Die glorreichen Sieben

Gewaltiger Auftrieb in den europäischen Geistesquartieren am vergangenen Wochenende: Sechs bekannte Großintellektuelle nebst einem Sympathisanten aus den USA haben in sieben Zeitungen gleichzeitig eine, wie sie es selbst nennen, „koordinierte Aktion“ für eine gemeinsame europäische Außenpolitik gestartet und die Politiker „Kerneuropas“ dazu aufgerufen, endlich eine Alternative zum imperialen Machtgebaren der gegenwärtigen US-Regierung, ihrem „Unilateralismus“, auszuarbeiten und sie dann auch wirklich zu exekutieren und durchzuhalten. Die sieben politisierenden Groß-Equilibristen sind: Jürgen Habermas (Deutschland), Jacques Derrida (Frankreich), Umberto Eco und Gianni Vattimo (Italien), Fernando Savater (Spanien), Adolf Muschg (Schweiz) und Richard Rorty (USA). Bei den Zeitungen handelt es sich um die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche Zeitung (München), die Libération (Paris), La Repubblica (Rom), La Stampa (Turin), El País (Madrid), die Neue Zürcher Zeitung. Der Tenor in allen Beiträgen ist in etwa gleich, nur die Temperamente sind verschieden. Am umständlichsten äußert sich, wie gewohnt, Jürgen Habermas in der FAZ. Aber man muß sagen: Er, wie auch alle übrigen, hat ja so recht! Es ist wirklich höchste Zeit, daß die europäischen Regierungen eine geschlossene Front gegen den unempfindlichen Unilateralismus der USA beziehen, und es ist auch sinnvoll zu fordern, daß „Kerneuropa“ dabei vorangehen und ein Beispiel setzen soll. Aber was ist „Kerneuropa“? Gehört England dazu? Kein britischer Philosoph, kein Schriftsteller äußert sich in der koordinierten Aktion, und keine Londoner Zeitung hat ihre Spalten dafür geöffnet. Und der französische Beiträger, Derrida, bekennt offenherzig, daß er nur seinen Namen über den „gemeinsam mit Habermas geschriebenen“ Artikel für die FAZ gesetzt habe; der Text selbst sei allein von Jürgen Habermas verfaßt, wie ja schon der Stil zeige. Solche Begleitumstände sind typisch für europäische Koordinationen. Da unterscheiden sich Intellektuelle kaum von Politikern.

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