Wertevermittler aus dem Niemandsland

Daß die Diskussion um die deutschen Ergebnisse jener großangelegten, weltweiten Bildungsstudie "Pisa", deren Auswertung im letzten Jahr über Monate Titelseiten und Fernsehabende füllte, bereits wieder verebbt sei, ist ein äußerer Anschein, der trügt. Die meisten Bundesländer haben die Wochenstundenzahl in den unterschiedlichen Schulformen heraufgesetzt, die Bundesregierung möchte vier Milliarden in Ganztagseinrichtungen investieren, Schulen mit hervorragendem Profil erleben starken Zulauf, und der "Pisa-Schock" wirkt noch als publizistisches Nachbeben und Nachlese fort.

Petra Gerster und Christian Nürnberger dürfen sich rühmen, vor zwei Jahren mit ihrem Buch über den "Erziehungsnotstand" bereits im Vorfeld den Bildungsskandal aufgegriffen und Gegenkonzepte entwickelt zu haben. Das populäre Journalistenehepaar hatte mit klaren Worten und anschaulicher Sprache die Bildungsresistenz deutscher Schüler auf eine Wohlstandsverwahrlosung zurückgeführt. Die Eltern zweier schulpflichtiger Kinder sprachen weniger als Pädagogikspezialisten denn aus eigener Erfahrung von den Problemen heutiger Mütter und Väter, die nicht erziehen können oder wollen. Vorrangig im Elternhaus wollten sie daher den Hebel angesetzt wissen und sprachen sich gleichzeitig deutlich gegen die Ökonomisierung des Wissenserwerbs aus, legten eine leicht modernisierte Version des humanistischen Bildungsideals dar. Zu Recht wurde das Buch ein Bestseller.

Unter eben der Prämisse, daß statt des "Bildungsstandorts" vielmehr und zunächst die Charakter- und Persönlichkeitsbildung unserer Kinder greifen müsse, haben sie nun mit "Stark für das Leben – Wege aus dem Erziehungsnotstand" einen Folgeband nachgelegt. Der setzt wiederum nicht bei Lehrplänen, Computermangel und ausgefallenen Stunden an, sondern bei den Grundlagen häuslicher Erziehung und den Ergänzungen, die Eltern zu leisten haben, wo Schule versagt. Was ist eine "gute Erziehung"? Welche Werte müssen wir unseren Kindern vermitteln, welchen Glauben? Wie wird ein Kind zur starken Persönlichkeit, was kennzeichnet eine solche? Was das Journalistenpaar, sich selbst vorsichtig konservativ positionierend, dazu zu sagen hat, ist allemal lesenswert. Launig, unterhaltsam und gleichzeitig kenntnisreich geschrieben, werden die recht kunterbunt zusammengefügten Kapitel weitgehend aus dem eigenen, bisweilen selbstironisch reflektierten Erfahrungsschatz gespeist und ab und an durch wissenschaftliche Erkenntnisse unterfüttert.

Einen Angelpunkt des Selbstverständnisses des Autorenpaars bilden wieder die Erkenntnisse des Philosophen Robert Spaemann, der den Standpunkt der Masse der "wertneutral" erziehender Eltern als verhängnisvollen anthropologischen und pädagogischen Irrtum bezeichnet. Aus dem – bewußt oder unbewußt gewählten – Grundsatz, jedes Urteil und jede Entscheidung den Kindern zu überlassen, resultiere die "pathologische Bildungsschwäche vieler junger Erwachsener". Wo sich Eltern vor eigenen Wertungen drücken, so folgern Gerster und Nürnberger, "hinterlassen sie ein Vakuum, das dann von anderen Kräften – und nicht immer guten – gefüllt wird". Ethos verstehen die Autoren als "Heimat", und Kinder werden "heimatlos, wenn wir sie werteneutral zu erziehen versuchen. Wir verhindern, daß sie Wurzeln schlagen, Gewohnheiten bilden, ihre eigene Identität entwickeln, wenn wir sie darüber im unklaren lassen, was bei uns zu Hause Sitte ist, gut und böse und wichtig oder unwichtig."

Die beiden Journalisten machen sich keine Illusionen über die Durchschlagkraft außerhäuslicher ethischer Erziehung: Von Schule und Gesellschaft könne solche Orientierung nicht erwartet werden, es sei im Wesen von pluralistischen Gesellschaften begründet, daß sie sich nicht mehr auf einen Wertekanon einigen können. Solche Erkenntnisse sind bei weitem keine Gemeinplätze, es ist bedeutsam, daß sie von bekannten und beliebten Medienpersönlichkeiten ausgesprochen werden. Daß das Buch dennoch deutlich gegenüber seinem empfehlenswerten Vorgänger abfällt, hat mehrere Gründe: Viele der ausführlich dargelegten Erkenntnisse sind eben doch nicht neu und wirken in ihrer Allgemeingängigkeit als Seitenfüller. Etwa, daß Lesen wichtig ist und Sport guttut. Außerdem: Das durchgehende Plaudern aus dem eigenen Nähkästchen hat zweifelsohne hohen Unterhaltungswert und macht die pädagogischen Thesen bildhaft und konkret. Jedoch lenken die dutzendweise genüßlich ausgebreiteten Privatgeschichten von Haustieren, Großmüttern und den Samstagnachmittagen der eigenen Kindheit von der Ernsthaftigkeit des Themas ab und lassen durch ihren flotten Kolumnenstil vieles dann doch wieder relativ erscheinen: Bei uns war das eben so, bei anderen mag das anders sein, schließlich waren wir auch 68er, und dennoch ist etwas aus uns geworden – so die Botschaft, die sich durch den Text zieht.

Dazu kommen innere Widersprüche, die wohl aus eben jenem Relativismus rühren, aber auch daher, daß das Paar nicht gemeinsam, sondern, ohne daß es jeweils gekennzeichnet wäre, abwechselnd die Feder führt. Mal heißt es – zum Thema "Wie viel Mutter braucht das Kind?" -, daß schon kleinste Kinder eine sozial verarmte Welt erlebten, wenn sie nur unter Eltern und Geschwistern aufwachsen. Dann wird andererseits argumentiert, daß berufstätige Eltern den Bewegungsmangel ihrer Kinder nicht kompensieren könnten. Immerhin ist es da ehrlich, wenn die Autoren zugeben, keine Antwort zu haben, sondern "nur ein paar Vermutungen".

Wer die deutlichere Sprache sucht, findet sie sicherlich in Heiner Hofsommers schmalem Buch zur "Pisa-Pleite". Hier wird nicht vage vermutet, sondern gewußt: Die Schuld am Bildungsdesaster tragen die "Experten der Spiel-, Spaß- und Aktionspädagogik", die Vertreter der "Gleichmacherei", die ganze Schülergenerationen "mit unmöglichem Konfliktgeschwätz" gelangweilt haben. Dabei – Hofsommer nennt Zahlen – wurde staatlicherseits zu keiner Zeit so viel Geld in Schulbildung investiert wie heute, von den zusätzlichen, privat getragenen Kosten für Nachhilfeunterricht ganz zu schweigen.

Auch Hofsommer, den vor zwei Jahren linke Eltern durch eine unsägliche Verleumdungskampagne in seiner Funktion als Schulleiter in Fulda ausbremsten, spricht aus Erfahrung. Der Vater von vier Kindern war von 1990 bis 1993 als Schulamtsdirektor persönlicher Berater des Thüringer Kultusministers, hat dadurch wie durch seine Berufspraxis entsprechenden Einblick in die politischen wie direkt schulischen Mißstände. Seine programmatischen Forderungen sind deutlich: Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin und Selbstlosigkeit statt "schülerzentrierter" Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung.

Wer sich mit der Bildungsmisere unseres Landes nur sehr am Rande auseinandergesetzt hat, erhält hier eine präg-nante Zusammenstellung konservativer Stellungnahmen und Forderungen, die eine Antwort auf das eklatante Abschneiden deutscher Schüler bei Pisa liefern. Allein, Hofsommer hinkt der Diskussion auch dann hinterher, wenn man wohlwollend zugeben mag, daß er mit jeder seiner Thesen im Recht sei: Natürlich sind die ungezählten verschriftlichten Elaborate der psychologischen, soziologischen und politologischen Akademikerzunft zum Großteil entbehrlich, natürlich brauchen wir statt dessen "Facharbeiter, Meister, Ingenieure und Hochschullehrer, die (…) dazu beigetragen haben, daß aus dem größten Trümmerhaufen der Weltgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg der modernste Staat Europas geschaffen wurde". Natürlich wird über den Bildschirm "unsere Jugend regelrecht verdorben". Insgesamt mag wohl stimmen, daß es "früher" besser gewesen ist. Es bleibt die Frage, ob solche Einsichten in der öffentlichen Diskussion weiterhelfen.

Diese orientiert sich nämlich an dem, was gern "Lebensrealität" genannt wird, und dazu gehört neben den heute zu kurz kommenden Hochbegabten auch die wachsende Anzahl der sogenannten Hyperaktiven, der Scheidungskinder, der sozial Verwahrlosten, der Schlüssel- und Hortkinder, kurz: diejenigen, denen der ideale familiäre Hintergrund, den Hofsommer voraussetzt, fehlt.

Außerdem: Eine Auseinandersetzung mit der Grundschule, die Hofsommer bitter einklagt, hat es im vergangenen Jahr bereits gegeben, die entsprechende "Iglu-Studie"- mit ebenfalls nicht eben ermutigenden Ergebnissen – wurde damals allenthalben heftig diskutiert. Man darf die Schlüsse, die progressive Stimmen aus Pisa zogen, ablehnen, aber man muß deren Argumente kennen, nennen und sie präzise entkräften. Dieses Vorgehen vermißt man in Hofsommers Buch. Und: Immerhin in einer Hinsicht folgt Hofsommer dem pädagogischen Zeitgeist – sein Buch ist in neuer Rechtschreibung abgefaßt.

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