Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Beckmessersche Sicht auf eine Rebellion

Es ist immer von besonderem Reiz, wenn sich die Nachkommen historisch relevanter Persönlichkeiten mit der Geschichte ihrer Eltern und Großeltern beschäftigen und aus einer privaten Perspektive ein besseres Gesamtprofil desjenigen zeichnen als fremde Biographen. In manchen Fällen haben solche Rückblicke jedoch den Charakter einer späten Abrechnung; überproportional dann, wenn es um die NS-Zeit geht. In der druckfrisch vorliegenden Studie von Felicitas von Aretin „Die Enkel des 20. Juli 1944“ ist dies ganz besonders der Fall. Aretin, Enkelin des Verschwörers Henning von Tresckow, stellt bereits in ihrem unter der bezeichnenden Überschrift „Die Schatten des Saturn“ abgedruckten Vorwort klar, daß sie bis heute „keine Lust auf eine Heldenverehrung“ verspüre. Über viele Jahre – so die Autorin – habe sie bewußt dieses Thema „verdrängt“, die „direkte Konfrontation“ mit dem Vorfahren „gescheut“. Selbst Publikationen über Henning von Tresckow finden in Aretin keine Rezipientin. Sie verspüre „keine Lust, die Motive meiner Großväter von Leuten seziert zu sehen, deren Väter und Großväter zur Tätergeneration gehörten“. Bereits in den Anfangssätzen wird deutlich, daß ihr Buch in erster Linie der Zurschaustellung des Wandels ihrer persönlichen Perspektiven zum 20. Juli dient, als einer fundierten historischen Auseinandersetzung. Dies wird auch in der Halbheit deutlich, die der Gliederung des Werkes in ganze zwei Komplexe innewohnt: In der ersten Hälfte skizziert die Autorin die gesellschaftliche Rezeption des 20. Juli auf der Grundlage der Erinnerungskulturen in der Bundesrepublik sowie der ehemaligen DDR. Gleichfalls werden die Lebenswege der Gattinnen und Kinder der Attentäter verfolgt und auf die Gründung eigener Hilfsorganisationen für soziale Zwecke und zur Rehabilitation ausführlich hingewiesen. Im zweiten, wesentlich kürzeren Teil werden anhand von Kurzberichten der Enkel der Verschwörer die persönlichen Erinnerungen und Auseinandersetzungen dieser Generation mit ihren Großvätern herausgearbeitet. Dabei kommen auch die Nachkommen des Botschafters Ulrich von Hassell, des Sozialdemokraten Julius Leber und des Industriellen Walter Cramer zu Wort. Störend ist die Tatsache, daß die Autorin Betrachtungen über den 20. Juli 1944 anhängt, die die Forschungsergebnisse und die meisten Publikationen des letzten Jahrzehnts ausblenden. So ignoriert sie beispielsweise den historiographischen Konsens über die Heterogenität des adligen und bürgerlichen Widerstandes, indem sie immer noch von einem einheitlichen Block des Widerstandes ausgeht. Doch Aretin beschreibt nicht nur diese vermeintlich breite Basis der Gemeinsamkeiten der Großväter, sondern versucht auch noch, daraus eine gemeinsame Handlungsanleitung für die Nachkommen zu entwickeln. Wer hierbei durch eigene Positionen auf sich aufmerksam macht, hat bei der Autorin schlechte Karten: So muß sich der Sohn Stauffenbergs harte Kritik für sein Verhalten gefallen lassen, deutliche Bedenken gegen den Redner Herbert Wehner als ehemaligen Kommunisten bei einer Gedenkstunde zum 20. Juli angemeldet zu haben. Verständnis hat die Autorin dagegen für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA), die rasch nach ihrer Gründung in stalinistisches Fahrwasser geriet. Dabei sah dies die Mehrzahl der unmittelbar Betroffenen bereits frühzeitig anders: Im Januar 1949 war mit Marion Gräfin Yorck zu Wartenburg die letzte namhafte Vertreterin aus dieser kommunistischen Tarnorganisation ausgetreten. Obwohl die Fleißarbeit von Aretin Anerkennung verdient, da sie einen umfangreichen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des 20. Juli 1944 in Deutschland leistet, trübt – abgesehen von ihren sonderbaren und unpassenden Wertungen – vor allem die willkürliche Schwerpunktsetzung, die sich entweder in langatmiger Präsentation oder ärgerlicher Verkürzung von Fakten ausdrückt. Felicitas von Aretin: Die Enkel des 20. Juli 1944. Faber & Faber Verlag, Leipzig 2004, gebunden, 350 Seiten, 24 Euro

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