Alle Effekte ausgereizt

FBI-Ausbilder Jake Harris (Val Kilmer) ist ein krasser Typ. Speziell bildet er sogenannte Profiler aus, psychologisch höchst versierte Kriminale, deren Aufgabe es ist, ein Psychogramm von Serientätern auszuarbeiten. Kennt man die inneren Beweggründe eines Täters, studiert man seine Verhaltensmuster und Vorgehensweise im Detail, so mag man mögliche weitere Morde verhindern. Sieben junge FBI-Agenten haben den Ehrgeiz, den Profiler-Kurs von Harris zu bestehen. Harris‘ Methoden sind umstritten, seine Übungen wegen ihrer aufwendig inszenierten Realitätsnähe selbst eine harte psychische Probe für die Aspiranten. Die letzte Runde des Kurses steht bevor, und es ist klar, daß nicht alle ihn bestehen werden. Als der Helikopter mit dem Ausbilder und seinen Schülern zum Einsatzort abheben will, steigt in letzter Sekunde noch Gabe (LL Cool J) zu. Der schwarze Hüne arbeitet angeblich bei der Mordkommission und will dem letzten Teil des Lehrgangs beiwohnen. Der Flug endet auf einer kleinen Insel an der rauhen amerikanischen Ostküste, die sonst als Stützpunkt und Übungsplatz für militärische Spezialeinheiten dient, jetzt aber eine Woche lang für Harris‘ Leute geräumt wurde. Eine künstliche Stadt ist hier aufgebaut, ein gespenstischer Ort mit Läden und Wohnhäusern, die Straßen sind bevölkert von menschenähnlichen Attrappen. „Puppenspieler“ nennt sich der wahnsinnige Mörder, der hier sein Unwesen treibt, weist Harris seine Truppe ein – ihm sollen sie das Handwerk legen: eine Lektion in Teamarbeit, für die drei Tage bleiben. Bald schlägt der „Puppenspieler“ zu, doch diesmal scheint der Ausbildungsleiter seinen Realitätstick noch übertreffen zu wollen: Auf grausliche Weise kommt zunächst der Wortführer der Gruppe um, der seinem Lehrer immer skeptisch gegenüberstand. Die angehenden Profiler glauben so lange an einen Unfall, bis es ein zweites Opfer in ihren Reihen gibt. Dann wird klar: Der bestialische Mörder ist entweder Harris – hat er eigentlich die Insel verlassen? – oder einer von ihnen … Daß sicherlich weder der dunkelhäutige FBI-Abgesandte noch die temperamentvolle Latina oder der Körperbehinderte ernsthaft als Täter in Frage kommen, erklärt sich aus Gründen politischer Korrektheit von selbst. Das allein ist logisch in dieser Geschichte, die ansonsten mit Logik und Plausibilität großzügig verfährt – aber wen kümmert das bei einem Film, der sämtliche Genre-Konventionen, die gängigen Action- und Horrorseffekte ausreizt? Nach und nach wird deutlich, daß jeder der Anwärter ein kleines Psycho-Päckchen mit sich trägt: Der Tod lauert für jeden einzelnen bei seiner individuellen Schwäche – und die gilt es zu erkennen. Im Grunde funktioniert jeder Serienmörder-Thriller nach dem „Profiler“-Schema: Ein hochintelligenter Psychopath belegt seine Mordtaten mit symbolischen Inhalten, die es für die Ermittler zu dechiffrieren gilt. Mit kühner und einprägsamer Subtilität gelang solches in Filmen wie „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ – hier dagegen wird gemäß traniger Taschenbuch-Psychologie gerätselt und entziffert, und die Obsession des Mörders ist letztlich weder einleuchtend, noch vermag sie die Geschichte zu tragen. Köpfe rollen, Blut spritzt, vermeintlich Tote kehren wieder – ein Psychothriller nach Schema F eben. So hat der finnische Regisseur Renny Harlin nach etlichen Halb- und Mißerfolgen seine Filmographie um ein weiteres Stück Mittelmaß ergänzt. Foto: Profiler-Anwärter: Nicole Willis (P. Velasquez), Lucas Harper (J. L. Miller), Gabe Jensen (LL Cool J), J. D. Reston (C. Slater)

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