Ethnischer Dschihad

In kaum einer anderen politischen Auseinandersetzung ist in Deutschland die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit so riesig wie im Streit um eine künftige EU-Mitgliedschaft der Türkei. Wo alle über die Notwendigkeit von Sachlichkeit und Ruhe reden, ist ein fast ausschließlich emotional geführter Kampf um die Frage entbrannt, ob aus der Türkei ein europäischer Staat werden kann – oder ob sie bereits einer ist.

Wenn der Orientalist Hans-Peter Raddatz in seinem neuesten Buch bereits im Titel von einer "türkischen Gefahr" spricht, so ist das wortwörtlich zu verstehen. Wer seine bereits erschienenen Bücher "Von Gott zu Allah" und "Von Allah zum Terror" kennt, weiß, worauf Raddatz hinauswill. Keine Frage, er hat wie bei seinen vorherigen Werken solides Quellenstudium betrieben und gibt dem Leser somit umfangreiches Argumentationsmaterial in die Hände.

So zeichnet der Autor in kriminalistischer Manier ein düsteres Bild der türkischen Nationalgeschichte. Angefangen mit dem vorislamischen "Reich seldschukischer Nation" über das osmanische Reich bis hin zur sogenannten modernen Türkei wateten die Herrscher des einstiges Reitervolkes knietief im Blut ihrer Feinde und unterdrückten Völker. Bereits in den ersten Jahrhunderten nach Christus entwickelte sich bei den Türken ein kollektives Bewußtsein für die eigene Abstammungsgemeinschaft. Früh ordneten sich die Türken einem Herrschaftsprinzip unter, das sie auf ihre ethnische Einheit verpflichtete.

Inschriften um das Jahr 732 künden von den Kaghanen, "charismatische, zur Führung berufene Herrscher", wie Raddatz schreibt. Mit ihnen entsteht der Gründungsmythos des türkischen Gemeinwesens als expansiver und dominanter Militärmacht. Eine der wichtigsten Konstanten türkischer Politik, ein strenger Ethnozentrismus, wird so geboren. Die darauf begründende ethnisch-militärische Dominanz nennt Raddatz "Turkismus". In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts kommt eine weitere Konstante ins Spiel – die Religion des Islam.

Unter den Seldschuken-Sultanen entstand das, was man "Turkislam" nennen könnte, ein Begriff, der bei Raddatz immer wieder auftaucht. Allerdings spielt die Religion niemals die erste Geige, sie ist meist ein Mittel zum Zweck. In erster Linie ging es bei den türkischen Expansionszügen niemals um "Islamisierung", sondern um etwas, das heute unter dem Begriff der ethnischen Säuberung bekannt ist. Die einheimische Bevölkerung in den eroberten Gebieten wird in der Regel von den neuen Herrschern brutal liquidiert. Wenn Raddatz über die Türkenwellen und deren kriegerisches Treiben schreibt, benutzt er drastisches Vokabular. Es ist die Rede von "Raubrazzien", von "Beuteplänen gieriger Militärs" und vom "ethnischen Dschihad".

Immer wieder weist der Autor darauf hin, daß die türkische Vernichtungsmaschine innerhalb kurzer Zeit alles zerstörte, was der griechische Kulturkreis in Jahrhunderten kultivierte und aufbaute. "Die Erbauung der Welt ist ein Merkmal der Griechen, die Vernichtung der gleichen Welt ist den Türken vorbehalten", zitiert Raddatz den 1273 verstorbenen Nationaldichter und Mystikphilosophen der Türken, Djelaleddin Rumi.

Den Traditionsstrang des gewalttätigen Turkislam zeichnet Raddatz detailliert bis in die Gegenwart nach. Selbst die vielzitierte "moderne Türkei" des Staatsreformers Kemal Atatürk sieht er als Konstante dieser blutigen historischen Entwicklungslinie. Diese, so Raddatz, sei für jeden, der sie nur erkennen wolle, geradezu offensichtlich. "Der Türkenvater stand nun nicht nur an der Spitze des Staates, sondern bildete nach uralter türkischer Herrschertradition dessen Spitze selbst", schreibt Raddatz. "Ich bin die Türkei. Mich vernichten wollen bedeutet: die Türkei selbst zu vernichten", wird Atatürk zitiert. Auch hier dreht Raddatz kräftig an der Polarisierungsschraube, wenn er schreibt, Kemal erscheine als "Jakobiner", der vor allem eines sei, ein "politreligiöser Fundamentalist".

Kemals Machtergreifung habe nicht, wie gemeinhin behauptet, zu einer grundlegenden Reform und Säkularisierung des türkischen Staates geführt, sondern lediglich zu einer effektiveren Nutzung der religiösen und militärischen Ressourcen. Durch den offiziell verordneten Laizismus wurde die Religion wieder dem Staat dienstbar gemacht. Als Beispiel der ungebrochenen Traditionslinie zu den marodierenden Seldschuken läßt sich der Genozid an den Armeniern sowie die neuzeitliche türkische Kurdenpolitik nennen. Niemals, so Raddatz‘ Argumentation, habe die Türkei mit ihrer brutalen expansionistischen Tradition gebrochen – im Gegenteil. Auch heute setze sie diese mit modernen Mitteln fort.

Neben der Türkei widmet sich Raddatz auch den Zuständen in der EU und in Deutschland, dem wohl derzeit lautesten Befürworter einer türkischen EU-Mitgliedschaft. Am schärfsten trifft wohl Raddatz‘ Analyse, daß die öffentlich so heftig geführte Debatte über einen EU-Beitritt der Türkei eine Farce sei. Unter dem Druck der USA, die ein strategisches Interesse an einem schwächeren Europa haben, sowie unter der derzeit regierenden rot-grünen Regierung, die einen Türkei-Beitritt aus ideologischen Gründen unterstützt, sei effektiver Widerstand kaum mehr möglich. Wer sich gegen eine Aufnahme ausspreche, laufe Gefahr, öffentlich als Ausländerfeind oder gar als Rassist gebrandmarkt zu werden. Gegenüber Islamisten werde vor allem in Deutschland eine falsch verstandene Toleranz geübt, hier sieht Raddatz Parallelen zur unterschätzten Gefahr der vielerorts bereits vorhandenen türkischen Parallelgesellschaften, die er durchaus in der Traditionslinie türkischer Expansionsbestrebungen früherer Jahrhunderte einordnet.

Raddatz‘ Werk ist gewiß ein wichtiger Beitrag zur Debatte um den EU-Beitritt der Türkei. Es ist allerdings ein Appell und kein Sachbuch. Trotz aller richtigen und wichtigen Fakten und Erkenntnisse bleibt die Frage, was der Autor eigentlich möchte. So holt er auf den letzten Seiten noch mal aus zum großen Schwung. Ähnlich wie der Holocaust der "Gründungsmythos Deutschlands" sei, zitiert er Außenminister Joseph Fischer, so sei der Völkermord an den Armeniern der Gründungsmythos der Türkei. Unter Bezug auf ihren Gründungsmythen, so Raddatz, könnten die EU-Mitglieder Türkei und Deutschland "gemeinsam die Beitrittsanträge der neuen Nachbarn Armenien und Israel" unterstützen.

Foto: Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) 1923 in Mersin: Nur eine effektivere Nutzung der religiösen Ressourcen

Hans-Peter Raddatz: Die türkische Gefahr. Wann endet Europa? Herbig Verlag, München 2004, 250 Seiten, gebunden, 22,90 Euro

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