Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Stunde der Mystik

Ende Januar endeten eine außergewöhnliche Ausstellung und das kühnste Veranstaltungsprogramm des letzten Jahres. Dessen Schauplatz war Erfurt, und es galt Meister Eckhart, dem großen deutschen Mystiker. Seinem Leben und Werk war man dort in den letzten elf Monaten mit über hundert Projekten auf der Spur. Neben der zentralen Würdigung durch die Ausstellung: „Homo doctus et sanctus – oder: Wer ist Meister Eckhart?“ galten Festakademien, Workshops und Konzerte, Ausstellungen, Meditationen, Theaterabende, Gottesdienste und ein internationales Kolloquium in der thüringischen Landeshauptstadt dem Mystiker, Theologen, Europäer. Erfurt besitzt mit Predigerkirche und Konvent, dem einstigen Dominikanerkloster, noch die letzten authentischen Baulichkeiten, in denen Eckhart wirkte. Ein seltenes Privileg vor Paris, Straßburg und Köln, seinen wichtigsten Lebensstationen neben Erfurt. In Paris hat er sich dreimal aufgehalten, seine Studien vervollkommnet und als Professor gelehrt; in Erfurt freilich lag sein Heimatkonvent. Zum Chef der neuen Ordensprovinz Saxonia ernannt, reiste Eckhart 1303 heim nach Erfurt. Die 700. Wiederkehr dieses Datums hatte die Thüringer jetzt motiviert, Eckharts Persönlichkeit und Bedeutung umfassend zu würdigen. Ein Wagnis bei einem so spröden Thema wie der Mystik (myein = die Augen schließen) und angesichts eines Mannes, dessen Leben kaum dokumentiert ist. Immerhin weiß man, daß er wohl 1260 bei Gotha in Thüringen geboren wurde und 1275 ins Erfurter Dominikanerkloster eingetreten ist. 1294-98 Prior seines Konvents und Ordensvikar für Thüringen, hat er 1303-1310 als Provinzial zahlreiche Reisen unternommen, um nach seiner 2. Pariser Professur 1311-13 die nächsten Jahre in Straßburg als Seelsorger zu verbringen. Aufzeichnungen aus dieser Zeit überlieferten uns seine deutschen Predigten, die vor allem seine kühnen Ideen transportieren, während sein lateinisches Werk erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Der Erzbischof Virneburg von Köln, wo er seit 1323 lebt, bezichtigt ihn der Häresie. Zur Rechtfertigung reist Eckhart nach Avignon, wo er am 28. Januar 1328 stirbt. Trotz Apologie und Widerruf kommt es zur postumen Verurteilung durch Johannes XXII. in der Bulle „In agro dominico“ (1329), die 28 Sätze des Meisters verwirft. Ein Anwalt des geistigen Worts und göttlichen Lichts So wurde es schwer, sich offen auf Eckhart zu beziehen. Das wagte erst wieder Nikolaus von Kues (1401-1464), der mit seiner Idee der coincidentia oppositorum, der Aufhebung aller Gegensätze in Gott, das mystische Weltbild neu artikulierte und sogar eine concordantia fidei postulierte, eine Harmonie der positiven Religionen also von einem göttlichen Indifferenzpunkt aus. Diesem Überkonfessionalismus, im religiös zersplitterten Deutschland seit der Reformation ein dringliches Problem, standen auch die späteren Pietisten nah. Ihre Teilhabe am mystischen Tiefenstrom zeigt der pietistische Sprachschatz mit Zentralwörtern wie „Einkehr“, „Innigkeit“, „Seele“, „bilden“ an. Ohne den Geist der „Stillen im Lande“ und jene Innerlichkeit von weither ist die Bildungsidee der Deutschen Bewegung kaum zu denken. So haben zwei geniale Exponenten der Zeit in Berlin über Eckhart intensiv gebrütet, der katholische Franz von Baader und der Protestant Hegel, um schließlich auszurufen: „Da haben wir es ja, was wir wollen!“ Meister Eckhart wurde so der „Vater der deutschen Spekulation“, ein Anwalt des inneren Menschen, geistigen Worts und göttlichen Lichts, einer allen Religionen bekannten Lehre also, deren deutsche Variante freilich sich seiner Quelle verdankt. Noch 1947 schrieb Eduard Spranger, die deutsche Katastrophe sei nicht verursacht vom metaphysischen Impuls unserer Tradition, vielmehr durch Abfall von ihr. Gegen den „fortschreitenden Prozeß der Technisierung, Industrialisierung, Vermassung und Imperialisierung“ als „schwerste Gefahr“ beschwor er unbeirrt das Eckhartsche Projekt: „Die Seele blieb doch der Mittelpunkt der Welt, und sie war noch immer die Unendlichkeit, die durch Entäußerung und Leiden und Zerrissenheit die Wiederherstellung des Göttlichen in ihrer Tiefe erkämpfte.“ Was also meint „Mystik“, worin besteht ihr Gehalt und Eckharts Beitrag? Mystik, verborgenes Wort des Glaubens und inneres Licht in der Schöpfung, weist auf die Unendlichkeit und das Zentrum aller Offenbarung, das Gottes Handeln in den Religionen einander verbindet. Als Metaphysik denkt Mystik kosmologisch das Entstehen und Werden der Welt als Entfaltung aus dem göttlichen Ursprung und schließlich die Rückkehr des Vielen zur transzendenten Einheit. Subjektiv versucht sie dem Menschen seine „Situation“ aufzuschließen und ihn durch Erkenntnis oder praktische Askese aus seiner Gefallenheit zu reintegrieren in den göttlichen Grund, ihn zur „Schau Gottes“ zu führen. Der Mensch vermag Gott zu erkennen, weil er im Seelengrund selbst mit ihm identisch ist. Diese „Seinsanalogie“ ist im theistischen Christentum und Islam immer anstößig geblieben. Nicht so für Indien, dessen Lehre von der Nicht-Dualität, Advaita, genau gegenteilig die mystische Einsicht „Das bist du“ (nämlich die Identität des individuellen Selbst mit dem universalen Geist) geradezu als Bedingung geistlicher Befreiung verlangt. „Die Seele blieb doch der Mittelpunkt der Welt“ Der Glaube zielt auf den absoluten Gott, er ist dem Anspruch nach „totales Wissen“. Solche Totalität umfaßt Theorie und Praxis zugleich und schließt seine persönliche Annahme, die individuelle Verwirklichung mit ein. Das äußere Gotteswort wird so nach innen geführt und existenziell radikalisiert, cognitio dei experimentalis, nennt es der Heilige Thomas. Für Eckhart ist es die „Geburt Christi in der Seele“. Erst in ihr wird Jesus zum kosmischen Christos, das historische Datum zu einer universellen „mystischen Tatsache“. Gleich Maria, die zutiefst „hörte“ indem sie Gott empfing, soll die Seele den Logos verwirklichen. Mikrokosmisch spiegelt die Seele das menschliche Schicksal im ganzen. Die verschiedenen Kräfte und Vermögen ziehen den Menschen nach außen oder innen, nach unten und oben. „Wem wird er nachstreben?“ fragte schon Platon. Der Glaube nun fordert zur Einübung in die Freiheit auf, sollen wir doch die äußere Welt, in die wir verstrickt sind, „lassen“. Dies „Entwerden“, „Gelassenheit“ und „Nichtverhaftung“ ermöglicht eine Rückwendung von der Verfallenheit an die Dinge und das eigene Ego ins „lebendige Gemüt“ und auf Gott selbst, in dem alles aufgehoben ist. In ihm sind wir los von allem und doch so nah wie nie – frei, jede Aufgabe tätig zu erfüllen, unabhängig von den Früchten unseres Tuns. Alles Tun vollziehe im Gedanken an Gott, verkünden Bhagavadgita und Bibel gleichermaßen. Im Unterschied zur Gefühlsmystik faßt Eckhart dies „Gottgedenken“ ganz philosophisch. Er unterscheidet die ewige Identität der Gottheit vom trinitarischen Gott als dem Weltschöpfer. Analog dazu seine Vorstellung der Seele, deren erster Teil absolut und „ungeschaffen“ ist, „die Zwei aber, das ist die Zeit, die sich wandelt und vermannigfaltigt“. Er setzt Gott und Seele einander nicht gleich, sieht sie jedoch als Bewegungseinheit. Die Frage nach der Dualität von Gott und Welt löst er auf mit den Worten: „Da erhebt sich die Frage, wie denn das Erste alles in sich beschlossen halte? Folgendes zur Antwort: alle Dinge sind – in endlicher Gestalt – in die Zeit entflossen, und sind dabei doch – in unendlicher Gestalt – in der Ewigkeit verblieben. Da sind sie Gott in Gott. So hält jenes Erste aller Dinge Urbilder in sich beschlossen.“ Unpersönlich gefaßt, ist es das Sein, das nicht in starrer Ruhe und abstrakter Identität mit sich verharrt, sondern in lebendiger Bewegung sich vielgestaltig artikuliert, um sich wieder in den Urgrund der Einheit zurückzunehmen. Mit intelligentem Scharfsinn und suggestiver Kraft haben die Erfurter Eckharts dürftig belegtes, äußeres Leben und sein spirituelles Weltbild großartig präzis dargestellt. Sie erfanden eine Ausstellungsarchitektur, deren Struktur die Problematik analytisch erschließt. Der weiß-schwarze Farbkontrast entsprach dominikanischem Ordenshabit wie der Gesichtslosigkeit des Meisters, die Spannung Licht-Dunkel ließ den Prozeß mystischer Erkenntnis zumal über die als leuchtende Kristalle hervortretenden Vitrinen ins Auge springen. So legte sich ein Kranz schwarz-rechteckiger Räume, durch weiße Korridore verbunden, um eine kreisrunde, in strahlendes Weiß getauchte Mitte, Ort der Erleuchtung. Seitlich eingelassen, passierte der Besucher kleine Videokabinen, die des Meisters europäische Aufenthalte filmisch aktuell ausschildern, und nach außen schlossen sich große Erlebnisräume an, deren spezielle Environments jenseits des Biographischen mit künstlerischen Techniken das Denken erfahrbar machen. Ist einer ganz Heidegger und dem „Feldweg“ gewidmet, so führte der andere in ein Panoptikum, in dessen unendlichen Reflexen der Besucher sich verlieren konnte, um desto mehr der strahlenden Kerze als einzigem Haltpunkt zuzustreben, Symbol des Eckhartschen Gleichnisses von Gott als der kosmischen Türangel, die alles dreht und doch in ihrem Ort verbleibt. Los von allem und doch so nah wie nie Warum gilt es, an der Aktualität der Mystik festzuhalten? Das religiöse Prinzip an sich faßt die Wahrheit ebenso radikal als universal. Dem entspricht der mystische Imperativ. In der globalen Welt begründet er objektiv, als religiöse Metatheorie, ein interkulturelles Medium auf höchster Ebene. Als persönliche Religiosität ermöglicht er dem Einzelnen jene Unbedingtheit, die ihm Massengesellschaft und Medienbetrieb längst abgekauft haben. „Der ewige Durchmarsch der Gedanken und Aspekte ist unerträglich“, schrieb jüngst Götz Kubitschek, „weil es nie zur Entscheidung kommt, nie zum Spruch, zum Schwure.“ Alles versackt: Wissenschaft, Gesellschaftsapparatur und Machtranküne ersäufen den menschlichen Willen nach Wahrheit, seinen Drang zum Sein und entrücken Identität und Erfüllung in kafkaeske Weiten. Zwischen sie tritt nun der mystische Impuls als Empörer, als verschwiegener Anarch, der den Betrug durchschaut, den Kreisel anhält und aus der Bahn heraustritt. Er fordert die vertikale Dimension zurück.

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