Alles frei erfunden!

Wer wissen will, warum dem Jahr 1989 eine bleierne Zeit folgte, kann es aus Walter Kempowskis 1989er Tagebuch „Alkor“ (2001) erfahren. Die darin enthaltene Diagnose von Kultur und Gesellschaft ist womöglich präziser als die in Botho Strauß‘ „Fehler des Kopisten“. Unterhaltsamer ist sie auf jeden Fall. Kempowski und Strauß haben manches gemeinsam: Beide sind große Außenseiter des Literaturbetriebs, beide leben auf dem Land, beide haben großen Erfolg und treue Lesergemeinden. Beider Prosa haftet der Ruch der „Zettelkastenliteratur“ an, weil sie einer Ästhetik des Fragmentarischen folgt. Die Unterschiede: Strauß beherrscht – wenn er will – das Feuilleton, Kempowski die Leihbibliotheken, wo seine Bücher vom Gebrauch beinahe so abgegriffen sind wie die Führer-Biographien. Strauß pflegt den Gestus des Dichter-Philosophen und des Enttäuschten, der einsehen muß, daß der Fortschritt keine Besserung bringt, und im Umkehrschluß Verfall und Verschlechterung beklagt. Der andere hält sich ans Konkrete und von elegischer Stimmung gänzlich fern. Er pflegt den grantelnden, manchmal zynisch eingefärbten Humor. Kempowski hat die Untiefen des Lebens so früh und gründlich kennengelernt, daß er überhaupt nicht mehr enttäuscht werden konnte. Zugegeben, der Vergleich eines Schriftstellers, der am 29. April 75 wird, mit einem 60jährigen Kollegen ist uncharmant. Er soll nur illustrieren, in welchem Maße Walter Kempowski bisher unterschätzt worden ist. Er könne nicht aufhören, sich über sein Leben zu wundern, hat er in „Alkor“ notiert. Er wurde 1929 in Rostock als drittes Kind einer bürgerlichen Familie geboren, sein Vater war Reeder. Es folgten Kindheit und Jugend im Dritten Reich, aus Frankreich und Dänemark besorgte man sich Jazz-Schallplatten. Der Vater fiel 1945 auf der Frischen Nehrung. Im Roman „Mark und Bein“ (1992) reist der Protagonist – wie fast immer Kempowskis Alter ego – auf die ostpreußische Landzunge, um zu sehen, was dem Vater in seinen letzten Momenten vor Augen stand. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“, endet das anrührende Kapitel. In der Szene hallt die Erschütterung nach, die Kempowski bei der Nachricht vom Tode des Vaters empfand. Er reagierte mit Renitenz in Schule und Lehre. Und es kam noch schlimmer. 1948 wurden Walter Kempowski und sein Bruder Robert verhaftet und von einem russischen Militärgericht wegen Spionage zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie hatten notiert, was die Sowjetunion über den Rostocker Hafen an Reparationsgütern abtransportierte. Der Schriftverkehr war über das väterliche Kontor gelaufen. Verhaftet wurde auch die Mutter, die völlig ahnungslos gewesen war. 1956 wurden die Brüder amnestiert. Sie gingen nach Hamburg, wo die Mutter, die 1954 entlassen worden war, jetzt lebte. Die Anerkennung als politisch Verfolgte und Haftentschädigung wurde ihnen verweigert. Kempowski holte das Abitur nach und studierte Pädagogik. Ab 1965 arbeitete er als Dorfschullehrer in Nartum bei Bremen, wo er bis heute lebt. 1969 erschien „Der Block. Ein Haftbericht“. Der literarische Durchbruch kam 1971 mit dem Roman „Tadellöser & Wolff“, der den Auftakt zu einer sechs Romane umfassenden „Deutschen Chronik“ bildete, die vom Kaiserreich bis in die fünfziger Jahre reicht. Dem Buch ist das Motto „Alles frei erfunden!“ vorangestellt. Damit signalisiert Kempowski, daß seine in kantiger, sarkastischer Schreibweise aufbereitete Familiengeschichte vor allem als Paradigma für Glanz und Elend des deutschen Bürgertums gelesen werden soll, dessen Welt in wilden Purzelbäumen kollabiert. In den großen Katastrophen verlieren alle Umgangsformen und selbst Pennälerwünsche ihre Unschuld. So während eines Bombenangriffs auf Rostock 1942. „Ende April stand eine Lateinarbeit bevor. Ich betete zu meiner Privatgöttin Santa Claude um Fliegeralarm. Und er kam. Und wie! (…) Fortwährend kamen sogenannte Hiobsbotschaften. Warkentins seien abgebrannt. ‚Retten Sie meine Meißner!‘ habe die Frau Amtsgerichtsrat gerufen. ‚Ist es dies?‘ habe ein Mann gefragt und den Korb aus dem Fenster geworfen. (Die sei nun wohl auch geheilt.)“ Während die Bücher ein begeistertes Publikum fanden und teilweise verfilmt wurden, wandten die Kritiker sich bald ab. Sie befanden, daß Kempowski sich im „puren Nachschreiben“ der Wirklichkeit erschöpfte. Das zielte vor allem auf die Abwesenheit moralisierender Gebrauchsanweisungen, wie man sie bei Böll, aber auch bei Grass findet. Als Reaktion darauf hat Kempowski an sich selber das Kauzige, Abseitige kultiviert. Sein Blick ist dadurch noch bitterböser und schärfer geworden. Sein Tagebuch „Alkor“ hält dafür zahllose Beispiele bereit. Es beginnt am 1. Januar 1989. Der 200. Jahrestag der Französischen Revolution wirft seine Schatten voraus, und am Ende steht der Mauerfall, dem Kempowski, der im Herzen stets Rostocker geblieben ist, natürlich entgegenfiebert. Eine einzige Eintragung, die vom 17. Juni 1989, sei als Beleg für die vordergründig schlichte, in Wahrheit hochpräzise und assoziationsreiche Schreibweise Kempowskis angeführt. Am Vortag war im ZDF das „Literarische Quartett“ ausgestrahlt worden: „Frau Löffler bezeichnete Salomons ‚Fragebogen‘ als ’subaltern‘.“ Man weiß, daß noch der größte Blödsinn, vor Millionen Zuschauern ausgesprochen, bereits dadurch zum Faktum wird, und ärgert sich. Und Kempowski? Sein nächster Satz lautet: „In Frankreich hält man das Buch für eines der wichtigsten der Nachkriegszeit.“ Will sagen: Deutsche Dichter von Bedeutung werden eher draußen erkannt – siehe Ernst Jünger- als im Lande selber, das ist deutsche Tradition. Botho Strauß hätte nun die Klage über die Mediokratie, den Verlust von Maßstab, Gedächtnis und Sittengesetz angehoben. Kempowski dagegen gönnt der Wienerin Sigrid Löffler noch eine Extrapirouette, wobei sich ihr Röckchen hebt und der Leser erkennt: Die Großkritikerin hat gar nix drunter. „‚Subaltern‘, Gott, daß ich noch nie auf diesen Ausdruck gekommen bin. Norddeutsche Autoren kann sie nicht lesen, das ist ihr zu weit weg, sagt sie! (Salomon ist gebürtiger Kieler, T.H.) – ‚Na, denn nicht‘, hätte man rufen sollen.“ Eben. Denn wer ist schließlich Frau Löffler im Vergleich zu Ernst von Salomon! Ein Nachsatz von 1999 steigert die vernichtende Wirkung noch: „Frau Löffler hat in einer späteren Quartett-Sendung mein ‚Echolot‘ sehr gelobt. Das sei ihr nicht vergessen.“ Manchmal findet eben auch ein blindes Huhn ein Korn. Kempowskis Fazit: „Um all die Lügen, Verdrehungen und Dummheiten richtigzustellen oder zu beantworten, die pro Tag über das TV kommen, müßte man seinen Beruf aufgeben. Die Sendung ‚Kennzeichen D‘ alleine könnte einen schon tagelang beschäftigen. Da stimmt so ungefähr gar nichts. 3. Quartett von Schumann.“ Nur so kann man leben. Und das genügt als Kommentar zur geistigen Lage der Nation 1989 am „Tag der deutschen Einheit“, der damals keiner mehr sein sollte. Kempowskis Produktivität ist frappierend. Die „Echolot“-Collagen über die NS-Zeit sind Publikumserfolge, und im vergangenen Jahr hat er mit dem Roman „Letzte Grüße“ (JF 4/04) auch bei der Kritik wieder allgemeine Anerkennung gefunden. Den 75. Geburtstag wird er in Rostock verbringen. Bei dieser Gelegenheit wird ihm vom Juniata College in Huntington (US-Bundesstaat Pennsylvania) sein zweiter Doktorhut verliehen. Man wünscht ihm, daß der Tag die vollständige Aussöhnung mit seiner Heimatstadt ist. Das Kempowski-Archiv hat nach langem Gerzerre eine Unterkunft in Rostock gefunden, und gerade wurde die Zeitschrift Die Spantien, in der Texte von und über Kempowski gedruckt werden sollen, aus der Taufe gehoben. „Spantium“ ist ein Begriff aus dem Druckereigewerbe, der den Zwischenraum zwischen den gedruckten Wörtern bezeichnet. Im Mai wird an der Universität Bielefeld eine mehrtägige Kempowski-Tagung stattfinden. Wenn nicht alles täuscht, haben einige seiner Bücher ihre Zukunft erst noch vor sich. Denn sie drücken aus, was Walter Kempowski verkörpert: Er ist der leibhaftige Beweis, daß der gesunde Menschenverstand, politischem Terror und medialer Verblödung zum Trotz, nicht totzukriegen ist. Walter Kempowski: Im Block. Sonderausgabe. Albrecht Knaus Verlag, München 2004, geb., 320 Seiten, Abb., 22 Euro Dirk Hempel: Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biographie. Btb Verlag , München 2004, Tb., 302 Seiten, Abb., 9,50 Euro

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