immer wieder, Robert Mugabe in seinem afrikanischen Rassismus zu mäßigen – mit geringem Erfolg, aber immerhin. Richtig ist, daß der Westen Afrika immer wieder zu mehr Eigenverantwortung auf dem eigenen Kontinent ermuntert. Richtig ist aber auch, daß wir Europäer uns in Afrika nicht aus dem Staub machen dürfen, sondern uns engagieren sollten. Afrika braucht Europa noch lange, nachdem Europa die Kolonien über hundert Jahre lang ausgeplündert hat. Ein effektiver Marshall-Plan für Afrika kann freilich nicht heißen, wir verdoppeln oder verdreifachen einfach unsere Entwicklungshilfe und geben das Geld den oft korrupten Regierenden. Europäisches Humankapital für Afrikas Entwicklung ist viel wichtiger. Zwei Beispiele: Deutsche Installateure und Wassertechniker könnten dafür sorgen, daß in vielen afrikanischen Ländern weniger Wasser in veralteten Leitungen verlorengeht. Allein in Nairobi könnte durch eine bessere Wasser-Infrastruktur vierzig Prozent mehr sauberes Trinkwasser genutzt werden. Oder: Ohne Energie gibt es keine Entwicklung. Die alten Energiequellen gehen zu Ende, werden immer teurer (für die meisten Afrikaner sind die heutigen Öl- und Benzinpreise ohnehin unbezahlbar), aber Afrika hat unendlich viel Sonne, Wind und Biomasse. Warum bilden wir nicht hier in Europa und in Afrika Hunderttausende junger Leute aus, die neue unendlich vorhandene Energiequellen anzapfen könnten für Afrika und für Europa? Aus Afrika könnten Europas Industriestaaten solar erzeugten Wasserstoff beziehen. Das wäre preiswerter als Kriege um Öl und eine riesige Entwick-lungschance für afrikanische Sonnen-länder. Umweltfreundlich wären solche Geschäfte für beide Kontinente. Solche Hilfe zur Selbsthilfe in Afrika bietet zugleich eine große Chance, den Treibhauseffekt zu bekämpfen, der uns alle bedroht. Ein Marshall-Plan für Afrika könnte nicht nur die Entwicklung in Afrika, sondern den Frieden in der Welt und den Klimaschutz fördern. Ein effizienter europäischer Marshall-Plan für Afrika muß die Schwerpunkte auf Wasser, Energie und eine bessere Landwirtschaft legen. Dr. Franz Alt , bis zu seiner Pensionierung Fernsehmoderator, ist Journalist für Umweltthemen und hat mehrere Bücher geschrieben. Sein besonderes Anliegen ist die Sonnenenergie (Internet: www.sonnenseite.com ).

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