Die Demokratie des Denkens

„Es wird ein bißchen von alledem sein, ein bißchen Hoffnung und Bemühen um all das, und es wird auch ein bißchen ein Ruf zu den Waffen sein.“ Diese Stichelei des französischen Dichters René Daumal (1908-1944) dient als Motto einer neuen französischen Zeitschrift, La Sœur de l’Ange („Die Schwester des Engels“), die zweimal im Jahr in Buchform zu jeweils einem Themenschwerpunkt erscheint und sich dem Konzept einer Demokratie des Denkens verschrieben hat. Ihre Macher um den Herausgeber Matthieu Baumier und Chefredakteur Alain Jugnon warnen, die französische Literaturkritik unterliege derzeit der Diktatur einer Minderheit, einer Pariser Elite, die die Kreativität ihrer Mitmenschen hemmt. Ziel der Zeitschrift ist daher vor allem, möglichst viele unterschiedliche Persönlichkeiten zu einer Vielfalt von Themen – in der ersten Ausgabe ist es die Frage „Wozu ist Kunst gut?“ – frei zu Wort kommen zu lassen und auf diese Weise die „wahre Demokratie“ zu schaffen. Die Schwester des Engels verkörpere diesen Anspruch, sie ist zugleich ein abstraktes Konzept und das Maskottchen ihrer Schöpfer. Diese versuchen zuvorderst sich selbst eine Antwort auf die Frage zu geben, die sie sich stellen, indem sie ihr Werk als Kunstwerk betrachten und es für und über sich selbst sprechen lassen, wie eine kluge Gastgeberin, die auf ihrem eigenen Fest den Ton angibt. Die Schwester des Engels ist ein Kunstwerk in Person. In einer Einleitung, dem „Ligne éditoriale“, spricht sie in der dritten Person über sich selber. „Der Engel“, heißt es da, „ist der Mensch. Die Schwester aus dem Titel ist das Menschliche.“ Das klingt zunächst recht obskur, erklärt sich aber mit fortschreitender Lektüre der Zeitschrift. Sie läßt ihre Gäste reden, die gehalten sind, sich frei zu fühlen: Die Schwester des Engels, „weder jungfräulich noch totalitär“, ist eine Aktivistin der wahren Demokratie im Kampf gegen die falsche Toleranz, die derzeit in ihrem Namen herrscht. Die Frage, wozu Kunst gut ist, klingt in den Ohren der Befragten jeweils anders, und um so besser! Also stellen die Autoren die Fragen, die dies für sie aufwirft: Wie ist die Demokratisierung und damit auch der Konsum von Kunst zu beurteilen? Wird Kunst unter diesen Bedingungen zu einem Wort ohne echte Bedeutung, oder ist sie zu anderem berufen? Welche Rolle und welche Verantwortung kommt der Kritik zu bezüglich der Funktion von Kunst und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit? Natürlich diktiert der Lebensweg jedes einzelnen seinen Standpunkt, der Cineast Philippe Boisnard ist anderer Meinung als ein Theatermensch wie Jean-Laurent Poli oder auch Bruno Doucey, Vertreter einer engagierten Poesie, oder als der Philosoph Christophe Gueppe, der der Frage nachgeht, welchen Platz die Kunst in einer „Zeit-ist-Geld“-Welt behaupten kann. Ausgewählt werden die Autoren nach der Tiefgründigkeit ihrer Ansichten, egal, in welchem Ton sie vorgetragen werden, ob ernst, frivol oder zynisch, direkt oder suggestiv. Und auch die Toten kommen zu Wort, etwa der Philosoph Gilles Deleuze oder Ernest Hello, Mystiker des 19. Jahrhunderts. Kurz: La Sœur de l’Ange versteht sich als einzigartiges, revolutionäres Konzept, das auf verschiedene Problemfelder angewandt wird. Für die nächsten Ausgaben sind Auseinandersetzungen mit den Themen „Nation“, „Gott“, „Tod“ und „Amerika“ angekündigt. Anschrift: A Contrario, Revue „La Sœur de l’Ange“, 13, rue Lamartine, F-71250 Cluny. Das Einzelheft kostet 18 Euro.

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